Berner Kiesfirmen kassieren 22-Millionen-Busse

Wer in der Region Bern baut, wird von einem Beton- und Kieskartell abgezockt: Dies sei über viele Jahre der Fall gewesen, stellt die Wettbewerbskommission fest.

Kiesabbau am Buchholzweg – eine Kiesgrube von Kästli.

Kiesabbau am Buchholzweg – eine Kiesgrube von Kästli.

(Bild: Andreas Blatter)

Julian Witschi

Es erinnert an Zustände, wie man sie von Süditalien kennt. Ein Kartell von Beton- und Kiesherstellern hat in der Stadt und der Umgebung von Bern jahrelang Preise abgesprochen, die Liefergebiete aufgeteilt und so die öffentliche Hand und private Bauherren um Millionen von Franken geprellt.

Dies geht aus einer Mitteilung der Wettbewerbskommission (Weko) hervor. Die Behörde gab am Donnerstag nach vierjährigen Untersuchungen bekannt, sie habe die beiden Beton- und Kieshersteller Alluvia und Kästli wegen Verstössen gegen das Kartellgesetz mit total rund 22 Millionen Franken gebüsst. Alluvia soll davon rund zwei Drittel zahlen, gestützt auf ihren Umsatz in diesem Geschäft.

Zu Alluvia gehören unter anderem das Messerli-Kieswerk in Niederwangen und das Kies- und Transportbetonwerk der K. + U. Hofstetter AG in Mattstetten und Hindelbank. Kästli wiederum ist für das Kieswerk in Rubigen bekannt, dem die Stimmbürger 2018 für weitere 25 Jahre den Kiesabbau gebilligt haben.

Alluvia und Kästli weisen alle Vorwürfe als haltlos zurück. Sie wollen den Entscheid der Weko vor Bundesverwaltungsgericht anfechten. Konkret werfen ihnen die Kartellwächter vor, bis 2013 die Listenpreise für Kies- und Betonprodukte inklusive Transport abgesprochen zu haben. Sie legten jeweils Ende Jahr «gemeinsam enge Bandbreiten für Preisanpassungen fest», schreibt die Weko. Zudem hätten die Unternehmen einen einheitlichen Mengenrabatt gewährt. Damit sei nicht nur der Wettbewerb untereinander, sondern auch die Konkurrenz von ausserhalb zurückgebunden worden.

Alluvia und Kästli gewährten demnach ihren Kunden bestimmte Vergünstigungen nur dann, wenn sie sämtlichen Kies und Beton bei ihnen bezogen. Zur Berechnung und Auszahlung der Rabatte und Vergünstigungen betrieben sie ferner eine gemeinsame Inkassostelle. So waren sie gegenseitig über Mengen und Preise laufend im Bild. Einen weiteren Verstoss gegen das Kartellgesetz sieht die Weko darin, dass die beiden Unternehmensgruppen sich bei der Auftragsakquisition in ihren Liefergebieten nicht konkurrenziert und andere Anbieter am Markteintritt gehindert hätten.

«Wie eine Cumulus-Karte»

Ferner bezahlten die beiden Gruppen einen sogenannten Kies- und Betonbatzen. Dies funktionierte so: Wenn ein Mitglied des Baumeisterverbands der Region Bern (BVRB) sämtlichen Kies und Beton im Raum Bern bei Alluvia und Kästli bezog, bezahlten diese dem Verband 30 Rappen pro bezogenem Kubikmeter Kies und 50 Rappen pro Kubikmeter Beton. Bezog aber ein Baumeister Kies und Beton bei anderen Anbietern, wurde der Beitrag an den Verband gestrichen.

Der BVRB wurde 2011 in den Kantonal-Bernischen Baumeisterverband (KBB) integriert. Verbandspräsident Alfred Zimmermann sagt zum Kies- und Betonbatzen, zu den Details könne er sich nicht äussern, da er schon länger abgeschafft sei. «Es ist aber korrekt, dass es solche Vergütungen gegeben hat. Das waren aber kleine Beträge, mit denen Alluvia und Kästli die Ausbildung unserer Lehrlinge unterstützt haben. Dies übrigens auch mit Materiallieferungen, also vor allem Kies und Sand.» Zimmermann sieht darin nichts Problematisches, schliesslich gebe es viele ähnliche Vergütungssysteme, etwa die Cumulus-Karte bei der Migros.

Der kantonale Baumeister-Präsident betont, die angeblich um Dutzende Millionen Franken zu hohen Preise für Beton und Kies gäben ein völlig falsches Bild ab. Der Preisdruck im Baugewerbe sei sehr gross, der Konkurrenzkampf unter den zahlreichen Baufirmen hart. Die Preise für Kies und Beton seien im Kanton Bern zwar höher als in anderen Landesteilen, dies aber nicht wegen Absprachen, sondern weil es hier durch strenge Auflagen der Politik und der Behörden nur noch wenige Lieferanten gebe.

Kies aus anderen Regionen zu beziehen, ist für den Baumeister-Präsidenten keine Alternative. Die Transportkosten würden die Preisvorteile zunichtemachen. «Auch aus ökologischen Gründen ist es falsch, so schweres Material mit Lastwagen über längere Strecken zu transportieren.» Wenn etwa in den Grenzregionen der Waadt oder in Zürich Kies billiger sei, dann insbesondere wegen der Importe aus Frankreich respektive Deutschland.

Fehlerhaft

Alluvia und Kästli weisen in ähnlich lautenden Stellungnahmen alle Vorwürfe der Weko als haltlos zurück. Alluvia-Chef Robert Jäggi weist der Behörde gravierende Fehler und Lücken vor. So seien etwa die Transportkosten oder kantonale Vorgaben unvollständig und mangelhaft berücksichtigt.

Kästli-Verwaltungsratspräsident Daniel Kästli sagt, die Weko habe massgebliche Zeugenaussagen weggelassen oder verkürzt wiedergegeben, was zu falschen Schlüssen führe. «Wir bedauern es sehr, dass der mediale Wirbel eine sachgerechte und angemessene Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit wohl auf längere Zeit verunmöglicht.»

Der Schlagabtausch wird nun vor Bundesverwaltungsgericht weitergehen. Zudem gibt es ein zweites Verfahren der Weko: Die Wettbewerbsbehörde hatte 2015 gegen insgesamt acht Kies- und Deponieunternehmen im Kanton Bern eine Untersuchung eröffnet und Razzien durchgeführt. Ende 2016 trennte sie das Verfahren gegen die Deponien ab. Der Entscheid in diesem Verfahren ist laut Weko Ende 2019 zu erwarten.

Berner Zeitung

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