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«Akute Erschöpfung»: Angeklagter erschien erstmals nicht vor Gericht

Der «Heiler» blieb dem Prozess am Dienstag erstmals fern – offenbar aus gesundheitlichen Gründen. Der «Heiler» ist auf freiem Fuss, das Bundesgericht wies Gründe für eine U-Haft 2011 zurück.

Im Berufungsprozess vor Obergericht gegen den selbsternannten «Heiler» von Bern hat der Staatsanwalt am 7. April eine Freiheitsstrafe von 15 Jahren beantragt. Bei der Urteilsverkündung am 11. April folgte das Gericht dem Staatsanwalt.
Im Berufungsprozess vor Obergericht gegen den selbsternannten «Heiler» von Bern hat der Staatsanwalt am 7. April eine Freiheitsstrafe von 15 Jahren beantragt. Bei der Urteilsverkündung am 11. April folgte das Gericht dem Staatsanwalt.
Angela Zwahlen
Das Gericht erhöhte damit die Strafe der Vorinstanz: Das Regionalgericht hatte den Mann zu einer Freiheitsstrafe von 12 Jahren und 9 Monaten verurteilt.
Das Gericht erhöhte damit die Strafe der Vorinstanz: Das Regionalgericht hatte den Mann zu einer Freiheitsstrafe von 12 Jahren und 9 Monaten verurteilt.
Angela Zwahlen
Hier kam der Fall ins Rollen: Das Inselspital stiess bei Recherchen auf 18 HIV-Infizierte, welche Kontakt mit dem Heiler hatten.
Hier kam der Fall ins Rollen: Das Inselspital stiess bei Recherchen auf 18 HIV-Infizierte, welche Kontakt mit dem Heiler hatten.
Keystone
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An vier Prozesstagen verfolgte er das Geschehen entweder per Videoübertragung in einem Nebenraum oder direkt im Gerichtssaal – wenn keine Opfer anwesend waren. Er machte einen wachen und gesunden Eindruck. Am Dienstag allerdings blieb der «Heiler» dem Prozess fern. Er habe schon am Montagabend gesagt, dass er sich nicht gut fühle, sagt sein Anwalt. Am Dienstagmorgen habe er ihn dann telefonisch kontaktiert, und dabei habe der «Heiler» erklärt, dass er nicht erscheinen könne. «Er tönte schlecht. Er hat offenbar ein gesundheitliches Problem.» Die Psychologin des «Heilers» habe dann schriftlich bestätigt, dass der Mann eine «akute Erschöpfung» habe und psychisch und physisch nicht in der Lage sei, vor Gericht zu erscheinen.

Der «Heiler» selbst sollte gestern nicht einvernommen werden. Laut Staatsanwalt Hermann Fleischhackl ist eine «kurzfristige Suspendierung» möglich. Grundsätzlich ist das persönliche Erscheinen aber Pflicht.

Der «Heiler» hält sich ausserhalb der Prozesszeiten offenbar in seinem «engen, aber guten» Freundeskreis auf, den er schon vor Gericht erwähnte, und hat auch Kontakt zu seiner Psychologin. Nachbarn berichten, ihn seit Prozessbeginn nicht mehr in seinem Haus gesehen zu haben. Die Jalousien in seiner Wohnung sind geschlossen. In Gesprächen am Dienstag wurde deutlich, dass die Anwohner Angst vor dem Angeschuldigten haben.

Der «Heiler» befindet sich seit März 2010 auf freiem Fuss. Zuvor war er dreimal in Untersuchungshaft, erstmals 2005, als auch eine Hausdurchsuchung stattfand. Die dritte U-Haft ergab sich nach der Anzeige seiner Ex-Frau wegen Drohung und versuchter Nötigung (siehe gestrige Ausgabe). Die Berner Justiz hatte dem «Heiler» nach der Entlassung sogenannte Ersatzmassnahmen auferlegt. So durfte er den Kanton Bern nicht verlassen und musste sich täglich bei der Polizei melden. Der «Heiler» führte Beschwerde und erhielt vor Bundesgericht zum Teil recht. Es bezeichnete die meisten Auflagen als unverhältnismässig und strich sie.

Das forensisch-psychiatrische Gutachten kommt zwar zum Schluss, dass ausgehend von seiner Persönlichkeit mit erhöhter Wahrscheinlichkeit Straftaten denkbar seien, die darauf abzielten, über andere Menschen Macht und Kontrolle zu erlangen. Laut dem Bundesgericht fehlten aber «konkrete Hinweise auf drohende (Gewalt-)Verbrechen». Seit dem Bundesgerichtsurteil darf der «Heiler» den Kanton verlassen, aber den neuen Wohnkanton seiner Frau nicht betreten. Die Meldepflicht gilt nicht mehr.

Das Bundesgericht schwächte jene Massnahmen ab, die aufgrund der Anzeigen wegen häuslicher Gewalt erstattet worden waren. Betreffend den Hauptvorwurf, das Verbreiten des HI-Virus, waren vorgängig die kantonalen Gerichte zum Schluss gekommen, dass beim «Heiler» keine Kollusions- oder Ausführungsgefahr bestehe – also kein Anlass zur U-Haft.

BZ/wrs/jsp

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