Bern

Debatte um Jenische: «Der Schulstoff ist für alle Kinder der gleiche»

BernJenische Eltern, die ihre Kinder nicht in die Schule schicken, sollen nicht mehr sanktioniert werden. Im Interview legt der jenische Aktivist Venanz Nobel die Position der Betroffenen dar.

Venanz Nobel, jenischer Aktivist.

Venanz Nobel, jenischer Aktivist. Bild: Beatrice Hadorn/zvg

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Herr Nobel, darf ein System von vornherein schlecht ausgebildete Jugendliche in Kauf nehmen?
Venanz Nobel: Ich weiss nicht, ob sich statistisch ein besonders tiefes Bildungsniveau Jenischer und anderer sogenannter Fahrender belegen liesse. Ich war diese Woche beim Standplatz Buech in Bern. Dort traf ich ernsthaft besorgte Leute, die mir die Abschlusszeugnisse ihrer Berufslehren zeigten.

Aber es gibt auch Probleme.
In der Schweiz leben über 30'000 Jenische, wovon 10 Prozent eine fahrende Lebensweise pflegen. Eltern, welche die Schulpflicht ihrer Kinder nicht ernst nehmen, sind eine winzige Minderheit innerhalb der Minderheit, die dazu missbraucht werden, das Bild der ganzen Gruppe zu prägen.

Bei den Jenischen in Buech, die im Winter sesshaft sind, spricht die kantonale Erziehungsdirektion aber von einer aufgeweichten Schulpflicht. Das selbstorganisierte Lernen im Sommer scheint nicht zu klappen.
Ich finde den Begriff der aufgeweichten Schulpflicht unglücklich. Der Schulstoff ist für alle Kinder der gleiche, ob sie auf die Reise gehen oder nicht – nur die Form des Unterrichts ist eine andere. Da geht es einerseits um Minderheitenschutz, geht es darum, die jenische Kultur zu schützen und zu fördern. Andererseits pflegt der Kanton Bern bei autodidaktischem Unterricht ein liberales Regime, von dem auch religiöse Minderheiten mitunter profitieren.

Oder eben die Jenischen.
Es hat in Buech mindestens in der Vergangenheit wohl einzelne Familien gegeben, die das System zu ihren Gunsten interpretiert haben. Natürlich ist es nicht in Ordnung, im Sommer auf dem Standplatz zu bleiben und die Kinder nicht in die Schule zu schicken, oder im Winter die Schulpflicht zu wenig ernst zu nehmen. Aber auch bei denen, die seriös dranbleiben, ist es im Herbst sowohl für die Schule wie für die Kinder nicht ganz einfach, den Wechsel im Lernsystem und den Zuwachs im Klassenverband unter einen Hut zu bringen.

Also stellt das städtische Schulamt wegen ein paar Einzelfällen das ganze System auf den Kopf?
Ich sehe in den letzten Wochen eine gewisse mediale Skandalisierung. Die Behörden agieren nicht aus einem akuten Ärger, sondern planen diese Änderungen seit Jahren, übrigens zusammen mit den Betroffenen. Darunter hat es sehr engagierte junge Eltern, die grosse Hoffnungen in die geplanten Neuerungen setzen.

Sie sprachen von Minderheitenschutz. Kollidiert dieser nicht mit anderen Rechten, etwa jenem eines jenischen Kinds auf eine gute Bildung?
Ich sehe dies nicht als Kollision, sondern als Herausforderung für die künftige Integration von Minderheiten. Das ist eine Herausforderung auch für die Volksschule. Die paar Hundert fahrenden Kinder in der Schweiz gehen doch auch lieber zur Schule, wenn sie als normaler Teil der Gesellschaft anerkannt werden. Wenn ihre Geschichte im Schulbuch vorkommt, haben wir dafür ganz andere Voraussetzungen, als wenn immer nur auf Probleme fokussiert wird. Natürlich gibt es auch mit Jenischen Probleme, wie mit allen anderen auch.

Bei Sesshaften schalten sich irgendwann die Behörden ein. Sind diese gegenüber Jenischen zurückhaltender, weil sie seit «Kinder der Landstrasse» eine historische Schuld haben?
Ich glaube nicht. Wenn eine Behörde in Buech eine Busse nicht eintreiben kann, ist dies ein Problem der Staatsgewalt und allenfalls der finanziellen Verhältnisse der Gebüssten. Da geht es nicht um Sonderrechte, sondern um die normale Umsetzung der geltenden Rechte und Pflichten.

Laut einem Vertreter der Jenischen müsse man verstehen, dass einige auch vierzig Jahre nach «Kinder der Landstrasse» noch zuckten, wenn sie das Wort Schule hören. Wie lange darf jemand so argumentieren?
Es gibt namhafte Leute, die diesen Angriff auf die jenische Kultur als Völkermord bezeichnen. Da sind vierzig Jahre eine kurze Zeit. Denken Sie an die posttraumatischen Störungen der jüdischen Bevölkerung: Da konnte eine ganze Generation nicht über das Geschehene reden, die zweite Generation musste sich die eigene Geschichte selber aneignen. In diesem Prozess sind wir Jenischen immer noch drin.

Ist dies ein Freipass für Jenische, ihre Söhne nicht in den Hauswirtschaftsunterricht zu schicken?
(Lacht) Nein. Das sind Ansichten, die bei einzelnen fahrenden Gruppen kursieren. Als Einzelperson oder in der Gruppe darf man sich gegen solche Dinge einsetzen. Der weitaus grösste Teil der Jenischen hat damit aber kein Problem. Wir leben im 21.Jahrhundert. In diesem Zusammenhang denke ich viel eher an E-Learning. Das könnte zu Lösungen führen, wie die jenische Kultur respektiert und gleichzeitig ins 21. Jahrhundert transportiert werden kann – mit neuen Formen, auch bei der Schule.

Und wie lange dauert es, bis eine historische Schuld bei aktuellen Fragen nicht mehr ins Gewicht fällt?
Eine historische Schuld bleibt für immer. Sie ist ein Teil der Geschichte eines Landes, der sich nicht tilgen lässt. Umso mehr gehört das Thema in die Schulbücher und in die offizielle Geschichtsschreibung. Dabei geht es nicht um knapp fünfzig Jahre «Kinder der Landstrasse», sondern um ganze Jahrhunderte der Ausgrenzung und Diskriminierung. Der Begriff «Schlitzohr» stammt aus dem Mittelalter, als man Fahrenden das Ohr schlitzte, um sie öffentlich als Vaganten zu brandmarken. Angesichts dieser zeitlichen Dimension scheint es mir müssig, Jenische nach vierzig Jahren aufzufordern, «endlich mit dem alten Seich» aufzuhören. (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.03.2015, 09:36 Uhr

Zur Person

Der 59-jährige Venanz Nobel ist Vizepräsident des Vereins «Schäft Qwant», der sich für die Interessen Jenischer einsetzt, sowie Geschäftsführer der «Cooperation jenische Kultur». Er gilt als Intellektueller und bezeichnet sich selber als Barfuss-Historiker – er wird zwar mitunter als Historiker vorgestellt, hat aber kein Geschichtsstudium absolviert. Nobel machte eine kaufmännische Lehre und ist bis heute auch als Buchhalter tätig. Er war gut zwanzig Jahre lang «auf der Reise». Derzeit lebt er «wohnend» in Basel. hae

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