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Bauer kämpft nach «Lothar» immer noch

Die Hälfte von Beat Spychers 15 Hektaren Wald auf dem Ulmizberg wurde vom Orkan «Lothar» umgefegt. In den zehn Jahren seither kämpft der Landwirt auf der Brache gegen Borkenkäfer, Sonnenbrand, Rehe und Unkraut.

Im Vordergrund die alten Bäume, dahinter das neu bepflanzte Gebiet: Noch zehn Jahre nach dem Orkan «Lothar» ist Beat Spychers Waldstück eine Baustelle.
Im Vordergrund die alten Bäume, dahinter das neu bepflanzte Gebiet: Noch zehn Jahre nach dem Orkan «Lothar» ist Beat Spychers Waldstück eine Baustelle.
Stefan Anderegg

Beat Spycher traute seinen Augen nicht, als er am 27.Dezember 1999, einen Tag nach dem Orkan «Lothar», seinen Wald auf dem Ulmizberg inspizieren wollte. Zwei Tage vorher hatten dort noch 15 Hektaren Mischwald gestanden. Nun sah es aus, als hätten Riesen mit den Stämmen Mikado gespielt. Die umgestürzten Bäume bildeten ein fast zehn Meter hohes Durcheinander. Stehen geblieben waren nur einzelne der stattlichen Nadelbäume.

Am Tag vorher hatte Spycher besorgt zum Küchenfenster in seinem Bauernhaus in Oberulmiz hinausgeschaut. Oben am Horizont, wo der Wald beginnt, stürzten die Bäume wie Grashalme um. Dann fiel der Strom aus, weil ein Baum die Leitung getroffen hatte. «Das hatte ich noch nie vorher gesehen», erinnert sich Spycher zehn Jahre nach dem Orkan. Aber wie gross der Schaden tatsächlich war, hätte er sich nicht träumen lassen.

Ein Drittel des Waldes weg

Rund 5 der 15 Hektaren Waldfläche waren zerstört. Nach dem ersten Schrecken begann Spycher «einfach zu funktionieren», wie er heute sagt. Die Bäume mussten weggeschafft werden. Der Ulmizer Landwirt hatte Glück: Er fand einen Unternehmer, der den Trümmerhaufen wegräumte. Dieser zeigte sich sogar bereit, Spycher zehn Franken pro Kubikmeter Holz zu bezahlen. «Das war grosszügig, denn die meisten Forstunternehmen räumten das Holz ohne Bezahlung aus den zerstörten Wäldern», sagt Spycher. Sehr viel Geld hat Spycher allerdings nicht gesehen: Der Forstunternehmer ging in Konkurs, er zahlte lediglich 4000 Franken für das Holz, das er vom Ulmizberg wegschaffte. Trotz des «Gstürms» ist der Landwirt dankbar, denn mit seinem Traktor hätte er die Unmengen an Holz niemals wegtransportieren können. Mit der fremden Hilfe kamen grosse Maschinen zum Einsatz.

4000 statt 250000 Franken

Im Frühjahr 2002 waren die fünf Hektaren schliesslich vom groben Holz geräumt. Dann begann die Feinarbeit, bei der das Gebiet wieder aufgeforstet wurde. 300 Ster kleineres Holz zum Verbrennen räumte er von der Brache weg. Trotzdem hat Spycher eine grosse Menge Holz liegen lassen müssen. Mehr als einmal wollte er den Bettel hinschmeissen, wünschte sich, er hätte nie ein Waldstück besessen. Zu seinem Glück war er wirtschaftlich nicht auf den Holzverkauf angewiesen. Der Landwirtschaftsbetrieb mit der Jungviehzucht und diverse Nebenjobs sicherten der Familie Spycher ihre Existenz. In den zehn Jahren ist ihnen dennoch rund eine Viertelmillion Franken an Erträgen aus dem Holz durch die Lappen gegangen.

Erst kam der Käfer

«Dann kam der Käfer», erzählt Beat Spycher. Der trockene Sommer 2003 trug wesentlich dazu bei, dass die übrig gebliebenen Holzbestände vom Borkenkäfer befallen wurden. Die Bäume seien so schwach gewesen, dass sie dem Schädling nicht hätten widerstehen können. Die Jungbäume dagegen drohten zu vertrocknen: «Ich bewässerte sogar den Wald, das hatte ich vorher noch nie gemacht.» Das vom Käfer befallene Holz musste unverzüglich geschlagen werden. Der Rand des übrig gebliebenen Forsts wich zudem immer weiter zurück, weil die Bäume das Sonnenlicht nicht ertrugen. Der Wind erledigte den Rest: Immer wieder fielen Bäume, weil sie zu wenig tief im Boden verwurzelt waren. Statt der 5 Hektaren Wald verlor Spycher so mit den Jahren rund 7.

dann das Wild

Wie ein Kampf gegen Windmühlen kam es dem Landwirt manchmal vor: Kaum waren die Bäumchen neu gepflanzt, stürzten sich die Rehe darauf. Die Schösslinge der Weisstannen sind für das Wild eine Delikatesse, die Rottannen brauchen sie, um ihre Geweihe daran zu reiben. So starben unzählige Jungbäumchen wieder ab.

Heute sind rund 2 Hektaren Wald wieder so weit gediehen, dass sich Spycher nicht mehr darum kümmern muss. Weitere 2 Hektaren hat er ihrem Schicksal überlassen. Die übrigen 3 brauchen auch zehn Jahre nach dem Orkan intensive Pflege. Für Beat Spycher eine Aufgabe, die er für seine Nachkommen auf sich nimmt: Das Waldstück auf dem Ulmizberg wird erst für die übernächste Generation wieder so sein, wie es bis zum 26.Dezember 1999 war.

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