Fürs Museum erlegte er 134 Tiere

Vor 80 Jahren wurden im Naturhistorischen Museum Bern die Afrika-Dioramen eröffnet. Gestaltet wurden sie mit Tieren ­aller Art, die der Berner Grosswildjäger Bernard von Wattenwyl erlegt hatte – bis er von einem Löwen getötet wurde.

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4. Mai 1923 bricht der Bernburger Bernard von Wattenwyl mit seiner Tochter Vivienne und zwei Jagdgewehren zu einer Safari nach Afrika auf. Am 30. September 1924 wird er von einem Löwen zerfetzt.

Von Wattenwyls Motivation für die Afrika-Reise war, «die Leidenschaft mit dem Nützlichen zu verbinden». Die Leidenschaft: Tiere jagen und erlegen. Das Nützliche: Köpfe, Hörner und Häute dem Naturhistorischen Museum Bern zur Verfügung stellen. Der Berner Grosswildjäger und seine Tochter werben bei ihrer Ankunft in Ostafrika (Nairobi, Kenia) ein paar Dutzend einheimische Träger an.

In sieben Monaten legen sie zu Fuss 2000 Kilometer zurück. Richtung Zentralafrika. Auf dieser Route erlegt von Wattenwyl Antilopenarten, Zebras, Giraffen, Hyänen und Schakale, einen Elefanten und etliche Löwen. Tochter Vivienne gibt keinen Schuss ab, sie ist dazu auserkoren, die Häute der Tiere zu schaben und zu konservieren. Sie hat mit 35 Grosswildarten zu tun.

Nach ihrer Rückkehr nach Nairobi starten Vater und Tochter wenig später zu einer zweiten und dritten Safari. Auf der Abschussliste steht unter anderem die scheue und seltene Bongo-Antilope.

134 Tiere, 53 Arten

Der finale Schuss gelingt nicht immer. Vivienne von Wattenwyl beschreibt später in ihrem Buch «In blaue Fernen» von angeschossenen Tieren, die flüchteten und nicht mehr eingeholt werden konnten. «Mir schien, es bedürfe einer Kanonenkugel, um den Koloss zu fällen», schreibt sie, «der Schuss tönte so schwach, der Elefant warf sich herum und bot Gelegenheit zu einer zweiten Kugel, doch leider klemmte die Patrone im Magazin.» Und so verschwand der Dickhäuter in der Dämmerung.

Die von Wattenwyls verbuchen inzwischen 134 erlegte Tiere aus 53 Arten. Am 30. September 1924 schiesst der Grosswildjäger mit seinem Monsterkaliber, einer 416er Rigby express, wieder einmal auf einen Löwen. 18 hat er bereits erlegt. Doch beim 19. gehts schief. Vivienne von Wattenwyl beschreibt die Szene so: «Nach einem zweiten Schuss wirbelte der Löwe herum, warf sich auf ihn und zerriss ihn mit seinen Pranken.» Von Wattenwyl kann, vom Löwen in die Zange genommen, noch seinen Colt ziehen und das Raubtier erlegen. Der Jäger selbst stirbt einen Tag später an seinen schweren Verletzungen.

Die Tochter jagt weiter

Nach dem Tod ihres Vaters führt Tochter Vivienne die Expedition zu Ende und jagt die noch fehlenden Spezies: Breitmaulnashorn, Krokodil, Busch- und Wasserbock, Kafferbüffelkuh mit Kalb. Vier Jahre später geht sie erneut auf Safari. Ihre Einstellung zur Tierwelt hat sich um 180 Grad gedreht. Sie tauscht das Gewehr mit der Kamera, sie will jetzt Tiere schützen statt töten.

1937 reist Vivienne von Wattenwyl nach Bern, wo sie die ein Jahr zuvor eingerichtete Sammlung von Wattenwyl im Naturhistorischen Museum besichtigt. Der Neubau an der Bernastrasse ist direkt mit der Von-Wattenwyl-Safari verbunden. Die Burger wollten dieser Ausbeute gebührend Platz einräumen und brauchten dazu ein neues, grösseres Haus. 1936 wird es mit der Afrika-Dioramenschau eröffnet. Die exotischen Tiere hat der geniale Präparator Georg Ruprecht geschaffen.

Der natürliche Lebensraum, in dem sich die Tiere lebensecht dem Besucher präsentieren, geht auf den Kunstmaler Heinrich Würgler zurück. Die Dioramen werden schweizweit gefeiert. So etwas hat man noch nie gesehen. «Von dem altmodischen, üblichen Sammelsurium ausgestopfter Bälge und Felle keine Spur», so rühmt die «Luzerner Zeitung». Und: «Dem Naturhistorischen Museum steht ein afrikanisches Tiermaterial zur Verfügung, wie es kaum eine europäische Sammlung aufweist.»

Das Fell hat überlebt

Von den 116 ausgestellten Tieren in der Afrika-Sammlung gehen 60 auf die Safari der von Wattenwyls zurück. In den Katakomben des Museums, für das Publikum unzugänglich, lagern noch Tausende Tierhäute, Schädel und Skelette. Auch sämtliche Felle jener Löwen, die von Wattenwyl erlegt hat. Auch das Fell des Löwen Nr. 19, der den Grosswildjäger 1924 zur Strecke gebracht hatte.

Stefan Hertwig, Bereichsleiter Wirbeltiere, öffnet einen Schrank mit der Aufschrift «Mammalia carnivora». Hier, in einem Raum, der auf 12 Grad Celsius heruntergekühlt ist, liegt der Löwe – mit dunkler Mähne und einem breiten Riss am Rachenrand, dort, wo der tödliche Schuss ausgetreten ist.

Auf einem Zettel ein schwarzes Totenkreuz und die Notiz: «Zaire, 30. 9. 1924». (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.04.2016, 07:05 Uhr

Legale Safaris und illegaler Schmuggel

Was vor hundert Jahren gang und gäbe war, ist heute undenkbar: Wichtige Museen weltweit – und solche, die es werden wollten – organisierten Jagdsafaris durch Afrika, um «Tiermaterial» für ihre Ausstellungen zu besorgen. In Bern wurde für die Präsentation der exotischen Fauna vor achtzig Jahren ein Neubau errichtet: das Naturhistorische Museum der Burgergemeinde an der Berna­strasse. Das «Tiermaterial» wurde von Bernard von Wattenwyl geliefert. Der Bernburger und Grosswildjäger erlegte auf seinen Streifzügen durch Afrika über 130 Tiere. Seine Safari finanzierte er selbst, das Museum übernahm die Kosten für den Transport der Felle und Skelette nach Bern. Die 1936 eröffneten Dioramen im Museum wurden damals als Sensation gefeiert. Sie präsentieren sich bis heute in praktisch unveränderter Form dem Pub­likum.

Als Gegensatz zu von Wattenwyls Safaris steht die aktuelle Ausstellung «Tierschmuggel – tot oder lebendig», die bis zum 26. Juni dauert. Alle 24 Minuten wird in Afrika ein Elefant gewildert. Allein in Südafrika wurden letztes Jahr 1215 Nashörner illegal abgeschossen. Das Horn des Nashorns übertrifft auf dem Schwarzmarkt den Goldpreis bei weitem. Organisierte Verbrecherbanden machen mit Wilderei und Schmuggel jährlich einen geschätzten Umsatz von 20 Milliarden Dollar.

Durch diese Ausstellung sowie durch die Afrika-Dioramen gibt es Führungen auf Anfrage. Für Schulen steht didaktisches Material zur Verfügung. Am 28. April ist die Podiumsdiskussion «Tierschutz versus Artenschutz – ein Widerspruch?» angesagt. Am 8. Juni das Thema Sammeln, Züchten und Handeln. Freier Eintritt, jeweils ab 19.30 Uhr.

Weitere Infos: www.nmbe.ch.

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