Hat er sich an seinem Sohn vergriffen?

Der Kleine erzählt, der Vater wird angeklagt. Das Regionalgericht Bern Mittelland muss nun entscheiden, ob es zu einem sexuellen Kontakt gekommen ist.

Seit Montag steht ein Vater vor dem Regionalgericht Bern Mittelland, der seinen damals 5-Jährigen Sohn missbraucht haben soll.

Seit Montag steht ein Vater vor dem Regionalgericht Bern Mittelland, der seinen damals 5-Jährigen Sohn missbraucht haben soll.

(Bild: Keystone)

Stephan Künzi

Hat der Junge die Übergriffe so erlebt? Und wenn ja, wovon sein Anwalt auf jeden Fall ausgeht: Sind sie tatsächlich von seinem Vater ausgegangen? Das ist die entscheidende Frage in einem Prozess, in dessen Zen­trum ein damals knapp 30-jähriger Mann und sein damals um die 5 Jahre alter Sohn stehen.

Mindestens einmal soll der Vater das Kind sexuell missbraucht haben, passiert sein soll es bei einem Besuch des Kleinen in der Wohnung des Vaters in der Region Bern. Die Sache war alles andere als harmlos: In der Anklageschrift hält die Staatsanwältin fest, dass der Vater sogar in den Kleinen eingedrungen sein soll.

Aber eben, die Zweifel lassen sich spätestens mit dem Auftritt der Mutter nicht mehr einfach so wegwischen. Auf entsprechende Fragen erläutert die Frau, wieso die Behörden ihr den Kleinen sowie dessen Halbbruder gleich für mehrere Jahre weggenommen haben. Der Grund für die Heimeinweisung liege bei einem ihrer früheren Kollegen. Dieser habe sich am Halbbruder vergriffen, sei dafür vor dem Gericht in Biel angeklagt worden.

Gericht, Anwalt, Verteidiger und Anklägerin schauen verblüfft auf. In den Unterlagen , die sie noch eigens bei der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) angefordert haben, sind sie nämlich auf keinerlei derartige Hinweise gestossen. Eilig fordern sie bei den Kollegen in Biel die entsprechenden Akten an, und siehe da: Der Kollege ist für seine Taten verurteilt worden.

Damit stellt sich plötzlich die Frage, ob der Prozess nicht besser abgebrochen und vertagt wird. Denn der Verteidiger möchte die Akten im Detail studieren – das Gericht allerdings ist der Meinung, am aktuellen Fall änderten sie nichts. Es geht weiter.

«Drei komische Typen»

Der Verteidiger hat dennoch ein Argument mehr. Für ihn ist der für alle so neue Übergriff ein Mosaiksteinchen mehr in der Vielzahl an Ne­bengeräuschen, die an der Glaubwürdigkeit der Mutter und damit auch des Kleinen kratzen. Dazu zählt er weiter einen Anruf auf das Handy des Vaters, der bis zuletzt ein Rätsel bleibt: Der zur Abgangsnummer gehörende junge Mann kann dem ­Gericht nicht erklären, wer kurz nach der Anzeige den Vater derart sexuell anmachte. Er jedenfalls sei es nicht gewesen.

Der Vater selber zeichnet ein wenig schmeichelhaftes Bild der Verhältnisse, in denen sein Sohn die ersten Jahre erlebte. Er redet davon, dass er erst zur Geburt mit der Mutter zusammengezogen sei. Dass er von Beginn an ein Gerede über Männerbesuche gehört und sie schliesslich «mit drei komischen Typen» ertappt habe, die ihn überdies bedroht hätten. Es sei zur Trennung und nach ­etlichem Verhandeln auch zu einer Besuchsregelung gekommen. Mehr als ein Jahr lang sei der Kleine gern zu ihm gekommen – bis die Hochzeit mit seiner neuen Partnerin und heutigen Frau konkret geworden sei. Dieses Glück habe ihm die Mutter nicht gegönnt und den Kleinen entsprechend aufgewiegelt.

Hin und Her um Aussagen

Wirklich? Anklägerin und Anwalt sehen den Grund in der Abkehr im sexuellen Missbrauch. Den Beweis, dass es zu Übergriffen gekommen ist, leiten sie aus den stimmigen Aussagen allen voran des Kleinen ab. Dieser müsse im After Schmerzen erlebt haben, wenn er davon erzähle. Worauf der Verteidiger sagt: Ohne Widersprüche sei der Kleine auch nicht, vieles wirke eingeübt.

Unbestritten sei nur, dass es zu einem gemeinsamen Bad mit dem Vater gekommen sei und dass dieser das schmerzende Glied des Sohns untersucht habe. Und dass im ­After keinerlei Verletzungen nachgewiesen seien. Das Gericht urteilt am Dienstag.

Berner Zeitung

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