Bern vor Augen, New York im Kopf

Dario Cologna läuft am Samstag erstmals am Grand Prix. Für den Langläufer ist der Auftritt in Bern Teil des Alternativprogramms, das Körper und Geist mehr Ruhe gönnen soll. Und das er noch nicht begonnen hat.

Marco Oppliger@BernerZeitung

Dario Cologna läuft gerne, dereinst möchte er einen Marathon bestreiten.(Foto: Walter Dietrich)

Eines weiss Dario Cologna bereits jetzt. Wenn er am frühen Samstagabend nach zehn Meilen oder 16,093 Kilometern ins Ziel laufen wird, «dann werden die Beine ganz sicher schmerzen». Der Bündner ist der heimliche Star dieser 38. Ausgabe des Grand Prix von Bern. Wobei das eigentlich surreal tönt bei einem wie ihm, der vier Olympische Goldmedaillen gewonnen hat und so gemeinsam mit Simon Ammann zum erfolgreichsten Schweizer Wintersportler wurde. Aber eben: Cologna ist in erster Linie Langläufer. Und deshalb hält er ziemlich dezidiert fest: «Ich komme nicht nach Bern, um zu gewinnen.» Und doch weiss er ganz genau, dass die Tausenden Zuschauer am Strassenrand am Samstag besonders auf ihn achten werden – weil einer wie er nicht jeden Tag durch Bern läuft.

Dabei lässt sich der Auftritt am GP für Cologna als Alternativprogramm bezeichnen. Weil sich der 33-Jährige nach kräftezehrenden Jahren und einer durchzogenen Saison ohne Podestplatz entschloss, es diesen Sommer etwas ruhiger anzugehen und etwas mehr nach dem Lustprinzip zu trainieren, führt ihn der Weg nach Bern. Viel habe er bereits über den Grand Prix gehört, sich auch Bilder von früheren Austragungen angeschaut. «Aber die Strecke kenne ich nicht im Detail. Ich lasse mich ein wenig überraschen, gerade wegen der Atmosphäre wird es sicher speziell, durch die Altstadt zu laufen.»

Respekt vor der Distanz

Durch Bern bummeln aber, das kommt für Cologna nicht infrage. In rund einer Stunde will er die zehn Meilen meistern. Diese Marke ist für ambitionierte Hobbyläufer eine Herausforderung, dem Spitzenathleten aber erlaubt sie, seine GP-Premiere auch zu geniessen. Und dass er schnell laufen kann, bewies Cologna gerade erst vor zwei Wochen, als er mit anderen Langläufern am Zürich Marathon in der Kategorie Team reüssierte. Als Startläufer lief er die ersten 8 Kilometer im 3:13-Minuten-Schnitt. «Von der Belastung her war das schon sehr intensiv», sagt er. Vor allem, weil er noch nicht so viele Kilometer in den Beinen habe. Genau deshalb verhehlt er nicht, Respekt vor diesen zehn Meilen zu haben, die vor ihm liegen.

Entgegen kommt ihm aber gewiss die coupierte Strecke. Ein Terrain mit vielen Auf- und Abstiegen liegt dem Langläufer. Und mit etwas Fantasie kann der Aargauerstalden gar mit dem Aufstieg zur Alpe Cermis – diesem unerbittlichen Schlussabschnitt in der finalen Etappe der Tour de Ski – verglichen werden. «Ich hoffe, dass ich am Schluss noch genug Power habe, um dort raufzulaufen», meint er.

Dass Cologna ein Ausnahmeathlet ist, steht ausser Frage. Doch ist ein hervorragender Langläufer automatisch ein hervorragender Läufer? «Es heisst, ein guter Klassisch-Langläufer sei auch ein guter Läufer und umgekehrt. Im Skaten ist es allerdings eine andere Bewegung, die fast näher beim Velofahren ist», sagt Cologna. Rund ein Drittel des Sommertrainings absolviert er laufend, weitere 30 bis 40 Prozent auf den Rollski und den Rest im Kraftraum und auf dem Velo. Im Sommer sind Cologna und seine Teamkollegen oft in den Bergen unterwegs, absolvieren längere Touren. «Das Laufen mag ich am liebsten», sagt er. Allerdings konnte er in der Vergangenheit, bedingt durch Probleme an Wade und Achillessehne, nicht das ganze Programm durchziehen. Im Moment ist Cologna aber beschwerdefrei.

Nichts tun ist schwierig

Körper und Geist will Cologna diesen Sommer also kleinere Pausen gönnen, so hat er es Ende Saison kommuniziert. Allzu viel von diesem Vorhaben hat er indes noch nicht in die Tat umgesetzt. Diese Woche weilte er im Trainingslager in Engelberg. «Ganz einfach, weil ich motiviert bin», wie er sagt. Und, weil die Schneeverhältnisse derzeit nach wie vor gut sind, er diese Woche auf den Latten noch absolvieren wollte. Doch Cologna schliesst nicht aus, dass er im Sommer eine Ruhephase einlegen wird.

Wobei das nicht bedeutet, am Strand oder auf dem Sofa zu liegen und das süsse Nichtstun zu geniessen. Es ist für einen wie ihn, der während Jahren Kilometer um Kilometer «frass», um auf Touren zu kommen, gar nicht so leicht, einfach mal die Füsse hochzulegen. «Manchmal muss ich mich dazu zwingen», meint er lachend. «Denn wenn ich daheim bin, trainiere ich meistens. Ich muss lernen, Pausen einzulegen.»

Klar ist: Den Langläufer Dario Cologna wird es noch eine Weile geben, sicher bis zu den Olympischen Winterspielen 2022 in Peking. Und er will wieder zurück zu alter Stärke finden und Podestplätze anvisieren. Weil in der kommenden Saison aber kein Grossanlass auf dem Programm steht, lässt es sich etwas leichter neue Dinge ausprobieren – wie den Grand Prix von Bern. Und bei den vielen Menschen am Strassenrand und der prickelnden Atmosphäre könnte es durchaus sein, dass er anschliessend nach Hause fährt und den einen Vermerk auf seiner To-do-Liste dick unterstreicht. Nach der Karriere möchte Cologna nämlich einen Marathon laufen. «Am liebsten in einer grossen Stadt, New York würde mich reizen.»

Berner Zeitung

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