Bevölkerung rettet Dorfladen

Frauenkappelen

In der neuen Überbauung Q-Matte Frauenkappelen entsteht ein Dorfladen. Das Projekt wäre beinahe gescheitert, wenn nicht die Bevölkerung die Initiative ergriffen hätte.

Besuch auf der Baustelle Dorfladen: Anne Bernasconi und Tobias Vögeli.

Besuch auf der Baustelle Dorfladen: Anne Bernasconi und Tobias Vögeli.

(Bild: Christian Pfander)

Hans Ulrich Schaad

Am Nordrand von Frauenkappelen wird zurzeit ein neues Quartier hochgezogen. Q-Matte nennt sich die Überbauung, die am Ende 115 Wohneinheiten umfasst. Die ersten Bewohner werden noch in diesem Jahr einziehen. «Was wäre ein Dorf ohne Dorfladen?», wird im Prospekt gefragt. Und die Antwort folgt gleich auf dem Fuss: Er runde das Konzept der Q-Matte ab und versorge gleich das ganze Dorf. Es hat aber wenig gefehlt, und das Projekt Dorfladen wäre nicht zustande gekommen.

Das Abenteuer

Anne Bernasconi und Tobias Vögeli, die sich an vorderster Front für den Dorfladen engagieren, stehen an diesem heissen Morgen auf der Baustelle. In jenem Gebäudeteil, wo der Laden Mitte Januar 2020 eröffnet wird. Heiss und Baustelle, das passt gut zum aktuellen Stand. Das Vorhaben befindet sich in einer heissen Phase. Am nächsten Dienstag wird die Genossenschaft gegründet, die den Dorfladen betreiben wird. Danach geht es darum, diesen zu konzipieren. «Es ist ein Abenteuer», räumt Vögeli ein, «aber wir sind nicht blauäugig.»

Das Thema Dorfladen sei ihr im Herbst 2014 erstmals so richtig bewusst geworden, erzählt Anne Bernasconi. Damals schloss die Käserei. Dabei gehe es nicht nur um das Einkaufen, sondern auch um die soziale Komponente: den Dorfladen als Treffpunkt. Erst im Juni 2016 durften sich die Frauenkappeler wieder über einen Laden freuen, in einem Containerprovisorium bei der zukünftigen Überbauung Q-Matte. Geführt wird er von der Dr. Gurtner AG, die in der Stadt und Region Apotheken und Drogerien betreibt. Im Dorfladen wurde auch die Postfiliale eingerichtet, weil zu diesem Zeitpunkt die Poststelle geschlossen wurde.

«Eigentlich war vorgesehen, dass der aktuelle Betreiber vom Provisorium in den neuen Dorfladen der Überbauung zügelt», blickt Anne Bernasconi zurück. Die Sache schien geritzt. Im letzten Herbst kam jedoch die Absage. Das Führen eines Dorfladens sei nicht sein Kernbusiness, habe der Geschäftsführer begründet. Er sei aber bereit, den Aufbau eines neuen Ladens zu unterstützen.

Die Initialzündung

Diese Situation rief den Ortsverein mit dessen Co-Präsidentin Anne Bernasconi auf den Plan. «Das darf nicht sein», lautete der Tenor. Wenn die Gemeinde nicht zum Schlafdorf werden wolle, brauche es eine Schule, eine Beiz und einen Dorfladen.

Der Gemeinderat reagierte ebenfalls. Er kontaktierte Grossverteiler, Discounter und regionale Geschäfte, auch mit Blick auf den Erhalt der Postfiliale. Doch es hagelte nur Absagen. Eine Umfrage in der Bevölkerung ergab jedoch ein klares Bild: «Wir wollen einen Dorfladen.» Das sei die Initialzündung gewesen, nach einer Lösung zu suchen, sagt Anne Bernasconi.

Das Vorbild

Es bildete sich eine IG Dorfladen. An einem Bürgerforum wurden Lösungsansätze diskutiert. In den Vordergrund rückte eine Genossenschaft, die den Laden betreibt. Als Vorbild habe das Beispiel Wahlendorf gedient, erklärt Bernasconi. Dort halte sich der Laden wacker und erst noch in einem kleineren Dorf.

Die Genossenschaft wird zwar erst am Dienstag offiziell gegründet. Doch bereits jetzt wurden Anteilscheine für rund 10'000 Franken gekauft. Das Ziel sei ein Kapital von mindestens 25'000 bis 30'000 Franken, erklärt Tobias Vögeli, der auch im Gemeinderat sitzt. Er betont, dass grundsätzlich kein Steuerfranken ins Projekt fliessen soll.

Das Herzblut

Das Projekt ist auf Goodwill angewiesen. Viele Personen haben zugesagt, beim Aufbau und Betrieb ehrenamtlich mitzuhelfen. Der Vermieter besorgt den Ausbau des 110 Quadratmeter grossen Lokals und kommt der Genossenschaft mit einem fairen Mietzins entgegen.

Der Laden werde auf Frischprodukte und Artikel des täglichen Bedarfs setzen, blickt Anne Bernasconi in die Zukunft. Man habe erste Gespräche mit möglichen Lieferanten geführt, unterschrieben sei aber nichts. Noch nicht definiert sind die Öffnungszeiten. Für die Leitung des Ladens soll jemand mit Herzblut und Engagement angestellt werden. Es ist beabsichtigt, dass der Dorfladen die Postfiliale weiterhin führen wird. Gespräche mit der Post sind im Gang. Das beanspruche zwar Platz, bringe aber fixe Einnahmen und zusätzliche Kundschaft.

Anne Bernasconi und Tobias Vögeli glauben «definitiv ans Projekt». Sie hoffen, dass der Wunsch nach einem Dorfladen nicht nur ein Lippenbekenntnis ist, sondern die Leute auch effektiv dort einkaufen.

Berner Zeitung

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