Auf den Spuren des Todes

Bern

Als Pflegerin begleitete Rosa Tanner viele Menschen während ihrer letzten Stunden. Auf einer Führung durch ein Berner Krematorium erfuhr sie, wie der Weg der Verstorbenen ganz zu Ende geht.

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Sheila Matti

Es ist ein ruhiger Tag. Über den Gräbern des Berner Bremgartenfriedhofs liegt eine dünne Nebelschicht, gedämpftes Licht fällt durch die Fenster in die grosse Kapelle des Krematoriums. Silvana Pletscher und Rosa Tanner stehen zwischen den leeren Sitzreihen und sprechen leise miteinander, hinter ihnen thront der Altar. Während einer Abdankungsfeier liegt dort, hinter einer Glasscheibe, der Sarg des Verstorbenen. Heute ist die Kammer leer.

Pletscher faltet ihre Hände vor der Brust und erzählt die Geschichte des Krematoriums, das von der Bernischen Genossenschaft für Feuerbestattung geführt wird. Diese wurde 1888 gegründet, damals, als die Feuerbestattung noch selten und mit verschiedenen, vor allem religiösen Vorurteilen belastet war. Nachdem die Finanzen organisiert worden waren, konnte 1908 das ursprüngliche Krematorium eröffnet werden. Heute finden neun von zehn Verstorbenen aus dem Einzugsgebiet des Krematoriums ihr Ende in dessen Öfen. Entsprechend gewachsen ist das Unternehmen, mehrere Neubauten und Sanierungen prägen seine Geschichte.

«Trotzdem ist unsere Arbeit immer noch ein Tabuthema», sagt die Leiterin des Krematoriums, die regelmässig Gruppen durch die Räumlichkeiten führt. In den fünf Jahren, in denen sie den Betrieb leite, habe sie stets versucht, diesem Ruf entgegenzuwirken und mehr Farbe in das Gebäude zu bringen.

Lebenslange Erfahrungen

Rosa Tanner tabuisiert den Tod nicht. «Er ist schon im Gebärsaal anwesend», pflegt die 60-Jährige zu sagen. Erfahrungen mit dem Lebensende hat sie schon viele gemacht: Mit 18 Jahren begann Tanner die Ausbildung zur Pflegerin in der städtischen Krankenpflegeschule Engeried, mit 21 Jahren wurde sie zur Gemeindeschwester von Lauperswil. «Ich war sozusagen die Spitex des Dorfes», so Tanner, «ich habe viele Menschen während ihrer letzten Stunden begleitet. Oft musste ich dafür mitten in der Nacht aufstehen.»

Was jedoch mit dem Körper geschah, nachdem der Bestatter ihn abgeholt hatte, das wusste Tanner nicht. Interessiert hat es sie schon lange, und so meldete sie sich beim «Forum» für die Rubrik «Wünsch dir was». Ihre Bitte: ein Krematorium in aller Ruhe zu besichtigen. Ein Wunsch, der dank der Genossenschaft in Erfüllung geht.

Alle Arten von Menschen

Die kleinere Kapelle, in der rund 120 Menschen Platz finden, ist schlicht dekoriert. Weisse Blumen und lange Kerzen zieren das Sargpodest. «Hier kommen die unterschiedlichsten Menschen in ihrer Trauer zusammen», erzählt Pletscher. Von Christen und Tamilen über Buddhisten bis hin zu Rockern, die Musik der Band AC/DC laufen lassen. «Das würde mir auch gefallen», sinniert Rosa Tanner, «ich will keine traurige Abschiedsfeier. Die Leute sollen mich mit einem Lächeln gehen lassen.»

«Ich will keine traurige Abschiedsfeier. Die Leute sollen mich mit einem Lachen gehen lassen.»Rosa Tanner, Oberburg

Über ihren eigenen Tod hat sich die Emmentalerin schon öfters Gedanken gemacht. Sie wolle eingeäschert werden, erzählt sie auf dem Weg in die Aufbahrungshalle im Nebengebäude. «Meine Enkelkinder werden mich in der Emme verstreuen», sagt sie mit einem Lächeln, «dort, wo wir so oft zusammen spielen.»

Später, als die beiden Frauen in einen der insgesamt zwanzig Aufbahrungsräume hineinblicken, erzählt Tanner von ihrem Bruder. Er starb mit 19, als sie 29 Jahre alt war, und wurde danach mehrere Tage zu Hause aufgebahrt. «Das wird heute immer seltener», erklärt Silvana Pletscher. Umso wichtiger seien ebenjene Räume: Abgetrennt durch eine Glasscheibe, liegen hier die Toten, im leicht gekühlten Raum, im hübsch dekorierten Sarg. Die Halle hat jeden Tag offen, von morgens bis abends. «Mehrere Tage können die Verstorbenen hier verweilen», so Pletscher, «damit sich auch jene verabschieden können, die erst noch anreisen müssen.»

Glühendes Innenleben

Die letzte Station der Führung ist die Ofenanlage. Die Atmosphäre erinnert ein wenig an eine Fabrik; die Öfen sind gross und mit Glas verkleidet, im Hintergrund klingt das Hämmern eines Arbeiters. «Eine der Ofenlinien wird momentan gewartet», erklärt Silvana Pletscher den Lärm. Hinter den riesigen Feuerkammern versteckt sich einiges an Technik: Mehrere Computer überwachen den Ablauf, an einem der Bildschirme erklärt Pletscher, wie die Verbrennung genau abläuft.

Sobald in der Hauptbrennkammer eine Temperatur von 750 Grad herrscht, kann der Sarg eingefahren werden. Sobald er die glühend heissen Schamottsteinen berührt, entzündet sich das Holz von allein. In der zweiten Kammer erfolgt dann die Nachverbrennung der Asche, in der dritten wir diese ausgekühlt. Der gesamte Prozess, von der Einfahrt des Sarges bis zum Abfüllen der Asche, dauert etwa drei Stunden.

Nach der Theorie folgt die Praxis. Rosa Tanner darf dabei sein, während ein Sarg über die automatische Vorrichtung in den Ofen gefahren wird. Nur wenige Sekunden öffnet sich die Luke, offenbart das glühende Innen­leben, bevor der Sarg im Feuer verschwindet. Die beiden Frauen nicken schweigend, verharren einen Moment und begeben sich dann in den unteren Stock, wo lauter leere, bronzefarbene Urnen stehen.

Wertvolles Edelmetall

Manchmal fänden sich in den grauen Flöckchen grössere medizinische Prothesen, erklärt Silvana Pletscher: «Das ist wertvolles Edelmetall, das wir in den Kreislauf zurückgeben möchten. Deshalb sammeln wir die Teile und lassen sie von einer holländische Firma abholen, welche sie etwa im Schiffsbau wiederverwendet. Mit dem Erlös wird jedes Jahr eine andere gemeinnützige Institution unterstützt, die mit dem Tod zu tun hat.» Goldzähne, Eheringe, Schmuckstücke – alles, was die hohen Temperaturen im Ofen überstanden hat, landet in der Urne.

Wieder draussen, verabschieden sich die beiden Frauen voneinander. Rosa Tanner ist mit der Führung sehr zufrieden – ihre Erwartungen seien übertroffen worden. Auch von der Art, wie das Krematorium geleitet werde, sei sie begeistert: «Frau Pletscher führt den Betrieb professionell und doch familiär», sagt sie, lächelt und verabschiedet sich in Richtung Parkplatz. Der Nebel hat sich mittlerweile gelichtet, die Ruhe hingegen ist geblieben.

Berner Zeitung

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