Belp

Dank dem Kirchenasyl darf die Familie in der Schweiz bleiben

BelpDie Kleinfamilie aus Eritrea, die in den letzten Wochen Kirchenasyl erhielt, wird nun doch nicht nach Italien ausgeschafft. Die Mutter und ihr Sohn können in der Schweiz ein Asylgesuch stellen.

Können in der Schweiz bleiben: Freweyni Beyene und ihr Sohn Nimerod aus Eritrea.

Können in der Schweiz bleiben: Freweyni Beyene und ihr Sohn Nimerod aus Eritrea. Bild: Manu Friederich / zvg

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Die Freude bei der reformierten Kirche Belp-Belpberg-Toffen ist gross. Die Eritreerin Freweyni Beyene und ihr Sohn Nimerod können vorläufig in der Schweiz bleiben und werden nicht nach Italien ausgeschafft. Konkret bedeutet dies, dass das Asylver­fahren in der Schweiz wieder aufgenommen wird.

Dies hat das Staatssekretariat für Migration (SEM) am Dienstag in einem Brief an den Rechtsberater der Familie, Balz Oertli vom Solidaritätsnetz Bern, mitgeteilt. Der Fall wurde bekannt, weil die Kirch­gemeinde Belp den beiden Per­sonen seit dem 10. Oktober Kirchenasyl gewährt hatte.

Nun kann die Eritreerin in der Schweiz eine neue Aufenthaltsbewilligung beantragen und bis zum definitiven Asylentscheid mit ihrem Sohn im Land bleiben. «Wir sind sehr erleichtert», sagt der Belper Pfarrer René Schaufelberger. Denn so richtig hatten er und seine Mitstreiter nicht mit diesem Ausgang gerechnet. «Jetzt sind wir positiv überrascht.»

Erleichtert: Pfarrer René Schaufelberger. Bild: Andreas Blatter

Traumatisierte Familie

Ursprünglich hätten die 29-jährige Mutter und ihr 8-jähriger Sohn die Schweiz bis zum Freitag, 4. November verlassen müssen. Sie sollten nach Sizilien ausgeschafft werden, wo sie nach ihrer Flucht nach Europa zuerst re­gistriert worden waren.

Die Schweiz konnte sich dabei auf das Dubliner Abkommen be­rufen. Ein Land muss auf ein Gesuch nicht eintreten, wenn bereits in einem anderen Mitgliedsstaat ein Asylverfahren läuft. Im Mai folgte der definitive Weg­weisungsentscheid.

Doch dann machte Rechts­berater Oertli die Belper Kirchgemeinde auf das Schicksal der beiden Flüchtlinge aufmerksam. Die Kirchgemeinde entschied nach kurzer Bedenkzeit, der Familie Kirchenasyl zu gewähren, und teilte dies den Behörden mit.

Polizei tauchte nicht auf

Die Kirche machte geltend, dass die Frau traumatisiert und gemäss ärztlichem Gutachten suizidgefährdet sei. Die Frau hatte angegeben, dass sie auf der Flucht in Libyen vom IS gefangen genommen und gefoltert wurde. Und der Sohn hatte gegenüber Psychiatern erklärt, dass er Enthauptungen und Steinigungen miterlebt hatte. Die Kirchgemeinde zweifelte daran, dass die Familie in Italien eine würdige Unterkunft und weitere psychiatrische Behandlung erhielte.

Am 3. November teilte der Kanton der Kirchgemeinde mit, dass er die Familie ausweisen wolle. Daraufhin machte die Kirche den Fall publik – mit Erfolg. Einen Tag später teilte das kan­tonale Amt für Migration und Personenstand in einer Mail an Oertli mit, dass die Ausschaffung nicht durchgeführt wird. Die Polizei tauchte nicht in Belp auf.

Neue «Aktenlage»

Dennoch rechnete die Kirchgemeinde bis am Mittwoch mit der Ausschaffung. Denn laut Oertli wollte der Kanton die Frist für die Rückweisung um ein Jahr ver­längern. Zudem bekräftigte Regierungsrat Hans-Jürg Käser (FDP) vor einer Woche in dieser Zeitung: «Bei der Eritreerin ­handelt es sich um einen klaren Dublin-Fall.»

Jetzt aber hat der Fall eine neue Wendung genommen. Laut SEM-Mediensprecherin Léa Wertheimer hat die «aktuelle Akten­lage» dazu geführt, das Asyl­verfahren wieder aufzunehmen. Mehr sagt sie «aufgrund des Datenschutzes» nicht zum Fall. Sie verneint aber, dass das Kirchenasyl eine Rolle gespielt hat.

Auch Rechtsberater Oertli vom Solidaritätsnetz kennt die Gründe nicht. «Unserer Interpretation ist ganz einfach, dass die Frist für die Rückweisung gemäss Dublin-Abkommen abgelaufen ist.» Damit gebe es keine Möglichkeit mehr, die Familie nach Italien abzuschieben. Er wisse aber nicht, was zwischen dem Bund und dem Kanton abgelaufen sei. Der Kanton äusserte sich am Mittwoch nicht zum SEM-Entscheid.

In eine Asylunterkunft

Derweil hat die Familie aus Eri­trea noch am Mittwoch eine neue Aufenthaltsbewilligung und einen Platz in einer Asylunterkunft beantragt. «Die Beherbergung ist für uns nun abgeschlossen», sagt René Schaufelberger.

«Wir werden mit der Familie in einem engen und guten Kontakt bleiben.»Pfarrer René Schaufelberger

«Wir werden mit der Familie aber sicher in einem engen und guten Kontakt bleiben.» Das Kirchenasyl sei so lange nötig gewesen, bis eine Lösung für Mutter und Kind in der Schweiz möglich geworden sei, sagt Schaufelberger.

Ob das Belper Kirchenasyl entscheidend war für die Verfügung, vermag der Pfarrer nicht zu beurteilen. «Ich denke aber, dass die Behördenvertreter gemerkt haben, dass sich die Familie in einer sehr schwierigen Situation befindet.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.11.2016, 12:11 Uhr

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