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«Das Internet ist ein ungemütlicher Ort geworden»

BernDer Wissenschaftsjournalist und Kulturblogger Roland Fischer organisiert den ersten Berner Crypto Club. Kryptografen kämpfen für die Privatsphäre im Internet.

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Kryptografen wollen Systeme sichern, Hacker wollen sie zerstören. Wie kommt es zum heutigen Treffen der beiden Lager?
Wir koordinierten zwei geplante Veranstaltungen, weil uns die Kombination gefiel. Die gemeinsame Veranstaltung dreht sich um ein ähnliches Themenfeld, doch treffen gegensätzliche Haltungen aufeinander.

Sind Hacker und Kryptografen gar Brüder im Geiste?
Auf der Suche nach Kryptografen, die mir beim Crypto Club helfen, bin ich schnell in klassischen Hackerkreisen gelandet, beim Chaos Computer Club. Dessen Mitglieder sehen den Ausweg aus der aktuellen Misere weniger darin, das System zu knacken, sondern darin, es sicherer zu machen und gut abzuschliessen.

Betrifft die Misere, die Sie monieren, den Durchschnittsbürger?
Mit dem Wissen über das allumfassende Überwachungssystem ist unsere Gesellschaft unversehens in einer neuen Welt gelandet. Vorher durfte der Einzelne annehmen, erst aufgrund irgendeines Verdachts in den Fokus der Überwachung zu kommen. Neu sind alle Bürgerinnen und Bürger ständig in diesem Fokus – wer Anonymität will, muss diese erst herstellen. Das Internet ist ein ungemütlicher Ort geworden.

Was kann Kryptografie dagegen tun?
Kryptografie will verhindern, dass Dritte Zugang zu privater Kommunikation haben. Wenn sich alle schützen würden, wäre die alte Konstellation, in der Anonymität der Normalfall war, wiederhergestellt. Heute muss man bei jedem unverschlüsselten Mail davon ausgehen, dass es abgehört und analysiert wird.

Wieso hat denn kaum ein Internetnutzer seit den Snowden-Enthüllungen etwas geändert?
Es herrscht immer noch das Gefühl einer vermeintlichen Anonymität vor, gepaart mit einem der Machtlosigkeit und dem bisherigen Ausbleiben sichtbarer Konsequenzen. Snowdens Enthüllungen haben etwas Abstraktes: Wir sehen keinen Agenten im Regenmantel, wenn wir aus dem Fenster schauen. Eigentlich ist aber genau dies der Fall.

Und trotzdem fühlt sich kaum jemand betroffen.
Darüber müssen wir dringend diskutieren. Unsere Demokratie und unser Umgang miteinander haben viel damit zu tun, dass es einen öffentlichen und einen privaten Bereich gibt. Das scheint so selbstverständlich, dass wir nicht einmal merken, dass uns das Private schon weggenommen wurde. Gelingt es nicht, dies zurückzuholen, wird sich das ganze System ändern. Wir werden unsere Rechte anders wahrnehmen, wenn wir ständig damit rechnen müssen, dass ein mächtiger Apparat unser Denken und Handeln überprüft.

Wo steht hier die Politik?
Obwohl am letzten Wochenende nur wenige Leute gegen die Revision des Überwachungsgesetzes demonstrierten, zeigte sich etwas Spannendes: Es gibt eine Allianz der Gegner von der SVP bis zur Alternativen Liste – bei den Jungparteien. Die Front verläuft also zwischen Jung und Alt. Vielleicht haben die Jungen das stärkere Bewusstsein dafür, dass Grundrechte auch in der digitalen Welt gelten müssen.

Der Crypto Club soll dafür sensibilisieren.
Eine wichtige Message ist auch, dass der Schutz wirksamer ist, je mehr Leute mitmachen. Wer sich schützt, ist deshalb mit jenen solidarisch, die es wirklich nötig haben, verborgen zu bleiben. Und, all den Enthüllungen zum Trotz: Wir sind nicht machtlos. Es braucht bloss eine Stunde Aufwand, um sich mit kryptografischen Werkzeugen zu schützen.

Der Berner Crypto Club ist ganz neu. Was passiert andernorts?
Im Moment tut sich extrem viel, was direkt auf Snowden zurückzuführen ist: Vor rund einem Monat befasste sich dieser in einer Videobotschaft einzig damit, was nun auf seine Enthüllungen folgen muss. Eigentlich hielt er einen Vortrag über Kryptografie. Nun versuchen immer mehr Leute, diese Idee auf niederschwellige Art zu vermitteln.

Das Hackingfestival kommt recht ironisch daher. Ihnen scheint es aber ernst zu sein?
Der Crypto Club hat tatsächlich ein klares und ernstes politisches Anliegen – er soll aber auch Spass machen. Und mir gefällt die Idee, dass das Hackingfestival dies etwas auflockern wird. (Berner Zeitung)

Erstellt: 05.06.2014, 10:16 Uhr

Roland Fischer organisiert den ersten Berner Crypto Club.

Hackingfestival

Kryptografen wollen die Privatsphäre im Internet retten, indem sie das WWW mit Sicherheitsschlössern versehen. Ein Jahr nach seinen Enthüllungen regt Edward Snowden an, dass sich Internetnutzer mit Kryptografie befassen.

Dies will auch der erste Berner Crypto Club, der am Donnerstag um 20.30 Uhr in der Dampfzentrale stattfindet. Nach einer Einführung gibt es praktische Anleitungen – wer will, nimmt den Laptop mit.

Am gleichen Ort geht heute Abend das dreitägige Hackingfestival «ckster» los. Es befasst sich mit zahlreichen Veranstaltungen an wechselnden Orten mit dem gesellschaftsrelevanten Potenzial von Hacking, wobei der Begriff weit über die digitale Welt hinaus verstanden wird.
Das Festival wird vom Berner Kollektiv Rast organisiert. (hae)

facebook.com/berncryptoclub
Festivalprogramm: www.ckster.org

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