Beni und das Paradies

Allmendingen

Beni Doyon hat sich in Allmendingen ein Paradies gebaut. Den Oberländer stellen wir im BEsonders-Porträt vor.

Mehr besondere Menschen aus Bern und Region finden Sie in diesem Dossier. Fürs beste Sehvergnügen nutzen Sie die Vollbildfunktion.

Die Wolken am Abendhimmel über dem Aaretal verziehen sich langsam. Auf einer kleinen Wiese am Rand eines Bauernhauses in Allmendingen brennt ein Feuer. Um die Flammen herum sitzen ein paar Leute. Sie lauschen dem Knistern des Feuers, den Glocken der Kühe auf der Weide nebenan und trinken Bier. Auf einer Steinplatte liegen Würste, Tomaten und Kartoffeln. Bald sind sie gar. Dann gibt es Nachtessen bei Beni Doyon, Gastgeber im selbst gebauten Paradies.

Er streut etwas Käse über die Kartoffeln und freut sich über seine neue Feuerstelle. «Kürzlich habe ich einer Zügelfirma geholfen, in Ostermundigen eine Küche auszuräumen.» Die alte Küchenabdeckung kam ihm da ge­rade recht. Sie eigne sich auch bestens als Grillplatte. «Mir genügt immer das, was ich gerade habe», sagt er und nimmt einen Schluck Bier. Er trinkt es aus einem Holzbecher.

Einsteiger statt Aussteiger

Beni Doyon, 51 Jahre, nennt sich Paradiesbauer. Seit drei Jahren lebt er am Rand des Hofs der Familie Bigler. An diesem warmen Sommerabend sind Freunde gekommen, es ist Vollmond, ein Fest für Doyon. «Wann immer ich hier bin, zelebriere ich den Vollmond», sagt er. Wie er auch andere Naturereignisse feiert, etwa die Sonnenwende.

Doyon ist kein Selbstversorger, kein Einsiedler und schon gar kein Hippie. «Ich bin auch kein Aussteiger, sondern ein Einsteiger ins Leben.» Er stehe mitten in der Gesellschaft, aber eben auch in tiefer Verbundenheit mit «Mutter Erde». Es sei ihm wichtig, ein Leben in Harmonie mit der Natur zu führen und innere Träume zu verwirklichen.

Er ist überzeugt: «Glück und Zufriedenheit sind nicht in unserer Hightechwelt zu suchen, sondern in der Natur.»

Genug Geld zum Leben

In Allmendingen lebt Doyon in einem selbst gebauten Schilfdachhaus, unter dem er seinen Wohnwagen parkiert hat. Er hat ein Handy, aber daheim kein Internet. Einen Kühlschrank und eine chemische Toilette, aber keinen Fernseher.

Er zahle Steuern und die Krankenkasse, aber am meisten Geld verschlingt das Auto. Er hat keinen festen Job, hilft aber immer mal bei Baufirmen aus. Auch auf dem Bauernhof legt er regelmässig Hand an – als Gegenleistung dafür, dass er hier wohnen darf.

Am liebsten aber verdient er sich sein Einkommen durch das «Lädere». Er fertigt kunstvolle Kleidungsstücke oder Gegenstände aus Leder, schneidet und verziert sie. Häufig verkauft er sie auf Mittelmärkten, wo er viel Zeit verbringt. Dort demonstriert er zudem, wie man Schilfdächer baut. «Ich verdiene durchaus gut damit.»

Das Zaffaraya-Abenteuer

Doyon ist zusammen mit drei Geschwistern in Adelboden aufgewachsen. Er sei relativ streng erzogen worden, das Verhältnis zu den Eltern sei gut gewesen. Schon damals habe er die Tage am liebsten auf einem Hochsitz verbracht, im Wald, in einem selbst gebauten Häuschen. Er absolvierte noch eine Forstwartlehre, dann verabschiedete er sich vom bürgerlichen Leben. «Für mich war klar, dass ich im Einklang mit der Natur leben will.»

Zunächst tat er dies Mitte der Achtzigerjahre bei Zaffaraya, der Hüttensiedlung auf dem Berner Gaswerkareal. Wohl war ihm allerdings nicht. «Die Zaffarayaner haben mich nicht akzeptiert, weil ich nicht an Demos mitgemacht und keine Steine gegen Polizisten geworfen habe.»

Als ihn der Zaffaraya-Anführer mit einer Steinschleuder zu vertreiben drohte, entgegnete Doyon: «Du hast ein grosses Stück Land besetzt. Jetzt besetze ich ein kleines Stück bei dir.» Am Ende ging er freiwillig.

Vom Wanderer zum Vater

Doyon begab sich auf eine mehrjährige Wanderschaft. Diese Reise führte ihn durch die Schweiz, Italien und Frankreich. Mal war er allein unterwegs, mal mit einem Esel oder einem Pferd. Meistens sei das Ziel eine Person gewesen, die er besuchen wollte, oder aber auch einfach ein schöner Horizont.

«Es zog mich irgendwo hin, und geschlafen habe ich in Höhlen und Wäldern.» Er arbeitete bei Landwirten, Baufirmen, Zimmerleuten, Dachdeckern und erlernte so ihre Handwerke. Immer wieder half er auf Bauernhöfen aus oder verbrachte den Sommer auf einer Alp. Nach der Wanderschaft wurde er Vater einer Tochter und eines Sohnes, die allerdings bei ihrer Mutter aufwuchsen. Später lebte er mit der da­maligen Partnerin und der gemeinsamen Tochter als Selbstversorger auf einem Hof. Zu seinen Töchtern und dem Sohn habe er ein gutes Verhältnis, sagt Do­yon. «Ich sehe sie regelmässig.»

Vor sieben Jahren kam Beni Doyon nach Allmendingen. Am Dorfrand entdeckte er ein verlassenes und verlottertes Bauernhaus, das Jordihaus. Er zog ein, brachte es auf Vordermann, zahlte eine kleine Miete, hatte mal Mitbewohner, mal keine. Doch dann wurde das Jordihaus abgebrochen, und Doyon fand eine neue Bleibe beim Bauernhof. Hier lebt er bis heute.

Ein neues Paradies

Über dem Aaretal verschwinden mit dem letzten Licht der Sonne auch die Wolken. Das Feuer flackert, aber die Würste sind gegessen. Er lebe gerne hier und möchte nicht vertrieben werden, sagt Beni Doyon und zündet sich eine selbst gedrehte Zigarette an. «Aber ich hätte auch kein Problem, weiterzuziehen, einen neuen Ort zu finden, den ich gestalten kann, um wieder ein Paradies zu bauen.» Dann klemmt er sich eine Mundharmonika zwischen die Finger und spielt die ersten Töne. Weiss am Himmel steht der Vollmond.Das Onlineporträt über Beni Doyon finden Sie im Rahmen unserer Serie «BEsonders» auf unserer Website.

berneroberlaender.ch/Newsnetz

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