Als die Bewegung in die Reithalle rollte

Während die Band Sandstein am 24. Oktober 1987 den ersten Song anstimmte, wurden die letzten Pferde aus den Ställen im heutigen Kino der Berner Reitschule geführt. SP-Stadtrat Johannes Wartenweiler war Teil der Bewegung und bei der Besetzung dabei.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Als das Tor zur Grossen Halle aufgestossen wurde, war ich auf der Schanzenpost und verschickte Telegramme an die Medien: Die Reithalle ist besetzt! Das Tor war übrigens nur an­gelehnt – zwei Tage zuvor waren Leute ins Gebäude ein­gedrungen und hatten es von innen geöffnet. Angesichts dieser Überraschung zog sich die Polizei umgehend zurück. Etwa 200 Personen strömten in die Halle, dazu transportierten ein VW-Bus und zwei, drei Lastwägeli Material und Getränke. Auf einem kleinen ­Sattelschlepper war eine mobile Bühne aufgebaut, und kaum waren wir drin, legte die Band Sandstein los – mit einem Rolling-Stones-Cover.

In der Reithalle-Bewegung kamen Leute aus verschiedenen Milieus zusammen. Ein wich­tiger Ort war das ‹Zaff›, ein besetztes Haus in der Villette mit regelmässigen Konzerten. Als es im Sommer 1985 geräumt wurde, riefen einige Bewohnerinnen und Be­wohner auf dem Gaswerk-Areal das ‹Freie Land Zaffaraya› aus. Im Winter 1986/1987 fanden im ‹Ohm-8 – das Bar› in einem Abbruchhaus im Mattenhof jede Woche illegale Konzerte statt. Diese Unrast gab der im Frühling 1986 gegründeten Interessen­gemeinschaft Kulturraum Reitschule (Ikur) Auftrieb. Ihr Gesuch, Ende 1986 in der Reithalle eine Woche lang Kultur zu veranstalten, hatte der Gemeinderat abgelehnt.

Ende April 1987 sprühte die Polizei an der Tschernobyl-Demo ohne Vorwarnung Tränengas in die Menge, ein junger Mann verlor durch ein Gummigeschoss ein Auge, die folgende Untersuchung lastete schwer auf dem Gemeinderat. Zehn Tage später wurde für eine Nacht die Dampfzentrale besetzt. Im Juni organisierte das Kollektiv ‹Hans Dampf› eine ‹Strafbar› an der Murtenstrasse, im Juli eine weitere beim Rondell der Kleinen Schanze. Das dort aufgehängte Transparent brachte auf den Punkt, was die Bewegung einte: ‹Wir wollen ein Immöbel subito.›

Am 24. Oktober 1987 hätte die Dampfzentrale eröffnet werden sollen. Dieses Zugeständnis war nicht im Sinne der Bewegung. Uns war klar: Wir gehen an diesem Datum in die Reithalle. Das Ringen um diese hatte sich immer mehr zugespitzt: Die einen forderten den Abbruch, andere unterzeichneten einen Appell dagegen, ein Kunsthistoriker warnte vor einem ‹kulturellen Verlust›. Am 3. Oktober 1987 publizierte die Stadt ein Ab­bruchgesuch.

In den Tagen vor der Besetzung hingen überall in der Stadt hellblaue Plakate mit der Reitschule drauf, dann auch solche für eine ‹Oktobar› auf der Grossen Schanze am Samstag, 24. Oktober. Zur ‹Oktobar› kursierten zudem Flugblätter, die deren tieferen Sinn verrieten: Besammlung Grosse Schanze, dann ‹Wiedereröffnung der Reitschule›.

Die Grosse Halle war ein einziger Staubhaufen, einen halben Meter hoch lag Sägemehl, es roch nach Pferdepisse. Wie im­mer gab es Leute, die wussten, wie man Strom abzapft, bald brannten Scheinwerfer, es wurde eine Bar auf­gebaut und eine Bühne mit Strohballen aus den Stallungen, fünf oder sechs Bands spielten. Das Fest sprach sich herum, es kamen immer mehr Leute, man schwärmte ins ganze Haus aus. Offenbar greife die Polizei nicht ein, hiess es, zu viele Leute. Im Requisitenlager des Stadttheaters in einem der Räume fand jemand ein Wildschwein und stellte es auf die Bühne. Weit oben hing ein Transpi: ‹Endlich – unendlich besetzt›. Es fühlte sich an wie die Stunde null – so etwas erlebt man selten.

In den Ställen waren noch Pferde eines Kutschen­betreibers. Das hatten wir gewusst, der Mann wurde benachrichtigt und schaffte mitten in der Nacht die Tiere fort. Es waren die letzten Pferde in der Reitschule.

Im Morgengrauen ging das Fest zu Ende, Bar und Soundanlage wurden weggeräumt. Einige blieben, doch die Polizei komplimentierte sie am Morgen hinaus, ohne grosse ‹Lämpen›. Das Haus wurde verriegelt. Es gab keinen Plan für eine strukturierte Besetzung, und ich gehörte nicht zu denen, die wussten, wie es weitergehen soll. Ohnehin will ich das betonen: Ich bin ein Zeuge und einer unter vielen, die einen Beitrag zur Besetzung der Reithalle geleistet haben.

Für Sonntag um 14 Uhr war eine Vollversammlung angesagt. So einfach sollte es für den Gemeinderat dann doch nicht sein. Als sich einige Hundert Leute allmählich vor der Reithalle einfanden, kam auch FDP-Gemeinderat und Polizei­direktor Marco Albisetti. Der Gesprächsbereitschaft, die er signalisierte, traute niemand. «Wir verlangen seit sieben Jahren das Gleiche», erwiderte jemand. Als wir uns zum Sitzstreik entschieden, sagte Albisetti entnervt, wir hätten jetzt unser Fest gehabt und sollten heim­gehen. Begleitet von einem Pfeifkonzert zog er dann wieder ab. Wir brachen zur Demo auf und gelangten zum Stadttheater, als sich dort das Publikum gerade für die zweite Hälfte eines Musicals stärkte. Ein paar Demonstrierende rannten die Treppe hoch ins Foyer, jemand warf ein Glas in einen Spiegel. Relativ schnell kam die Polizei, es ‹häscherte› ein bisschen in den Gassen, dann löste sich der Umzug auf.

In der folgenden Woche trieb der Kulturstreik den Gemeinderat in die Enge: Am Montag fiel der Entscheid, unter der Woche wurde organisiert, am Samstag blieben viele Beizen und der ganze Kultur­betrieb – bis hin zu Kunst­museum und Stadttheater – geschlossen. Kultur sollte am 31. Oktober nur in der Reithalle stattfinden. Widerwillig bewilligte der Gemeinderat ein Fest in der Grossen Halle, aber die Leute nahmen sofort die frisch ­zugemauerten Nebenräume in Beschlag. Im Dachstock wurde eine zweite Bühne eröffnet, die dort seit der ersten Besetzung bis 1982 brachgelegen hatte. Der Kulturstreik war eine grosse Party für alle, aber bereits an den ersten VV danach setzte sich die Haltung durch, dass kein Konsumtempel entstehen soll.

Nach dem 31. Oktober blieben die Leute einfach, organisierten VV, kochten, soffen, publizierten die erste Hauszeitung ‹Megafon› und begannen, das Haus Stück für Stück zu beleben. Der Gemeinderat war nach der Zaffaraya-Räumung vom 17. November 1987 nicht mehr fähig, auch die Reitschule räumen zu lassen. Am Ende war das Autonome Jugendzentrum in der Reitschule der Preis für die Zaffaraya-Räumung. Im nächsten Herbst hatten wir wieder eine stockbürgerliche Regierung, deren Unfähigkeit im Umgang mit der Reitschule viel dazu ­beitrug, dass sie 1993 Rot-Grün-Mitte weichen musste.»

(Berner Zeitung)

Erstellt: 24.10.2017, 14:32 Uhr

Johannes Wartweiler.

Artikel zum Thema

Berns ewige Liebe zur Reitschule

Nächste Woche feiert die Reitschule ihr 30-jähriges Bestehen. Die Stadt Bern und ihr umstrittenes alternatives Kulturzentrum halten sich fest umschlungen, und man könnte sagen: Die Reitschule hat Bern besser im Griff als umgekehrt. Mehr...

Das grosse Reitschule-Lexikon: Von Basisdemokratie bis Polizeitelefon

Die Reitschule ist ein Betrieb mit 500 Mitarbeitern. Weder Aussenstehende noch gelegentliche Reitschulgänger kennen normalerweise alle Facetten. Hier sind sie. Mehr...

Eine illegale Demo zum Jubiläum

Vor bald 30 Jahren wurde die Reitschule besetzt. Das Kollektiv Klassentreffen Ü-30 will dieses Jubiläum mit einem Umzug quer durch die Stadt feiern. Mehr...

Dossiers

Marktplatz

Immobilien

Kommentare

Blogs

Mamablog Wenn die Krankheit das Familienleben bestimmt
Geldblog Lohnt sich eine Hypothek von der Pensionskasse?

Die Welt in Bildern

Und die Haare fliegen hoch: Besucher des Münchner Oktoberfests vergnügen sich auf einem der Fahrgeschäfte. (22. September 2018)
(Bild: Michael Dalder ) Mehr...