Bühne frei für den Keller

Laupen

Seit über 50 Jahren wird in einem Keller in laupen Theater gespielt und Kleinkunst präsentiert. Wer in der 80-plätzigen Tonne auftritt, muss mit einigen Einschränkungen leben. Das Keller­theater hat aber seinen Reiz.

Bilder: Beat Mathys
Hans Ulrich Schaad

An einer Sandsteinmauer ist ein Schild, das auf Die Tonne hinweist. Sonst würde kaum einer ahnen, dass sich hier unten im Stedtli Laupen ein Kellertheater befindet. Entstanden ist es vor 53 Jahren, in einer Zeit, als in der Stadt Bern mehrere Kellertheater eröffnet worden sind. Initianten waren Jugendliche, deren Lehrer das Interesse am Theaterspielen geweckt hatte.

Seit 1981 befindet sich Die Tonne am heutigen Standort an die Marktgasse 19 im Herzen des Stedtli.Christian von Erlach, Präsident des Vereins Die Tonne, steckt den Schlüssel in das Vorhängeschloss und öffnet die grosse, zweiflüglige Holztüre. Zehn Stufen geht es hinab in den Untergrund des mittelalterlichen Ortes. Beim Eingang hängt in einer Nische ein silbernes Lindenblatt. 2005 hat «Loupe läbt» dem Kellertheater den Sympathiepreis verliehen. Die Auszeichnung zeigt, welche Bedeutung Die Tonne geniesst.

Kopf einziehen

Die engen Verhältnisse zeigen sich bereits auf der Treppe, Grossgewachsene müssen den Kopf einziehen, um nicht schmerzhafte Bekanntschaft mit der Decke zu machen. Hinter der Eingangstüre befindet sich links die Garderobe. Rund 30 Kleiderbügel – ohne Nummer – warten auf Mäntel und Jacken. Rechts ist das Reich des Technikers. Leicht erhöht steuert er die Scheinwerfer und das Mischpult.

«Die Lüfterei ist eine Wissenschaft», erklärt Christian von Erlach. Wenn das Kellertheater nicht in Betrieb ist – Spielsaison ist im Winterhalbjahr – muss darauf geachtet werden, dass die kleinen Fensteröffnungen offen sind, damit eine gute Luftzirkulation möglich ist. Sonst würde es zu feucht, und der typische Kellergeruch entstünde. Während der Vorstellungen sind diese Öffnungen mit Keilen geschlossen, damit das Publikum nicht im kalten Durchzug sitzt.

Sitzkissen für alle

Das Kellergewölbe ist weiss ­gestrichen, der untere Teil der Wände besteht aus den alten Grundmauern. Die halbrunde Kellerform steht am Ursprung des Namens. Zehn Reihen à acht Stühle, alle nummeriert, stehen im Zuschauerraum. Wer lieber etwas weicher sitzt, kann sich mit einem Sitzkissen bedienen. «Es entsteht schnell eine gute, intime Atmosphäre, auch wenn nicht alle Plätze besetzt sind», sagt von Erlach. Überhaupt: Wer auf der Bühne steht, sieht kaum über die dritte Reihe hinaus, sondern schaut wegen der geringen Raumhöhe direkt in die Scheinwerfer. «Gewöhnungsbedürftig», meint der Vereinspräsident.

Der Platz auf der Bühne ist beschränkt. Stücke mit mehr als sechs oder sieben Darstellern sind kaum möglich. Auch bei den Kulissen und Requisiten müssen die Theaterleute Kompromisse eingehen. «Es ist aber erstaunlich, was man alles auf die Bühne kriegt», fügt Christian von Erlach an. Die Situation mache erfinderisch. So entstehen Teile, die multifunktional verwendet werden können, indem man sie dreht.

Lästige Mücken

Noch fast weniger Platz hat es hinter der Bühne, wo sich die Darsteller umziehen müssen. Hier gibt es eine enge Treppe, die in einen Hinterhof führt. Diese Treppe dient auch als Notausgang und zum Leidwesen der Tonne-Leute als Mückenrevier. Die lästigen Viecher finden hier konstante und feuchte Verhältnisse vor, um sich fortzupflanzen. Eine Dose mit Mückenspray ist griffbereit.

Für grössere Produktionen oder für Künstler mit einem hohen Publikumsinteresse weicht der Verein auf die Aula aus. Aber es gebe Künstler, die explizit verlangten, im Kellertheater aufzutreten, wie kürzlich Toni Vescoli. Oder Bänz Friedli, der zwar in der Aula aufgetreten ist, aber unbedingt in Der Tonne vorbeischauen wollte. Mit ihren spartanischen Einrichtungen sei Die Tonne zwar eine Art «Anachronismus», sagt Christian von Erlach. Aber die einzigartige Atmosphäre und der Charme würden von vielen geschätzt.

Ein riesiger Fundus

Ein Keller ist häufig ein Stauraum. Genau das fehlt in Der Tonne. Über die vielen Jahre hat sich jedoch ein grosser Fundus an Kostümen und Requisiten angesammelt. Als Depot hat der Verein deshalb einen zweiten Raum dazu gemietet: einen (Luftschutz-)Keller.

Bilder: Beat Mathys

In der Nähe des Bahnhofs lagern unzählige Erinnerungen an frühere Produktionen: Königsroben, Trachten, Militäruniformen, Schuhe oder ein Tropenhelm. Es stelle sich immer die Frage, was man im Depot behalte und was man weggebe, sagt Christian von Erlach. Und eines sei sowieso gewiss: Genau jenes Kleid, das man gerade brauche, sei oft nicht im Fundus oder passe nicht.

Diesen Herbst steigt die BZ in verschiedene Keller und berichtet in loser Folge, was sie dort antrifft. Filme dazu finden Sie auf der Website.

Berner Zeitung

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