Balanceakt zwischen Erinnern und Vergessen

Bern

Für satte elf Millionen Franken ist das Museum für Kommunikation im Kirchenfeldquartier seit vergangenem August rundum erneuert worden. Und mit jugendlicher Risikofreude befeuert: Museumsbesucher werden nicht mehr beaufsichtigt, sondern von Kommunikatoren begleitet.

Alles neu im Museum für Kommunikation: So sieht es im Museum nach dem Umbau aus. Video: Christian Häderli
Jürg Steiner@Guegi

Im ersten Untergeschoss des neu gestalteten Museums für Kommunikation, der Raum heisst «Mémoire», hängt ein überdimensioniertes künstliches Gehirn von der Decke. Im Angesicht des mächtigen Denkapparats sagt Museumsdirektorin Jacqueline Strauss ein paar denkwürdige Sätze: «Es gibt Menschen, die krankheitsbedingt alles sofort vergessen. Es gibt aber auch Menschen, die nichts vergessen. Beide können nicht kommunizieren.» Es müsse ein Gleichgewicht geben zwischen diesen beiden Polen, nur so sei Kommunikation möglich und mache Sinn.

Die Balance zwischen Erinnern und Vergessen!

Mit was wird unser Gedächtnis alimentiert, was bröckelt weg ins schwarze Loch? Save oder delete? Was speichern wir, was löschen wir – und entscheiden wir darüber? Was wollen wir verstehen, was überhören wir?

Konzipiert bis 2030

Es sind diese Fragen, um die wir in unserem Alltag ständig ringen. Etwa, wenn wir Selfies posten auf Social Media oder unser halbes Leben in einer Cloud ab­speichern. Wenn wir in Filmen in die Erfahrungen anderer Menschen steigen und sie mitnehmen in unser eigenes Leben. Wenn uns der Dreiklang des Postautos zurück in die Kindheit katapultiert und Sekunden später ein Tweet von Donald Trump in die USA.

Wer sind wir? Ohne Kommunikation gibt es auf diese Frage keine Antwort. Das heisst aber auch, dass sich ein Museum, das sich der Kommunikation widmet, diesen grossen Fragen stellen muss.

Scheu vor Grossem hat die Crew um Direktorin Jacqueline Strauss nicht gezeigt. Es hat sich – unterstützt vom niederländischen Designbüro «Kossmann. Dejong» – fünf Jahre Zeit genommen und elf Millionen Franken investiert, um einen Radikalumbau im Museumsinnern zu planen und umzusetzen, der fähig ist, dem rasanten Veränderungstempo unserer Kommunikationsgewohnheiten Rechnung zu tragen. Die neue Kernausstellung kann so elegant aktualisiert werden, dass sie laut Strauss bis 2030 Bestand haben soll.

Das Lasagneprinzip

Was man nach einem ersten Gang durch das erneuerte Museum sagen kann: Die Gestalter gewinnen den komplexen Grundsatzfragen der Kommunikation erstaunlich viel Unterhaltungsqualität ab. Aufdringliche Museumspädagogik vermeidet man, Erschöpfungsanfälle bleiben aus.

Das hat in erster Linie damit zu tun, dass man als Museumsbesucher – im Unterschied zum Kommunikationsstress im richtigen Leben – die Informationsdosis selber regulieren kann. Gewissermassen nach dem Lasagneprinzip, nach dem man autonom in unterschiedliche Vertiefungsschichten dringt.

Das Datacenter beispielsweise, wo die schillernden Herausforderungen des Digitalzeitalters verhandelt werden, kann man einfach als flirrende Kunstinstallation reinziehen. Vielleicht will man aber seine Kenntnisse über den Rohstoffbedarf der Smartphone-Industrie auffrischen. Oder sich doch substanziell mit dem Darknet auseinandersetzen. Alles möglich im neuen Museum.

Die verblüffendste Wirkung entfaltet indessen eine ziemlich simple Idee. Gleich beim Eingang bewegen sich auf riesigen Bildschirmen Menschengruppen unterschiedlichen Alters in Zeitlupe und schauen einen plötzlich in die Augen. Man könnte lange stehen bleiben und zurückschauen. Als möchte man vermeiden, dass das Leben vorbeizieht.

  • loading indicator

Von schon fast jugendlicher Risikofreude ist die Neudefinition der Museumsangestellten zu vielseitigen Kommunikatoren. Aufseher gibt es nicht mehr. Sondern nur noch eigens ausgebildete Spezialisten, die permanent in den Ausstellungsräumen unterwegs sind und bei Bedarf persönlich Informationen oder Anregungen vermitteln.

«Ein höchst anspruchsvoller Job», sagt Gallus Staubli, Leiter Bildung und Vermittlung. Die Kommunikatorinnen werden entscheidend sein dafür, ob Besucherinnen und Besucher ein zweites oder ein drittes Mal in die Dauerausstellung zurückkehren. Darauf ist das Museum angewiesen, will es seine Vor-Renovationsfrequenz von rund 80'000 Besuchern pro Jahr halten.

Keine Kürzungen

Von den vom Bund angedrohten Subventionskürzungen für Berner Museen ist das Museum für Kommunikation nicht betroffen. Es wird von einer Stiftung von Post und Swisscom getragen. Für die Grossrenovationen floss auch Geld von Kanton und Stadt Bern.

Aktiv bespielen wird das Museum für Kommunikation seinen Aussenraum. Für Direktorin Jacqueline Strauss wäre das ein wichtiges Puzzleteil, wenn die Idee, aus dem Kirchenfeld ein touristisch vermarktbares Museumsquartier zu machen, realisiert werden soll.

Eröffnungsfest für das erneuerte Museum für Kommunikation: Samstag, 19. August, 14 bis 24 Uhr. Freier Eintritt.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt