Bern

Sonne, Stars und eine Ohrfeige

BernDas Gur­tenfestival begann dieses Jahr bereits am Mittwoch und war erstmals überhaupt ausverkauft. Musikalisch gab es gut Getimtes, schlecht Abgemischtes, wenige Enttäuschungen und eine grossartige Ohrfeige. Ein Rückblick in sechs Punkten.

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  • 1. Zum Abheben. Das Wichtigste zuerst: Ja, es gab ihn, diesen Moment der kollektiven Glückseligkeit. Wenn Hügel, Musik und Mensch eins werden. Bei den Bernern Lo & Leduc, die sich am Donnerstag auf der Hauptbühne freuten wie zwei Buben, die ein Cornet bekommen mit zwanzigtausend Kugeln Glace drauf. Der Funke sprang, der Hügel sang.

    Auch in kleinerem Rahmen gab es grosse Momente: Bei Lissie auf der Zeltbühne, zum Beispiel. Zu Beginn des Konzerts am frühen Nachmittag waren gerade mal ein paar Nasen da. Doch die amerikanische Folkmusikerin und ihre beiden Bandmitglieder – darunter Wunderkind Lewis Keller, der gleichzeitig Schlagzeug (Füsse) und Bass (Hände) spielte – liessen sich nicht beirren. Lissie stand einfach da, sang und spielte Gitarre. Und erzählte, dass sie kürzlich vom hippen Kalifornien nach Iowa gezogen sei. Dort lebe sie auf einer Farm und züchte Bienen. Und je länger sie sang, so schön und so ohne Gehabe und Effekthascherei, desto mehr Leute strömten ins Zelt. Wie die Bienen zu ihrer Königin.

  • 2. Zum Herzenschmelzen. Gab es romantische Momente am Gurtenfestival? Ja! Während Züri West am Freitagabend auf der Hauptbühne spielten, machte ein Mann seiner Freundin mitten im Publikum einen Heiratsantrag. Die meisten bekamen davon nichts mit, aber das Bild des glücklichen Pärchens machte via Twitter die Runde. Schnusiges gab es auch beim Konzert von Laura Pergolizzi alias LP zu erleben. Der junge Mann mit dem Schild «Gratis Umarmung» wurde endlich erhört. Von LP höchstpersönlich.

  • 3. Zum Lachen. Erstmals gab es eine festivaleigene Late-Night-Show: Dominik Gysin interviewte im Backstagebereich auf einer chaletähnlichen Bühne Musiker. Das war lakonisch, überraschend und witzig. Alle Sendungen sind auf dem Youtube-Channel des Gurtenfestivals verfügbar.

    Auch Jack Garratt sorgte an seinem Konzert für Lacher (und Buhrufe): Der englische Musiker spielte verschiedene Welthits an – zum Beispiel «Eye of the tiger» von Survivor – und brach nach wenigen Takten abrupt ab. Die Menge protestierte tobend, und Jack Garratt amüsierte sich ­köstlich.

  • 4. Zum Nachdenken. Viele Musiker, darunter die Rapper Macklemore und Casper, schlugen zwischen den Songs ernste Töne an und riefen das Publikum dazu auf, trotz Terrorismusgefahr ohne Angst durchs Leben zu gehen. Soulsänger Seven wiederum gab sich besinnlich und bat das Publikum, seiner Ballade «Don’t Help Me» mit geschlossenen Augen zu folgen. Ja, es flossen Tränen. Doch niemand war so kompromisslos ernsthaft wie die englische Rapperin Kate Tempest. Ihr Konzert am Samstag auf der Zeltbühne war eine Mischung aus Rap, Poetry-Slam, Predigt und Ohrfeige. In einem einstündigen Wortschwall dreschte die 31-Jährige zu meist düsteren, brachialen Klängen auf soziale Ungerechtigkeit, die Spassgesellschaft und Passivität ein. Weghören? Unmöglich. Grossartig war das.

  • 5. Zum Vergessen. Während sich einige Gurtenbesucher am Marktstand von «Mammut» mit Klimmzügen blamierten, machten Royal Blood auf der Hauptbühne Muskelspiele. Das britische Rockduo wirkte arrogant und verpeilt. Schlagzeuger Ben Thatcher gab ein mittelmässiges Solo zum Besten und liess sich dann feiern, als hätte er gerade den Weltfrieden gesichert. Vielleicht haben die Musiker zu lange im Bällelibad der Migros getaucht? Auch die – tontechnisch miserabel abgemischte – Show der ehrwürdigen Herren von House of Pain war ähnlich inspirierend wie das seit Jahren gleiche kulinarische Angebot in der Fresskurve des Festivals.

    Manchmal war es auch das Publikum, das enttäuschte. Mit dem Rumgeplapper während der Konzerte wurde es manchem Musiker nicht gerecht. Faber zum Beispiel. Während sich der Zürcher Musiker auf der Zeltbühne die Seele aus dem Leib sang, unterhielten sich andere über Flechtfrisuren oder Ferienpläne.

  • 6. Zum Gucken. Apropos Frisuren: Die Festivalbesucherin von heute (und von gestern auch) trägt Zöpfchen oder einen locker gebundenen Dutt. Der Mann ausgefranste knielange Jeans, einen kurzen Bart oder Schnauz. Und alle tragen Turnsäckli. Die Schnürsenkel von Dosenbach dienen übrigens nicht nur zum Schuhe binden. Man kann mit der jeweiligen Farbe seinen Beziehungsstatus bekannt geben – oder sie als Springseil benutzen.

Und, ach ja: Das Wetter war die reinste Freude. (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.07.2017, 18:59 Uhr

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