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Gentrifizierungsalarm am Berner Eigerplatz

Weil die städtische Pensionskasse am Eigerplatz 66 Wohnungen saniert, geht günstiger Wohnraum verloren. Finanzdirektor Michael Aebersold (SP) übt den Spagat zwischen sozialem Wohnungsbau und Renditeanspruch.

Muss Rendite bringen: Das Haus der städtischen Personalvorsorgekasse am Eigerplatz.
Muss Rendite bringen: Das Haus der städtischen Personalvorsorgekasse am Eigerplatz.
Beat Mathys

Im Februar dieses Jahres wurde am Eigerplatz eine 18 Meter hohe, 300-jährige Eiche gefällt, der Baum litt unter Pilzbefall und drohte zum Sicherheitsrisiko zu werden (wir berichteten). Ohne den legendären Baum ist der Blick frei auf ein Haus, bei dem man erst bei genauerem Hinschauen realisiert, wie gross es ist.Wie ein Hufeisen zieht sich das Gebäude vom Eigerplatz die Schwarzenburgstrasse und den Eichmatt­weg hoch um einen Innenhof. Das Haus gehört der Pensionskasse der Angestellten der rot-grün regierten Stadt Bern – und ausgerechnet dieses weckt im Quartier Gentrifizierungsalarm.

Die Pensionskasse lässt die 66 Wohnungen in Etappen bis Frühling 2018 sanieren, die Arbeiten haben bereits begonnen. Gegen das Baugesuch war keine Einsprache erhoben worden. Allen Mieterinnen und Mietern wurde gekündigt, wie der Leiter der Pensionskasse, Jürg Schad, auf Anfrage bestätigt. Selbst Schad rechnet nicht damit, «dass alle bisherigen Mieter in die total renovierten Wohnungen zurückkehren werden». Der Mietzinsaufschlag dürfte für einige zu gross sein.

Steigender Wachstumsdruck

Die Sensibilität für soziale Verschiebungen sei im Quartier generell erhöht, sagt Claudia Luder, Geschäftsleiterin der Quartiermitwirkung Stadtteil 3. Der vor zehn Tagen eingeweihte neu gestaltete Eigerplatz ist ein äusseres Zeichen für den forcierten Wandel, den der Stadtteil Mattenhof-Weissenbühl durchlebt. Das Inselspital mit seiner wachsenden Zahl von Angestellten hält die Nachfrage nach Wohnraum und damit den Druck auf die Mietpreise konstant hoch.

Auf der anderen Seite befeu­ern aufgegleiste oder angedachte Wohnbauprojekte, etwa auf dem Meinen-Areal an der Brunnmattstrasse, beim Gaswerk an der Aare oder längerfristig über dem Depot von Bernmobil am Eigerplatz, die Attraktivität des zentrumsnahen Stadtteils. Preisgünstiger Wohnraum und die auf ihn angewiesenen sozialen Schichten mit tieferem Einkommen werden verdrängt. Gerade aus diesen Gründen sei man im Quartier enttäuscht über das Vorgehen der PVK, sagt Claudia Luder.

Überfällige Erneuerung

Man kann sich tatsächlich da­rüber wundern, dass genau jetzt die Personalvorsorgekasse der Stadtangestellten (PVK) die Entmischung im Quartier antreibt, und Kassenleiter Jürg Schad zeigt sogar Verständnis für diese Frage. Allerdings sei es absoluter Zufall, dass die Aufwertung des Gebiets um den Eigerplatz und die Erneuerung der PVK-Wohnungen zusammenfallen.

Die städtische Vorsorgekasse renoviere jedes Jahr rund 50 ihrer knapp 1000 Wohnungen, und das Haus am Eigerplatz sei in dieser Hinsicht überfällig. Die letzte Erneuerung liege über 30 Jahre zurück, die technischen Installationen oder die Küchenkombinationen befänden sich teilweise in kaum mehr funktionstüchtigem Zustand. Es wäre, so Schad, ökonomisch und sozial unverantwortlich, die Wohnungen verlottern zu lassen.

Auf der anderen Seite, bestätigt er, sei es natürlich eine Gratwanderung, aus den in Wohnungen angelegten Pensionskassengeldern eine Rendite zur Sicherung der Renten zu erwirtschaften, ohne das soziale Augenmass bei der Festsetzung der Mietzinse zu verlieren – besonders im aktuellen Marktumfeld steigender Wohnungspreise in angesagten Stadtquartieren.

Aebersolds Doppelrolle

Diesem Zwiespalt zwischen Renditedenken und sozialem Anspruch ist auch der städtische ­Finanzdirektor Michael Aebersold (SP) ausgesetzt. Zwar ist die PVK eine formell eigenständige Institution, die losgelöst von der Verwaltung agiert und deshalb der Einflussnahme durch die ­rot-grüne Regierungsmehrheit entzogen ist. Aebersold sitzt aber in der Verwaltungskommission der Personalvorsorgekasse und muss, wie er auf Anfrage bestätigt, auf dem Wohnungsmarkt unterschiedliche Rollen spielen – wie sich unter umgekehrten Vorzeichen auch beim umstrittenen Sozialwohnungsprojekt im Breitenrain (siehe Text unten) zeigt.

Im Falle des Hauses am Eigerplatz übt Aebersold diesen Spagat: Als Gemeinderat gilt sein Augenmerk dem wohnpolitischen Engagement für preisgünstigen Wohnungsbau. In der PVK verpflichten ihn auch die gesetzlichen Bestimmungen dazu, im ­Zusammenspiel von Vermögensanlagen und Investitionen im Wohnungsmarkt eine Mindestrendite von 3,25 Prozent zu erzielen. Im Zweifelsfall, so Aebersold, müsse er in der PVK also den Renditezielen den Vorzug geben.

Er findet das indessen sinnvoll. Eine gesunde Pensionskasse entlaste die Stadtfinanzen und erhöhe den Spielraum für Investitionen in den sozialen Wohnungsbau. Zudem: Auf dem städtischen Markt mit seinen 76'000 Wohnungen sei die PVK ein kleiner Player.

Gentrifizierung? «Nein»

Abgesehen davon: In der Praxis, so Aebersold, sei der Widerspruch zwischen seinen wohnpolitischen Funktionen nicht so gross. Es gelinge der PVK, trotz Renditezwang «insgesamt doch recht günstigen Wohnraum zur Verfügung zu stellen». Konkret: Die PVK plant laut Aebersold, die Wohnungen am Eigerplatz nach der Sanierung zu einem (auf ­städtischem Niveau unterdurchschnittlichen) Quadratmeter-Mietpreis von 217 Franken auf den Markt zu bringen. Eine 80-Quadratmeter-Wohnung käme so an der urbanen Vorzugslage am Eigerplatz auf einen Monatsmietzins von rund 1450 Franken.

Der städtischen Personalvorsorgekasse einen Gentrifizierungsvorwurf zu machen, hält Aebersold deshalb für ungerechtfertigt. Selbst wenn die bisherigen Mieter kaum in das Haus am Eigerplatz zurückkehren werden.

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