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«Chinesische Studis sind viel besser als der Schweizer Durchschnitt»

Der Berner Claude Halter war ein Jahr lang Dozent an der Universität von Nangking. Dort lehrte er die Studenten, wie man Trickfilme macht. Und lernte, dass die chinesischen Studis ungeheuer fleissig sind.

Um fünf Uhr morgens müssen chinesische Studenten aufstehen, abkommandiert zur Frühgymnastik, jeden Tag, bei jedem Wetter. Claude Halter erzählt das. Der Berner war ein Jahr lang Dozent an der Universität von Nangking. An einer der grössten chinesischen Hochschulen unterrichtete er Trickfilmanimation. Halter hat in diesem Metier in Europa jahrzehntelang als selbständiger Unternehmer gearbeitet. In den letzten drei Jahren lebte er teilweise in China. Den Lehrauftrag erhielt er, weil er in Nangking mit chinesischen Filmern zusammenarbeitete. Büffeln statt bummelnHalter unterrichtete in Englisch, später verbesserte er sein Chinesisch so weit, dass er die Studenten in ihrer Muttersprache beraten konnte. Eigentlich sollte er bloss zwei Mal in der Woche während acht Stunden vor seinen Studenten stehen. Doch begriff er seine Aufgabe als Vollzeit-Job. «Ich habe die Studenten als geistig ungeheuer fit und motiviert erlebt», erinnert sich Halter. Die Chinesen würden den Schweizer Studi-Durchschnitt hinter sich lassen, weil knallhart selektioniert werde. Entsprechend erfreulich falle auch das Ergebnis aus. «Meine Studenten realisierten bereits während der Ausbildung ausgezeichnete Trickfilme», lobt er. Möglicherweise brillieren die Jungfilmer auch, weil hier ausser Studium und Arbeit nicht viel los ist. Chinesische Studenten bummeln nicht. Sie turnen morgens um fünf und brüten abends um zehn immer noch über der Trickfilm-Software. Die topmodern eingerichtete Mega-Uni von Nangking hat 120 Gebäude. Der neue Teil, in dem Halter unterrichtete, ist eine Bus-Stunde vom Stadtzentrum entfernt. Die Studierenden wohnen hier in kargen Zweierzimmern und gehen höchstens am Wochenende weg vom Campus. Dozentenlohn 600 FrankenVerzichten musste auch Halter. Er verdiente monatlich 600 Franken. 150 Franken zahlte er für die bescheidene Wohnung. Sparen konnte er beim Essen. Eine warme Mahlzeit kostete in der Mensa 75 Rappen. Ebenfalls ungewohnt war der Unterrichtsstil. «Chinesische Hochschullehrer halten Distanz zu ihren Studenten», sagt Halter. «Dass ich nicht bloss dozierte, sondern mit den jungen Leuten zusammenarbeitete, hat nicht allen gefallen.» Mit Halter lehrten weitere sieben ausländische Dozenten an der Nangkinger Uni. Die Leitung will bei ihnen genau wissen, was in den Hörsälen geschieht. Halter musste detailliert festhalten, was er vortrug und bekam einen Rüffel, wenn er sich nicht daran hielt. «Andererseits genoss ich eine erstaunliche Meinungsfreiheit», so Halter. «Ich konnte mich auch regierungskritisch zu innenpolitischen Themen äussern, zum Tibet-Konflikt etwa.» Seine Studenten interessierten sich allerdings wenig für Politik, hat er erfahren. Stattdessen stehe die Familie im Vordergrund. Genauer: die Probleme mit der Familie. Die Last der AltenFrüher, zuzeiten des chinesischen Betonkommunismus, durften Eltern bloss ein einziges Kind haben. Dies verträgt sich allerdings schlecht mit der chinesische Tradition, die verlangt, dass Kinder für ihre Eltern sorgen müssen. Die Sprösslinge aus der Einkind-Ära haben es nun doppelt schwer. Sie müssen erstens für immer mehr Alte aufkommen. Und diese werden zweitens immer anspruchsvoller. «Viele meiner Studenten verzweifelten daran», so Halter. Seit einigen Wochen ist er wieder in Bern und arbeitet als freier Mitarbeiter beim Schweizer Fernsehen. Der Lehrauftrag in China war befristet. Ob er einen zweiten bekommt, weiss er noch nicht. «Wenn die Bedingungen stimmen, nehme ich gerne an», sagt er.

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