Bern/Burgdorf

Tschäppät und Zäch im Streit um den Schulstandort

Bern/BurgdorfIn der Frage, ob Burgdorf ein Departement der Berner Fachhochschule (BFH) erhalten soll, schenken sie sich nichts: Burgdorfs Stadtpräsidentin Elisabeth Zäch (SP) und ihr Parteikollege Alexander Tschäppät, Berns Stadtpräsident.

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Herr Tschäppät, Bern hat die Universität und die Hochschule der Künste. Wieso klammert sich die Stadt so fest an das Departement WGS der Fachhochschule?
Alexander Tschäppät: Ich muss vorausschicken, dass Bern niemandem etwas wegnehmen will. Wir kämpfen dafür, dass etwas hierbleibt, das immer schon hier gewesen ist. Dabei geht es weniger um Bern als Stadt als vielmehr um die Frage, wo eine Fachhochschule am attraktivsten angesiedelt ist, wo sie am meisten Synergien auslösen kann und wo sie der Wirtschaft am besten dient. Hier ist Bern mit seiner Nähe zur Uni, zur Wirtschaft und zu Gesundheitsinstitutionen wie Inselspital, Demenzzentrum oder Bildungszentrum Pflege qualitativ einfach ein sehr guter Ort.

Könnte ein grosszügiger Sozialdemokrat nicht der Parteikollegin in Burgdorf ein Departement der Fachhochschule überlassen?
Elisabeth Zäch: Ich brauche keine Almosen, wir haben ein perfektes Angebot

Es geht nicht um Almosen, sondern darum, dass sich ohnehin vieles in Bern konzentriert.
Tschäppät: Am Anfang stehen die Einschätzungen des Regierungsrats und der BFH-Leitung, dass eine Vollkonzentration in Bern das Richtige wäre. Nun sagt auch die Wirtschaft, dass in Bern die Wege am kürzesten sind und das Synergiepotenzial am grössten ist. Im hart umkämpften Markt der Fachhochschulen sind ein gutes Gebäude und die gewachsene Nähe zu Wirtschaft und Wissenschaft matchentscheidend.

Frau Zäch, Bern ist eine Unistadt, hier fühlen sich Studierende wohl. Denken Sie, es würde ihnen nichts ausmachen, nach Burgdorf zu pendeln?
Zäch: Wir haben jetzt schon zufriedene Studenten, die gern in Burgdorf studieren und die übrigens auch stark mit der Wirtschaft von Burgdorf verbunden sind. Burgdorf braucht sich nicht zu verstecken. Und unser Areal ist bestens erschlossen und liegt absolut zentral. In der übrigen Schweiz werden die BFH-Zentren gerade nicht in den Hauptstädten, sondern in der Region angesiedelt. Das ist eine gute Form der Standortförderung und eine gute Nähe zur Praxis.

Tschäppät: Für Bern stimmt das halt eben nicht. Die BFH war immer in Bern, hier hat sich ein Cluster gebildet. Jetzt soll dieser auseinandergerissen und nach Burgdorf verpflanzt werden. Ich glaube, dass sich ein BFH-Campus in Bern schneller realisieren liesse als in Burgdorf. Auf den Arealen im Weyermannshaus laufen 2017 bei den grossen Landeigentümern die Baurechte aus, Ende Jahr beginnen die Entwicklungsprojekte. Der Bau eines Campus auf einem unbebauten Terrain wie in Bern dürfte übrigens einfacher und attraktiver zu realisieren sein als das Projekt in Burgdorf, wo Abteilungen auf verschiedene Gebäude verteilt und Gebäude angepasst werden müssten.

Zäch: Da muss ich entschieden widersprechen. Es geht um 250 Millionen Franken, die mit der Burgdorfer Lösung gespart würden. Zudem kann beim Berner Areal von Planungssicherheit keine Rede sein. Die Post etwa sagt, sie würde ihren Teil gern selber entwickeln und zu Marktpreisen verkaufen. In Burgdorf hingegen ist klar, wie es laufen würde. Übrigens würden zwei schöne alte Gebäude stehen gelassen und mit den neuen verbunden – etwas, das in Bern beim Von-Roll-Areal mit grossem Erfolg gemacht worden ist. Das Ganze wäre in einem Schritt für 170 Millionen Franken gebaut. Wenn die Stadt Bern und die BFH es schaffen, über den Stadtrand hinauszuschauen, werden sie sehen, dass Burgdorf die beste Lösung ist.

Herr Tschäppät, anerkennen Sie, dass der Kanton mit der Burgdorfer Lösung 250 Millionen sparen würde?
Tschäppät: Nein. Ich frage mich, mit was Burgdorf in dieser Rechnung verglichen wurde: Es ist kein Berner Projekt gerechnet worden. Baut der Kanton selber, lässt er bauen? Zunächst soll er prüfen – wie er dies in Burgdorf getan hat –, wie eine Berner Lösung aussähe und was sie kosten würde. Jetzt schon zu sagen, Bern wäre eine Viertelmilliarde teurer, finde ich ein bisschen unseriös.

Zäch: Wir haben eine Machbarkeitsstudie. Alex, diese 250 Millionen haben wir uns nicht aus den Fingern gesogen. Da wurden Volumen und Kosten berechnet, und in Burgdorf gehört dem Kanton der Boden schon

Tschäppät: ...ja, aber man muss ihn genauso in Wert setzen...

Zäch: Das ist logisch. Aber wir sparen mit der Lösung eine Viertelmilliarde. Das ist das Beste für die BFH, weil wir am Ende schöne, zweckmässige Bauten haben und mehr finanziellen Spielraum für die Bildung bekommen.

Wie steht es um die Planungssicherheit, Herr Tschäppät?
Tschäppät: Die Berner Areale, die man heute anschaut, stehen in der richtigen Zone, da braucht es keine Volksabstimmungen mehr. Wir gehen deshalb davon aus, dass 2017 oder 2018 in Bern mit dem Bau begonnen werden könnte.

Würde man im Weyermannshaus nicht ohnehin besser eine Wohnsiedlung bauen und somit dringend benötigten Wohnraum schaffen, als einen neuen Campus hochzuziehen?
Tschäppät: Man muss berücksichtigen, dass nicht alle das Weyermannshaus als schöne Wohnlage bezeichnen. Wir haben dort das Autobahndreieck in der Nähe und eine stark befahrene Bahnlinie.

Wie sieht die Debatte aus, wenn Sie beide mal versuchen, aus einer gesamtregionalen Optik darauf zu schauen?
Zäch: Alex Tschäppät ist Präsident der Hauptstadtregion. Ich helfe, die Hauptstadt zu stärken, ich bin im Komitee für das Tram Region Bern und helfe bei der Überdachung der A6 in Muri. Die Hauptstadtregion muss sich aber auch fragen, wo es Entwicklungsmöglichkeiten an guten Standorten in der Region gibt. Soll denn Burgdorf einfach nur zudienen, oder kommt da auch mal etwas zurück? Der Kanton braucht starke Regionalzentren, die zum Ganzen beitragen. Wenn die Stadt Bern alles an sich reisst, ist das für die Regionen total demotivierend.

Tschäppät: Natürlich wollen wir die Hauptstadtregion gemeinsam vorwärtsbringen, und selbstverständlich kann man Burgdorf nicht etwas wegnehmen, ohne der Stadt etwas zurückzugeben. Die Frage ist, was das Richtige ist. Aus regionalpolitischer Sicht verstehe ich Burgdorf. Aus bildungspolitischer Sicht sage ich aber, dass das Verpflanzen der BFH von Bern nach Burgdorf ein Rückschritt wäre im Konkurrenzkampf mit anderen Kantonen. Deshalb ist es letztlich auch für die Hauptstadtregion nicht förderlich.

Zäch: Und ich sage, dass genau ein Umzug nach Burgdorf den Horizont der BFH erweitern würde. Die BFH würde ihre heutigen Partner mitnehmen, denn die Distanz ist definitiv kein Problem. Hinzu käme aber noch der ganze Wirtschafts- und Sozialraum des Emmentals und des Oberaargau, den die BFH zusätzlich erschliessen würde.

Mit welcher Alternative könnten Sie denn leben, Frau Zäch?
Zäch: Sehen Sie, jetzt geht es doch erst einmal darum, aufzuzeigen, dass wir dem Kanton in Burgdorf einen bestens geeigneten Platz für einen Fachhochschulcampus anbieten. Mit allem anderen befasse ich mich derzeit nicht.

Herr Tschäppät, was könnte der Kanton der Stadt Burgdorf denn anstelle der BFH geben?
Tschäppät: Im Bildungsbereich gibt es zahlreiche Fachschulen, bei denen der Kanton eine Verlegung prüfen könnte, weil diese nicht auf die Nähe zum Inselspital oder zu CSL Behring angewiesen sind.

Frau Zäch, wieso ist die BFH für Burgdorf überhaupt derart wichtig? Die Studenten wohnen nicht in Burgdorf, sie zahlen also keine Steuern und geben kaum Geld aus.
Zäch: Burgdorf ist seit Pestalozzi eine Bildungsstadt. Wir haben immer viel Geld investiert, um Burgdorf weiterhin so zu positionieren. Junge Leute tun unserer Stadt gut, und natürlich sind es jene, die hier während ihrer Ausbildung eine gute Zeit hatten, die später vielleicht zurückkommen, wenn es eine gute Stelle zu besetzen gilt. Bern ist darauf nicht angewiesen, aber uns gibt so ein Standort einen gewissen Glanz.

Herr Tschäppät, Bern beklagt sich regelmässig darüber, alle Zentrumslasten tragen zu müssen. Seien Sie doch froh, dass Ihnen nun ein Regionalzentrum etwas abnehmen will.
Tschäppät: Als Präsident der Hauptstadtregion Bern ist es mir ein Anliegen, dass in unserem Einzugsgebiet die attraktiven Angebote am richtigen Ort platziert sind. Denn wir stehen längst in Konkurrenz mit anderen Anbietern. Wir müssen dafür sorgen, dass die BFH hochattraktiv ist und mit allen Konkurrenzangeboten mithalten kann, das muss das höchste Ziel sein. Wenn nach sorgfältiger Prüfung aller Fakten klar sein sollte, dass Burgdorf und Bern gleichwertig sind, kann man in einem zweiten Schritt über den Standort diskutieren.

Falls Bern dereinst alle BFH-Departemente behalten könnte und Burgdorf leer ausginge, würde ein Grossratsentscheid aus dem Jahr 2012 ausgehebelt. Dieser besagt, dass Burgdorf auch künftig BFH-Standort bleiben soll. Ist ein politischer Entscheid nicht mehr als eine leere Worthülse, Herr Tschäppät?
Tschäppät: Wir wollen jetzt nicht analysieren, wie dieser Grossratsentscheid damals zustande kam Nur so viel: Viele Parlamentarier haben aus taktischen und strategischen Gründen Ja zu Burgdorf gesagt. Es ist zudem nur eine Planungserklärung, über die der Grosse Rat abgestimmt hat. Aber selbstverständlich müssen wir diesen demokratischen Entscheid ernst nehmen. Und für mich steht fest, dass der Kanton gegenüber Burgdorf in der Pflicht steht. Er muss in Burgdorf ein attraktives Bildungsangebot platzieren. Die Frage ist für mich nur: Ist das Verpflanzen eines etablierten Fachhochschuldepartements von Bern nach Burgdorf wirklich die einzige attraktive Möglichkeit?

Zäch: Dass sich vor zwei Jahren eine Mehrheit des Kantonsparlaments für den Standort Burgdorf ausgesprochen hat, zeigt eben, dass wir gute Argumente haben und vieles für den Standort im Emmental spricht.

Frau Zäch, Sie haben wie die Stadt Bern auch einflussreiche Wirtschaftsvertreter in die Debatte eingespannt. Was versprechen Sie sich davon?
Zäch: Wir möchten in Burgdorf unabhängig von diesem Standortentscheid Firmen aus dem Gesundheitsbereich ansiedeln. Das ist ein gemeinsames Projekt von Wirtschaft, Investoren und Stadt. Dazu passt natürlich das Fachhochschuldepartement Wirtschaft, Gesundheit und Soziales. Aber das eine würde auch ohne das andere funktionieren.

Schlussfrage an Sie, Herr Tschäppät: Elisabeth Zäch sagt immer wieder, Bern müsse seinen Horizont etwas gegen Nordosten erweitern. Dann werde es erkennen, dass die Burgdorfer Lösung sowohl der BFH selber als auch dem Kanton Bern nützt. Hat Ihnen dieses Gespräch dabei geholfen, Ihren Horizont zu erweitern?
Tschäppät: (schmunzelt). Ich habe durchaus Verständnis für die Anliegen aus Burgdorf. Ich denke aber, dass das in dieser Frage nicht das Entscheidende ist. Entscheidend ist einzig und allein, dass die Berner Fachhochschule im hart umkämpften Markt bestehen kann. Es darf nicht auf einen Prestigekampf zwischen zwei Städten hinauslaufen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 19.08.2014, 11:57 Uhr

Vorgeschichte und Ausblick

2011 entschied der Regierungsrat des Kantons Bern, die Berner Fachhochschule (BFH) an den Standorten Bern und Biel zu konzentrieren und den Standort Burgdorf aufzugeben. Im März 2012 stimmte jedoch eine Mehrheit im Grossen Rat dafür, Burgdorf als BFH-Standort zu erhalten.
Im vergangenen März präsentierte die Stadt Burgdorf eine Studie, wonach ein Campus für das Departement Wirtschaft, Gesundheit, Sozialarbeit (WGS) in Burgdorf die beste Lösung für die BFH sei und der Kanton auf diese Weise 250 Millionen Franken sparen könne. Vor zwei Wochen brachte sich auch die Stadt Bern in der Standortdebatte in Stellung und präsentierte eine Reihe von Wirtschaftspartnern der BFH, die sich für den Standort Bern einsetzen. Auch die BFH-Leitung sprach sich schon gegen einen Umzug ihres WGS-Departements nach Burgdorf aus.
Die kantonale Erziehungs- und die Baudirektion prüften derzeit verschiedene Szenarien, hiess es vor zwei Wochen. Der entsprechende Bericht des Regierungsrats soll in der ersten Hälfte 2016 in den Grossen Rat kommen.

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