«Das Alphorn hat mich in seinen Bann gezogen»

Meine Musik

Töne erzeugen ist das eine – wenn Fred Flessenkämper aus Laupen Alphorn spielt, schwingen immer Weisheiten mit, die über die Musik hinausführen.

Eine Kostprobe: So klingt es, wenn Fred Flessenkämper zum Alphorn greift. Video: Christian Pfander

Wenn der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Tornado in Texas auslösen kann, was liegt denn erst in der Macht eines Alphorntons in der Schweiz? Ein Leben vertiefen etwa. Zum Beispiel jenes von Fred Flessenkämper, 56-Jährig, aus Laupen.

Im November vor fünf Jahren entdeckte Fred Flessenkämper in der Zeitung ein Inserat für einen Alphornschnupperkurs. In seiner Jugend spielte er einige Jahre Flügelhorn in einem Musikkorps, doch die Prioritäten verschoben sich Richtung Sport. Der Speer verdrängte das Horn.

Nicht aber die Musik. «Wie ein inaktiver Vulkan» brodelte Flessenkämpers Freude daran weiter, wartete nur auf das entscheidende Beben, um an die Oberfläche zu sprudeln. War das Inserat ein leichtes Schütteln, hatten sich nach den drei Stunden Kurs die Platten gewaltig verschoben: «Das Alphorn hat mich in seinen Bann gezogen.»

Fehlerfrei? Unmöglich!

Zwei Wochen später nimmt Flessenkämper die erste Privatstunde, weitere folgen. Seine Hausaufgaben erledigt er zuverlässig, doch die Anfängerübungen langweilen ihn, er möchte sich schneller entwickeln und teilt das dem Lehrer mit. Doch dieser bremst seinen Schüler. Erst wenn er die einfachen Stücke mit Präzision spielen könne, gehe es weiter. Flessenkämper hatte seine Lektion gelernt: Das Tempo gibt der Lehrer vor.

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Mittlerweile hat sich die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler verändert. Flessenkämper holt sich in den Lektionen gezielt jenes Wissen, das er braucht, und bringt eigene Wünsche ein.

So übt er etwa Stücke, die er aufführt an Hochzeits- oder Geburtstagsfesten oder an Lesungen seiner Frau, die Krimis schreibt. Die Präzision aus den Anfangstagen strebt er immer noch an, doch ist ihm bewusst: «Das Alphorn hat keine Tasten oder Ventile. Ohne Fehler oder Schleifer zu spielen, ist daher unmöglich.»

«Ohne Fehler zu spielen, ist unmöglich.»Fred Flessenkämper

Schlimm findet er das nicht: «Das Unterwegssein ist wichtig, nicht der Erfolg.» Ein neues Universum habe sich ihm eröffnet mit dem Alphornspielen, das zu erkunden er geniesse. Denn Regeln und Ziele begleiten ihn bereits genug im Beruf. Als studierter Volkswirt arbeitet er als stellvertretender Direktor des Bundesamtes für wirtschaftliche Landesversorgung in Bern.

Der Wert von Pausen

Zur Arbeit fährt er mit dem Zug, die jeweiligen Strecken zum Bahnhof legt er zu Fuss zurück. Rund zehn Kilometer pro Tag. Auf den Spaziergängen beschäftigt er sich mit seinen Gedanken im Kopf. Worte, die sich in Verbindung mit seinen Alphornerfahrungen zu Weisheiten formen und später in Form von Gedichten auf Papier landen. Alles «aus Spass, mit Worten zu spielen und Detailarbeit und Präzision zu pflegen».

Am liebsten möchte Fred Flessenkämper ein Buch herausgeben mit all seinen Gedichten. Das sei aber aufwendig, darum publizierte er im letzten Dezember siebzehn Stück in einem Heft – als Weihnachtsgeschenk für seine Frau. Das Heft ist ein Gemeinschaftswerk mit seinen erwachsenen Kindern: Der Sohn machte das Layout, und die ältere der beiden Töchter lektorierte den Text.

Ein Thema, das bei Fred Flessenkämper in der Musik und in der Lyrik auftaucht, sind Pausen. Nötig seien sie während des Übens mit dem Alphorn, damit Lungen, Zwerchfell und vor allem die Lippen 60 bis 90 Minuten durchhalten, aber «auch sonst im Leben sind Pausen wichtig». Ihr Zeitpunkt etwa, aber auch, womit sie gefüllt werden. Im Sommer nimmt er ab und zu sein Karbonalphorn mit ins Büro, um in der Mittagspause zu üben.

Vollzeitjob, Familie, Lyrik, Alphorn – der Alltag von Fred Flessenkämper ist ausgefüllt. Ändern möchte er daran aber nichts: «Meine Tätigkeiten befriedigen mich und verleihen mir Kraft. Sie tragen mich durch den Alltag.»

Weitere Infos: https://www.alpen-horn.ch.

Berner Zeitung

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