Bern

«Grundbedingung ist in jedem Fall die Transparenz»

BernDie Kritik kommt von innen: 27 Wissenschaftler monieren in einem Appell die wachsende Bedeutung des Unisponsorings durch Unternehmen. Der Berner Staatsrechtler Markus Müller ist einer der Wortführer des professoralen Widerstands.

Der Staatsrechtler Markus Müller von der Universität Bern erläutert den Geist des «Zürcher Appells» gegen intransparente Geldflüsse von der Privatwirtschaft an die Universitäten.

Der Staatsrechtler Markus Müller von der Universität Bern erläutert den Geist des «Zürcher Appells» gegen intransparente Geldflüsse von der Privatwirtschaft an die Universitäten. Bild: Urs Baumann

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Herr Müller, sind unsere Universitäten käuflich?
Markus Müller: Nein, das sind sie noch nicht.

Noch nicht?
Sie könnten es in absehbarer Zukunft womöglich werden. Immer häufiger finanzieren private Unternehmen ganze Lehrstühle. Das bedroht die Unabhängigkeit von Forschung und Lehre.

Inwiefern?
Eine Bedrohung stellt nur schon der Anschein dar, den das Sponsoring erwecken kann. Nehmen Sie das Beispiel von Horst-Michael Prasser, der die von Swissnuclear finanzierte ETH-Professur für Kernenergiesysteme innehat. Nach dem Unfall in Fukushima war Prasser ein gefragter Experte. Allerdings nur so lange, bis die Öffentlichkeit erfuhr, dass er von den AKW-Betreibern bezahlt wird. Es gibt heute bereits zahlreiche ähnliche Fälle hierzulande. Der wohl krasseste Fall ist das 100-Millionen-Sponsoring der UBS an der Uni Zürich.

Das war der Auslöser für den Zürcher Appell. Unter den Unterzeichnern sind kaum Berner Professoren – warum?
Da dürften diverse Gründe mitspielen. Wer am eigenen Institut Sponsoren hat, macht naturgemäss nicht mit. Zudem ist bei vielen die Sensibilität für das Thema noch nicht sehr ausgeprägt. Und dann gibt es immer auch solche, die sehen zwar grundsätzlich das Problem, wollen sich aber lieber nicht exponieren.

Warum? Müssen Unterzeichner an der Uni Bern etwa Konsequenzen befürchten?
In Zürich sind, wie man hört, einzelne Professoren unter Druck geraten. Bei uns ist das zum Glück nicht der Fall: Die Unileitung reagiert grundsätzlich offen und gesprächsbereit.

Wie gross ist denn das Problem an der Uni Bern – wie viele der rund 390 Professuren sind ganz oder teilweise gesponsert?
Das weiss ich nicht genau. Bekannt sind etwa eine von Novartis gesponserte Professur für Psychosomatik und Rehabilitation, eine von der Post gesponserte Professur für Informationswissenschaft und schliesslich die von der Mobiliar gesponserte Professur für Klimafolgenforschung.

Es herrscht also auch uniintern keine Transparenz.
An den Universitäten fehlt vor allem noch die Sensibilität für die Gefahren des Sponsorings.

Bleiben wir in Bern. Haben Sie denn konkrete Anhaltspunkte dafür, dass die Unabhängigkeit hier nicht mehr gegeben ist?
Das nicht. Aber es gibt auch bei uns Fälle, die wie das Zürcher «UBS International Center of Economics in Society» Unbehagen auslösen. Nehmen Sie das Sponsoring der Mobiliar: Sie kann nicht nur bei der Lehrstuhlbesetzung mitreden. Sie setzt mit ihrem Sponsoring auch einen Forschungsschwerpunkt, von dem sie nach eigenen Angaben versicherungstechnisch verwertbare Erkenntnisse erwartet.

Sind solche Fälle mehr als Ausnahmen, die die Regel bestätigen?
Natürlich ist die Zahl solcher Fälle noch relativ klein. Aber sie steigt – und wird kaum thematisiert. Als 2012 das erwähnte UBS-Sponsoring an der Uni Zürich bekannt wurde, hat dies keine nachhaltige Debatte ausgelöst. Wir sollten uns aber darüber klarwerden, ob Sponsoring unter allen Umständen einfach zum universitären Alltag gehören soll.

Tut es das nicht schon? Immerhin verpflichtet das Hochschulförderungsgesetz die Unis dazu, selbst Gelder einzuwerben.
Genau da liegt eines der Hauptprobleme. Der Staat kürzt laufend die Mittel und setzt die Unis dadurch unter enormen Druck. Ob Rektor oder einzelner Professor: Jeder wird heute am Fundraising gemessen. Je mehr Drittmittel eine Uni akquiriert, desto mehr Bundesgelder bekommt sie. Das Hochschulförderungsgesetz setzt hier aus meiner Sicht falsche Anreize. Aber das ist nur die eine Seite. Die andere: Die Uni selbst ist immer stärker vom Markt- und Wettbewerbsdenken geprägt. Die Maxime heisst Wachstum – immer mehr Studierende, mehr Institute und Kompetenzzentren, mehr Forschungsplätze. Universitäten werden heute geführt wie Unternehmen. Und sie denken zunehmend wie Unternehmen.

Was sind denn die Folgen?
Die Folgen sind mannigfach. Es beginnt bei der Rekrutierung. Da verschieben sich schleichend die Gewichte. Gesucht werden zunehmend Manager und Verkaufstalente, die Universität braucht aber in erster Linie engagierte Lehrer und eigenständig denkende Köpfe. Hinzu kommt: Die Suche nach Drittmitteln ist für Professoren aufwendig. Wer sie forciert, muss notgedrungen an anderer Stelle Abstriche machen – zum Beispiel in der Lehre oder der Betreuung.

Kritiker werfen Ihnen vor, Sie wollten zurück zur geschützten Werkstätte im Elfenbeinturm.
Nein, gerade das will ich nicht – im Gegenteil. Wir treten in unserem Appell für eine aktive und offene Universität ein, die ihre Aufgaben in der Gesellschaft erfüllen kann. Dafür braucht sie Unabhängigkeit.

Ist Sponsoring wirklich das Hauptproblem? Weit zahlreicher sind doch die Fälle, in denen die Wirtschaft Einfluss nimmt mit gut dotierten Aufträgen für Gutachten, Studien oder Tests.
Die Problematik besteht auch hier, das stimmt. Aber ich würde die Gefahren hier insgesamt als geringer einstufen: Zum einen geht es bei solchen Aufträgen um eng begrenzte Fragestellungen. Zum andern ist das finanzielle Engagement befristet. Es werden auch keine festen Forschungseinrichtungen geschaffen, die je nachdem sogar den Namen eines Sponsors tragen.

Trotzdem leidet doch der Ruf der Uni, wenn Professoren nicht mal mehr öffentlich Auskunft geben, weil sie befürchten, Aufträge zu verlieren.
Es gibt tatsächlich noch zahlreiche Probleme, die mit dem betriebswirtschaftlichen Denken an den Universitäten zusammenhängen und die der Appell nicht alle aufgreifen konnte.

Wann ist ein Sponsor in Ihren Augen denn akzeptabel?
Wenn Mäzene und Spender der Universität etwas schenken wollen, liegt darin kein Problem. Das Problem entsteht dort, wo private Unternehmen Forschungsinstitutionen finanzieren, an deren Forschungsergebnissen sie eigene potenzielle Verwertungsinteressen haben.

Was wäre in solchen Fällen die optimale Lösung?
Unproblematisch wäre, wenn Firmen wie die Mobiliar der Uni Bern pauschal einen Betrag gäben, der dann in einen allgemeinen Fonds flösse. Die Universität könnte so gestützt auf eine vorgängig festgelegte Strategie die Gelder und Mittel einsetzen und verteilen. Dadurch würde die Unabhängigkeit der Forschung nicht in Mitleidenschaft gezogen.

Genügt das?
Eine Grundbedingung ist in jedem Fall die Transparenz. Die Universitäten müssen Sponsorenverträge offenlegen: Woher kommen die Mittel, wie hoch sind sie, wohin fliessen sie konkret, was sind die Bedingungen?

Die Uni Bern hat bereits Richtlinien für den Umgang mit Sponsoring – sind die genügend?
Aus meiner Sicht sind sie dies noch nicht. Dazu sind sie zu lückenhaft. Es steht zwar: «Die Freiheit und die Unabhängigkeit in Lehre und Forschung darf durch Sponsoringverträge nicht eingeschränkt werden.» Aber es wird nicht ausgeführt, wie die Unabhängigkeit, insbesondere deren Anschein, geschützt werden kann.

Dann arbeiten Sie auf eine Verschärfung dieser Richtlinien hin?
Das ist sicher eine Möglichkeit, ja. Doch unser Anliegen geht weiter. Das Problem muss auf nationaler Ebene erkannt und angegangen werden. Hier sind die Bildungsverantwortlichen auf allen Stufen gefordert – auch der Bundesgesetzgeber. Kann es langfristig im Sinne der Universitäten sein, wenn das Gesetz sagt: Wer viel Geld akquiriert, wird vom Bund mit höheren Zahlungen belohnt? Hier geht es um eine Paradigmenfrage: Was sind uns unabhängige Universitäten wert?

(Berner Zeitung)

Erstellt: 06.04.2013, 12:44 Uhr

Problematischer Deal in Bern? Klimaforscher Thomas Stocker, Mobiliar-CEO Urs Berger und der damalige Unirektor Urs Würgler lancieren eine Professur für Klimafolgenforschung. (Bild: Adriana Bella)

Zürcher Appell

Sie engagieren sich für die Unabhängigkeit der Unis: 27Wissenschaftler aus der Schweiz, Deutschland und Österreich haben unlängst den Zürcher Appell lanciert. Darin kritisieren sie, «dass an partikuläre Interessen und geheime Verträge gebundenes Sponsoring eine Gefahr für die Unabhängigkeit der universitären Forschung und Lehre birgt». Ausgelöst wurde die professorale Kritik durch die UBS-Spende von 100 Millionen Franken an die Uni Zürich, mit der das «UBS International Center of Economics in Society» eingerichtet wurde.

Die Unterzeichner des Appells kritisieren die Unileitung für diese Kooperation. Sie lasse es zu, «dass die Bank den Raum der Universität als Interessenplattform benutzt. Doch gerade die UBS hat in der Vergangenheit gezeigt, dass sie unethische Geschäfte tätigt.» Dass die UBS ihr Logo an der Universität Zürich platzieren könne, habe nichts mit Wissenschaft zu tun, sondern einzig mit Marketing. Urheber des Aufrufs sind die Zürcher Philosophin Ursula Pia Jauch und der Berner Staatsrechtler Markus Müller. Inzwischen sind fast 1400 Unterschriften zusammengekommen.

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