Riggisberg

Die wilde Exotik gemusterter Seide

RiggisbergFremd, gewagt und extravagant: Die neue Sonderausstellung in der Abegg-Stiftung zeigt luxuriöse europäische Seidenstoffe aus dem 18. Jahrhundert.

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«Die Muster wechselten, die Schnitte kaum», erklärt Anna Jolly, Kuratorin der Abegg-Stiftung, bei einem Rundgang durch die neue Sonderausstellung. In den weiten, fliessenden Roben, die im 18. Jahrhundert in Mode waren, kamen die prächtig gemusterten Seidenstoffe mit den kräftigen Farben gut zur Geltung.

Dies ist an einem Hausmantel für einen gross gewachsenen Mann zu sehen, der ihn mit der passenden Mütze trug, wenn er sich in den eigenen vier Wänden seiner Perücke entledigte.

Bilder zeigen: Im damaligen Europa kleideten sich sowohl Frauen als auch Männer in kostbare Seidenstoffe, sofern sie der aristokratischen Klasse ange­hörten. Gewaschen wurden die Prachtsgewänder selten bis nie. «Deshalb sind bis heute sehr viele dieser Stoffe gut erhalten», sagt Anna Jolly.

Exotisch und bizarr

Einen der Höhepunkte der Ausstellung bilden die sogenannten «bizarren Seiden». Die Stoffe entstanden ungefähr zwischen 1690 und 1720 und gehören zum ­Exotischsten, was die Seiden­webereien je hervorgebracht haben. Die bizarren Muster sind so einfallsreich gestaltet, dass sie sich kaum beschreiben lassen.

«Woher die Inspirationsquelle für solche Muster stammt, dar­über rätselt man bis heute», sagt Anna Jolly. Eine Möglichkeit könnte sein, dass man sich vom Dekor importierter Ware wie auf Porzellan oder bemalten Papiertapeten inspirieren liess.

Einzelne Motive können oft nicht identifiziert, sondern nur assoziiert werden, etwa mit Gegenständen oder Wesen. Nebst bunten Pflanzenmotiven sind bei genauem Hinsehen Tiere zu erkennen, Karpfen, Löwen und Vögel. Da sind auch tropische Früchte wie die Ananas, die damals in Europa noch kaum bekannt war.

Meistens sind die ­Gewächse, Blumen, Blätter und Früchte der Fantasie der Mus­terentwerfer entsprungen. Die Proportionen sind verfremdet, die Blütenköpfe überdimensioniert – ein Naturalismus, der wenig natürlich ist.

Suche nach der Inspiration

«Vielleicht kam die Inspiration auch von den ersten Blicken durch Mikroskope, die damals möglich waren», mutmasst die Kuratorin, die sich selber über Jahre mit den Mustern von Seidenstoffen beschäftigte und über die Seidengewebe mit sogenannten Spitzenmustern ein Buch verfasst hat.

Das reich bebilderte Werk enthält einen Katalogteil, in dem alle 111 Gewebe dieser Stilrichtung beschrieben und kunsthistorisch eingeordnet werden. Mit diesem Band liegt der dritte Bestandskatalog der Abegg-Stiftung zu den Seidengeweben des 18. Jahrhunderts vor.

Die Ausstellung: «Der Hang zur Exotik. Europäische Seiden des 18. Jahrhunderts». 29. April bis 11. November. Täglich von 14 bis 17.30 Uhr. www.abegg-stiftung.ch. Anna Jolly: «Seidengewebe des 18. Jahrhunderts III – Spitzenmuster». (Berner Zeitung)

Erstellt: 21.04.2018, 10:50 Uhr

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