Biglen: Skyline weckt Skepsis

Biglen

Am Dienstag können die Stimmberechtigten die Grundlage für ein komplett neues Wohnquartier schaffen. Die Sache ist mutig – und ebenso umstritten.

Es geht um das Areal in der Bildmitte: Dörfer wie Biglen müssen gegen innen wachsen – wie sie das machen, ist oft umstritten.

Es geht um das Areal in der Bildmitte: Dörfer wie Biglen müssen gegen innen wachsen – wie sie das machen, ist oft umstritten.

(Bild: Stefan Anderegg)

Cedric Fröhlich@cedricfroehlich

Die Gemeindeversammlung haben sie vorsichtshalber in die Turnhalle verlegt. Eng dürfte es trotzdem werden. Und wohl auch emotional. Denn das Interesse an der Sache ist gross. Die einen finden sie mutig, die anderen unverhältnismässig. So oder so: Die Biglener Stimmberechtigten fällen am Dienstagabend einen Entscheid, der ihr Dorf auf Jahre hinaus prägen wird.

Es geht um das historische Dättlig-Areal am Bahnhof. Dort wird seit 120 Jahren mit Baumaterialien gehandelt – Ende Jahr ist Schluss. Das Unternehmen, das derzeit auf dem Areal eingemietet ist, zieht sich dann vom Standort Biglen zurück. Die alten Lagerhallen werden von da an leer stehen.

Verdichtung: Alt neben Neu auf dem Dättlig-Areal. (Visualisierung: zvg)

Der Ort soll künftig anderweitig genutzt werden. Ein Bauunternehmen aus Konolfingen plant eine Überbauung mit bis zu achtzig Wohnungen. Damit die Idee umgesetzt werden kann, muss die baurechtliche Grundordnung angepasst werden. Bereits im März 2014 stellte der Gemeinderat die ersten Weichen dafür. Nun ist es an den Stimmberechtigten.

Das Dorf aufwerten...

Das Projekt ist ein klassisches Verdichtungsvorhaben. Das Dättlig-Areal ist zentral gelegen, künftige Bewohner könnten den Bahnhof zu Fuss erreichen. Beton bleibt Beton. Grün bleibt Grün. Die Zersiedelung wird gestoppt. Aber wenn es ums Wachsen gegen innen geht, ist da auch immer Skepsis: Wie stark verändert sich das Ortsbild? Wie managt man den Verkehr? Ja will man überhaupt wachsen? Hinzu kommt: Die Siedlung wäre prominent, von weitem sichtbar. Eine Art Skyline im Dorf.

Für Gemeindepräsident Peter Habegger (FDP) überwiegen die Vorteile des Projekts. Er ist überzeugt: «In Biglen hat es Platz für das Moderne wie das Traditionelle.» Das Dättlig-Areal eigne sich hervorragend, um beides miteinander zu verbinden: «Ohne dass wir dabei auch nur einen Quadratmeter Kulturland verlieren.»

Für Biglen und seine rund 1800 Einwohner geht es am Dienstag um Veränderung. Daraus macht niemand einen Hehl, Habegger nicht, die übrigen Befürworter nicht. Einige von ihnen sagen gar: Die Veränderung, sie ist längst im Dorf angekommen. Die Eigentümer des Areals etwa. Sie strichen das in der letzten Ausgabe der «Dorfnachrichten» in einem Leserbrief hervor. Der Standort Biglen sei für auswärtige Industrieunternehmen nicht attraktiv genug, stand da. Heisst: Es kam schlicht niemand auf die Idee, sein Unternehmen nach Biglen und aufs Dättlig-Areal zu verlegen.

Weiter: Ja, das Ortsbild werde sich verändern. Aber: «Objektiv gesehen ist die Sicht auf den Dättlig heute ein reines Gewohnheitsbild.» Baumaterial, Lagerhallen, alte Garagen. Die Überbauung würde dieses Bild aufwerten – und sie brächte neue Steuerzahler. Und schliesslich: «Einem Verfall des Areals mangels Optionen möchten wir nicht zusehen müssen.»

...oder verschandeln

Das sehen nicht alle im Dorf so. Es ist eine rege Debatte um das Vorhaben entbrannt. Die Gemeinde hat die Bevölkerung vor zwei Jahren im Rahmen einer Mitwirkung befragt. Zurück kamen auch kritische Voten. Im Zentrum immer wieder: zu gross, zu wenig durchdacht, zu viel Verkehr.

Anstoss nahmen einige am Gebäude, das ursprünglich am Eingang der Siedlung geplant war: eine Art Turm, der die übrigen Gebäude um ein zusätzliches Stockwerk überragt hätte. Die Planer verwarfen die Idee nach erfolgter Mitwirkung wieder. Die gesamte Siedlung soll nun nicht höher werden als die Gebäude, die schon heute auf dem Areal stehen.

Trotzdem sind gegen das Vorhaben zwei Einsprachen eingegangen, eine davon stammt von direkten Anwohnern des Areals, die über ein Wegrecht verfügen und sich Sorgen um den Fortbestand ihres Landwirtschafts­betriebs machen. Im Falle eines Ja würden diese zusammen mit den geplanten Änderungen an den Kanton gehen, der die Sache noch genehmigen muss.

«Jetzt»

Die lokale SP-Sektion hat vor der Abstimmung mit Flugblättern mobilisiert. Darauf waren sowohl die Vor- wie auch die Nachteile des neuen Wohnquartiers aufgelistet. «Bilde dir deine Meinung», schlagen die Sozialdemokraten auf ihrer Website vor. Laut Peter Appenzeller, dem Co-Präsidenten, ging es darum, möglichst viele an die Versammlung zu bringen: «Jetzt wird entschieden, nicht morgen, nicht irgendwann. Jetzt.» Und ein Entscheid dieser Tragweite müsse möglichst breit abgestützt sein.

Wachsen. Ja oder nein. In Biglen haben sie am Dienstagabend die Wahl.

Berner Zeitung

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