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Brunnen zwischen Kahlschlag und Zerfall

Schön oder nicht schön? Seit 30 Jahren scheidet der Oppenheim-Brunnen die Geister. Nun muss das mit Kalkstein und Pflanzen überwucherte Kunstwerk saniert werden.

Der Oppenheim-Brunnen auf dem Berner Waisenhausplatz frisch saniert.
Der Oppenheim-Brunnen auf dem Berner Waisenhausplatz frisch saniert.
Keystone
Der Brunnen erscheint somit rechtzeitig renoviert zum 100. Geburtstag von Meret Oppenheim vom kommenden Sonntag in neuem Glanz.
Der Brunnen erscheint somit rechtzeitig renoviert zum 100. Geburtstag von Meret Oppenheim vom kommenden Sonntag in neuem Glanz.
Walter Pfäffli
Steinbildhauer Richard Wyss arbeitet am Oppenheim-Brunnen. Er trug 400 Kilogramm Kalktuff ab.
Steinbildhauer Richard Wyss arbeitet am Oppenheim-Brunnen. Er trug 400 Kilogramm Kalktuff ab.
Beat Mathys
Seit dem 3. September war der Brunnen eingehüllt in ein Baugerüst.
Seit dem 3. September war der Brunnen eingehüllt in ein Baugerüst.
Beat Mathys
Der Beton war stellenweise schwarz verfärbt.
Der Beton war stellenweise schwarz verfärbt.
Walter Pfäffli
Meret Oppenheim bei der Enthüllung im Jahr 1983.
Meret Oppenheim bei der Enthüllung im Jahr 1983.
Keystone
Am 26.November 1983 wurde der Brunnen enthüllt.
Am 26.November 1983 wurde der Brunnen enthüllt.
Keystone
Eine Skizze vom Brunnen auf dem Waisenhausplatz, wie sich ihn Oppenheim vorstellte. Im Frühjahr 2013 gab es verschiedene Ideen, wie der Brunnen saniert werden könnte. Das zeigen die nachfolgenden Bilder.
Eine Skizze vom Brunnen auf dem Waisenhausplatz, wie sich ihn Oppenheim vorstellte. Im Frühjahr 2013 gab es verschiedene Ideen, wie der Brunnen saniert werden könnte. Das zeigen die nachfolgenden Bilder.
Keystone
Einst standen um den 1983 eingeweihten Brunnen Blumenkisten. Diese wurden in der Zwischenzeit als zu «bieder» befunden und von der Kommission für Kunst im öffentlichen Raum weggeräumt. Von Meret Oppenheim selbst stammt die Idee, um den Brunnen eine Hecke anzulegen – doch schliesslich entschied sich die Stadt für ein paar Betonsockel und Parkbänke. Offenbar weiss keiner genau, wie der Platz rund um den Brunnen auszusehen hat. Nur eins ist gewiss: Der angeschnittene, dicht umfahrene Waisenhausplatz vor dem Atelierhaus Progr ist kein Bijou.Im Rahmen der Sanierung bietet sich die Möglichkeit, den Platz neu zu gestalten. Warum nicht der stieren Atmosphäre eine stiere Geometrie gegenüberstellen – ihr einen Spiegel vorsetzen? Dazu müssten die Stadtbauten den Brunnen auf den Ursprungszustand zurücksanieren, der ihm einst Übernamen wie «Betonnadel» einbrachte, und ihn mit einer Hecke umgeben. Ob dies dem Willen der Künstlerin entspräche? Kaum, schliesslich wünschte sie sich kein isoliertes Werk, wie es auch im Museum stehen könnte. Und da die Stadtbauten ihren Willen einbeziehen, ist die Realisierbarkeit: gering.
Einst standen um den 1983 eingeweihten Brunnen Blumenkisten. Diese wurden in der Zwischenzeit als zu «bieder» befunden und von der Kommission für Kunst im öffentlichen Raum weggeräumt. Von Meret Oppenheim selbst stammt die Idee, um den Brunnen eine Hecke anzulegen – doch schliesslich entschied sich die Stadt für ein paar Betonsockel und Parkbänke. Offenbar weiss keiner genau, wie der Platz rund um den Brunnen auszusehen hat. Nur eins ist gewiss: Der angeschnittene, dicht umfahrene Waisenhausplatz vor dem Atelierhaus Progr ist kein Bijou.Im Rahmen der Sanierung bietet sich die Möglichkeit, den Platz neu zu gestalten. Warum nicht der stieren Atmosphäre eine stiere Geometrie gegenüberstellen – ihr einen Spiegel vorsetzen? Dazu müssten die Stadtbauten den Brunnen auf den Ursprungszustand zurücksanieren, der ihm einst Übernamen wie «Betonnadel» einbrachte, und ihn mit einer Hecke umgeben. Ob dies dem Willen der Künstlerin entspräche? Kaum, schliesslich wünschte sie sich kein isoliertes Werk, wie es auch im Museum stehen könnte. Und da die Stadtbauten ihren Willen einbeziehen, ist die Realisierbarkeit: gering.
Monika Frischknecht
«Der grüne Bewuchs soll nur aus den Kanälen spriessen und wie eine Girlande an der Säule hängen», schrieb Meret Oppenheim über ihren Brunnen. Heute ist von dieser grünen Spirale nichts mehr zu erkennen. Ausserdem wünschte sich die Künstlerin eine regelrechte «Felslandschaft» auf dem Waisenhausplatz – eine Idee, die gar nicht erst realisiert wurde.Die Stadtbauten könnten nun den Brunnen soweit sanieren, dass sowohl die Wasserrinnen wie auch die Pflanzengirlanden wieder erkennbar wären. Damit der abbröckelnde Kalkstein keine Gefahr mehr darstellt, müsste dieser etwas gestutzt werden. In dieser gemässigten Wildnis würde sich auch Oppenheims Felslandschaft gut machen, die nicht nur die Natur zurück auf den kargen Platz bringen, sondern erschöpften Passanten zudem eine geeignete Sitzmöglichkeit bieten würde.Realisierbarkeit: hoch. Wie Gespräche mit Vertretern der Stadt und der Kunstszene zeigen, favorisieren viele – auch Wegbegleiter Oppenheims – die Sanierungsvariante light. Und gegen mehr Sitzgelegenheiten in der Innenstadt hätte wohl kaum jemand etwas einzuwenden.
«Der grüne Bewuchs soll nur aus den Kanälen spriessen und wie eine Girlande an der Säule hängen», schrieb Meret Oppenheim über ihren Brunnen. Heute ist von dieser grünen Spirale nichts mehr zu erkennen. Ausserdem wünschte sich die Künstlerin eine regelrechte «Felslandschaft» auf dem Waisenhausplatz – eine Idee, die gar nicht erst realisiert wurde.Die Stadtbauten könnten nun den Brunnen soweit sanieren, dass sowohl die Wasserrinnen wie auch die Pflanzengirlanden wieder erkennbar wären. Damit der abbröckelnde Kalkstein keine Gefahr mehr darstellt, müsste dieser etwas gestutzt werden. In dieser gemässigten Wildnis würde sich auch Oppenheims Felslandschaft gut machen, die nicht nur die Natur zurück auf den kargen Platz bringen, sondern erschöpften Passanten zudem eine geeignete Sitzmöglichkeit bieten würde.Realisierbarkeit: hoch. Wie Gespräche mit Vertretern der Stadt und der Kunstszene zeigen, favorisieren viele – auch Wegbegleiter Oppenheims – die Sanierungsvariante light. Und gegen mehr Sitzgelegenheiten in der Innenstadt hätte wohl kaum jemand etwas einzuwenden.
Monika Frischknecht
Kaum ein Wort fällt derzeit häufiger im Zusammenhang mit Oppenheims Werk als Transformation. Die Veränderung zieht sich als Grundthema durch ihr gesamtes ?uvres und hat in Form von Kalkablagerungen und Pflanzenbewuchs Spuren am Brunnen hinterlassen. Ganz im Sinne der Künstlerin, die mit dem Brunnen die Natur zurück auf den asphaltierten Platz bringen wollte. Entsprechend können sich zahlreiche Experten gut vorstellen, den Brunnen seinem Schicksal zu überlassen – was auch bedeuten würde, dass Passanten aufgrund des abbröckelnden Steins einen immer grösseren Bogen um das Werk machen müssten. Die Stadtbauten könnten aus dieser Not eine Tugend machen und Oppenheims Vision einer Felslandschaft auf die Spitze treiben – indem sie eine natürliche Absperrung in Form eines opulenten Felshaufens arrangieren würden. Zusammen mit dem abgebrochenen Stein und dem wuchernden Moos ergäbe dies ein kleines Ökosystem auf dem Waisenhausplatz, das nicht nur grüne Wähler erfreuen dürfte. Da es sich beim Brunnen aber um ein Kunstwerk handelt, dessen Wert gesichert werden soll, ist bei dieser poetischen Variante die Realisierbarkeit: mässig.
Kaum ein Wort fällt derzeit häufiger im Zusammenhang mit Oppenheims Werk als Transformation. Die Veränderung zieht sich als Grundthema durch ihr gesamtes ?uvres und hat in Form von Kalkablagerungen und Pflanzenbewuchs Spuren am Brunnen hinterlassen. Ganz im Sinne der Künstlerin, die mit dem Brunnen die Natur zurück auf den asphaltierten Platz bringen wollte. Entsprechend können sich zahlreiche Experten gut vorstellen, den Brunnen seinem Schicksal zu überlassen – was auch bedeuten würde, dass Passanten aufgrund des abbröckelnden Steins einen immer grösseren Bogen um das Werk machen müssten. Die Stadtbauten könnten aus dieser Not eine Tugend machen und Oppenheims Vision einer Felslandschaft auf die Spitze treiben – indem sie eine natürliche Absperrung in Form eines opulenten Felshaufens arrangieren würden. Zusammen mit dem abgebrochenen Stein und dem wuchernden Moos ergäbe dies ein kleines Ökosystem auf dem Waisenhausplatz, das nicht nur grüne Wähler erfreuen dürfte. Da es sich beim Brunnen aber um ein Kunstwerk handelt, dessen Wert gesichert werden soll, ist bei dieser poetischen Variante die Realisierbarkeit: mässig.
Monika Frischknecht
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Das Osterwetter hat am Oppenheim-Brunnen auf dem Waisenhausplatz seine Spuren hinterlassen. Einige Stellen des Betons haben sich schwarz verfärbt, schlaff hängen die Gewächse über den hervorstehenden Kalkstein herab. Die Berner Kultursekretärin Veronica Schaller geht um ihn herum und weiss nicht recht, ob es der Regen oder das Brunnenwasser ist, das auf ihren Schirm träufelt. Schaller vertritt die Eigentümerin des Brunnens: die Stadt Bern. Dieser steht heuer eine wichtige Entscheidung ins Haus. Im 100.Geburtsjahr der Künstlerin Meret Oppenheim und 30 Jahre nach der Einweihung des Brunnens ist eine erste umfängliche Sanierung nötig.

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