Freiburg

Stalins Tochter lebte in Klöstern

FreiburgSechs Wochen lebte die Tochter des russischen Diktators Stalin, Svetlana Allilujeva, in der Schweiz, vorwiegend in Freiburg. Jean-Christophe Emmenegger schrieb darüber ein Buch.

Svetlana Allilujeva in einem Zimmer des Visitantinnenklosters in Freiburg, 1967.

Svetlana Allilujeva in einem Zimmer des Visitantinnenklosters in Freiburg, 1967. Bild: PD

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«Operation Svetlana» ist der Titel des Buches von Jean-Christophe Emmenegger. Fast 400 Seiten dick ist das Werk des Freiburger Autors geworden, für das er über drei Jahre recherchiert hat. Bis ins kleinste Detail beschreibt der 43-jährige Journalist die dramatischen Umstände, unter denen Svetlana Allilujeva, damals 41-jährig, im März 1967 mitten im Kalten Krieg in die Schweiz ­flüchten konnte. «Das war wie in einem James-Bond-Film», erinnert sich Cornelio Sommaruga, der damalige Schweizer Botschafter in Rom, im Buch.

USA: Kein Asyl

In der italienischen Hauptstadt hatte Allilujeva bei der US-Botschaft vergeblich um Asyl ersucht. Weil die USA den Kalten Krieg mit der Sowjetunion nicht anheizen wollten, verhinderten sie die Einreise von Stalins Tochter. Den Flug in die Schweiz ermöglichte eine Zusammenarbeit der schweizerischen, russischen und amerikanischen Geheimdienste. Dank dieser Kooperation ist das Ganze akribisch dokumentiert. Die Schweiz nahm die Frau aus rein humanitären Gründen auf und mit der Auflage, politische Aktivitäten zu unterlassen.

Erste Station: St. Antoni

Svetlana Allilujeva hat schon als junge Frau geschrieben. Sehr bald wurde ihr bewusst, dass ihr Vater ein Massenmörder war. Ihre Mutter hatte sich das Leben ­genommen, ihre Ehen waren zerbrochen, ihre Kinder erwachsen. Nach der Beerdigung des dritten Ehemannes in Indien wollte sie bei einem Zwischenhalt in Rom nicht mehr zurück nach Russland. Sie hatte das Manuskript ihrer Memoiren bei sich und wusste, dass dieses in ihrer Heimat nie publiziert würde. Mithilfe der Geheimdienste konnte sie sich in die Schweiz absetzen, offiziell zur Erholung.

Zunächst verbrachte sie ein paar Tage in einem Hotel in Bea­tenberg. Bald tauchte aber eine Masse von Journalisten auf, sodass Antonino Janner, ein Chefbeamter der Bundespolizei, sie für knapp drei Wochen in einem Kloster im freiburgischen St. Antoni unterbrachte. Dort, im heutigen Begegnungszentrum Burgbühl, hängt noch heute eine Tafel, welche an den prominenten Gast erinnert. Akribisch hat der Autor nach Spuren von Allilujevas Aufenthalt gesucht – und gefunden: eine Fülle von Dokumenten und Fotografien.

Zweite Station: Stadt Freiburg

Die Bundespolizei befürchtete, dass Svetlana Allilujevas Unterschlupf publik werden könnte, und platzierte sie von St. Antoni ins Visitantinnenkloster um, mitten in der Stadt Freiburg. Sie schrieb: «Ich kann mich in den Strassen Freiburgs frei bewegen, niemand kontrolliert mich, niemand folgt mir.» Mit einigen Polizisten machte sie Ausflüge nach Murten und nach Greyerz – alles unter höchster Diskretion und unter Bewachung. Sie war zwar als Touristin hier, aber hinter den Kulissen wurde verhandelt, denn Stalins Tochter wollte in die USA ausreisen. Sie schreibt: «Ich muss nur noch warten, bis sich die mysteriösen Maschinen des Staates bewegen und das Papier ausspucken, von dem meine Zukunft abhängt: das Visum.»

Dritte Station: New York

Allilujevas Aufenthalt in der Schweiz endete am 21. April 1967, als sie in Zürich eine Swissair-Maschine nach New York bestieg. Dort war Schluss mit Geheimhaltung. Eine Gruppe Journalisten erwartete die prominente Einwandererin, und sie gab Auskunft. Was in keiner Schweizer Zeitung hatte publiziert werden dürfen, schrieben dann die Amerikaner: über ihre Flucht, den Aufenthalt in der Schweiz bis zu ihrer Ankunft in den USA. Hier liess sie sich nieder und heiratete zum vierten Mal, den Architekten William Peters. Ihre Memoiren «20 Briefe an einen Freund» wurden zu einem Bestseller.

1984 ging Stalins Tochter zurück in die Sowjetunion und lebte für kurze Zeit in der Heimat ihres Vaters, in Georgien. Sie kehrte in die USA zurück, wo sie am 22. November 2011 starb. (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.09.2018, 08:45 Uhr

Das Buch

«Opération Svetlana. Les six semaines de la fille de Stalin en Suisse». Jean-Christophe Emmen­egger. Slatkine, Genf. 2018. 38 Franken. Vorläufig nur in französischer Sprache.

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