Das halbe Wylergut ist seit 75 Jahren in Familienbesitz

Dieses Wochenende feiert die Siedlungs­genossenschaft Wylergut Geburtstag. Seit 75 Jahren hat die Genossenschaft zwischen Polygon-, Halden- und Scheibenstrasse die Dorfmentalität bewahrt.

1951 (links): Leonhard Blank als Kind (oben links) im gleichen Hauseingang. 2017 (rechts): Leonhard Blank, Barbara Wittwer Blank und Tochter Lisa.

1951 (links): Leonhard Blank als Kind (oben links) im gleichen Hauseingang. 2017 (rechts): Leonhard Blank, Barbara Wittwer Blank und Tochter Lisa.

(Bild: Nicole Philipp / zvg)

Wer auf der Autobahn über den Tiefenauviadukt Richtung Zürich oder Thun fährt, sieht sie: 294 Häuser, die akkurat angeordnet am Aarehang stehen. Das Wylergut – oder wie viele Bewohner liebevoll sagen: das «Wylerdörf­li» – ist vor 75 Jahren gebaut worden. Innert 4 Jahren entstand die Siedlung im sogenannten Heimatstil. Bezogen wurde sie von vielen PTT-Beamten mit ihren Familien. Die damals neu gebauten Quartierstrassen heissen Grimsel-, Pillon-, Susten- und Jaunweg – wie die Alpenpässe, die von Postautos befahren ­werden.

Auch die Eltern des damals dreijährigen Leonhard Blank gehörten zu den ersten Bewohnern des neuen Familienquartiers. «Es gab damals etwa tausend Kinder im Wylergut», erinnert sich der heute 76-jährige Blank an seine Jugend. «Sieben Kinder in einer Familie waren keine Seltenheit; mindestens vier Kinder waren üblich.» Leonhard Blank, im Dörf­li «Hardy» genannt, wohnt noch heute in seinem Elternhaus am Jaunweg 15.

Häuser bleiben in der Familie

Das ist kein Zufall: Die Wylergut-Häuser werden gut gehütet. Die Hälfte der 268 Häuschen seien noch im Besitz der ersten Bewohnerfamilien und von deren Nachkommen, schätzt Thomas Gees, der Präsident der Genossenschaft. Dass das Wylergut auch 75 Jahre nach dem Bau eine geschlossene Gesellschaft geblieben ist, hat einen Grund: Bis vor 10 Jahren war der Verkauf der Häuser streng reglementiert. Die Genossenschaft musste die Verkaufspreise bei Handänderungen absegnen und hatte sogar ein Vorkaufsrecht.

Heute gilt nur noch eine der alten Vorschriften: Die neuen Käufer müssen sich mit 2000 Franken in die Genossenschaft einkaufen. Mit dem Fall der Preisbindung schossen die Preise steil in die Höhe. Ein Häuschen war nicht mehr wie zuvor für rund 600 000 Franken zu haben, sondern kostet heute gut eine Million – nicht renoviert. «Viele Häuschen sind klein, ringhörig und haben wenig Licht im Innern», räumt Thomas Gees ein. «Aber man kauft hier nicht das Haus, sondern zahlt für die tolle Lage mitten im Grünen an der Aare.»

Zudem ist das Angebot knapp. Nur gerade drei bis vier Häuser kämen pro Jahr auf den offenen Markt, schätzt Thomas Gees. Mittlerweile sind die Zuzüger denn auch nicht mehr mehr­heitlich Postangestellte, sondern gut verdienende Akademiker. Wie es weitergeht mit dem begehrten «Dörfli» mitten in der Stadt, ist unklar. Denn: Die mittlerweile 75 Jahre alten Heimatstil-Häuschen sind veraltet. Schlecht isolierte Fenster, alte Heizungen und wenig Wohnfläche machen aufwendige Sanierungen nötig.

Künftig ohne Denkmalschutz

Auch diese sind derzeit noch stark reglementiert. Denn die Berner Denkmalpflege hat die ganze Siedlung einst als «er­haltenswert» eingestuft. Sanierungswillige Besitzer mussten oft um jeden Quadratmeter Solarzellen, Dachfenster oder Wintergarten feilschen. Die Denkmalpflege plant jedoch, die Siedlung künftig nicht mehr zu schützen. Thomas Gees glaubt nicht, dass die alten Häuschen deshalb reihenweise abgerissen und durch Neubauten ersetzt würden. «Die Bewohner wollen vermutlich auch ohne Druck der Denkmalpflege die Gesamterscheinung der Siedlung erhalten.»

Was jedoch schwieriger sein dürfte, ist eine Gesamterneuerung der Siedlung. Gees könnte sich folgendes Szenario vorstellen: Die Genossenschaft könnte sämtliche Häuser kaufen, die Siedlung neu gestalten, und danach würden die bisherigen Besitzer die Häuser im Rohbau wieder zurückkaufen. «Die Idee ist bisher mehr auf Verwunderung als auf Interesse gestossen», räumt Gees illusionslos ein, hofft aber: «Vielleicht wird bei den vielen Besitzern plötzlich wieder der Genossenschaftsgedanke wach, wenn der 100. Geburtstag naht.»

QuartierfestSamstag ab 15 Uhr, Sonntag ab 10 Uhr.

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