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Das Leiden der WM-Abwesenden

Viertelfinals. Halbfinals. Final. Nun kommen jene Spiele, bei denen Italien und Holland normalerweise Stammgast sind. Die Fans der grossen Abwesenden machen derzeit schwere Zeiten durch.

Der Italiener verreist, der Holländer verdrängt: Stefano Zeni und Han van der Kleij meiden die WM.
Der Italiener verreist, der Holländer verdrängt: Stefano Zeni und Han van der Kleij meiden die WM.
Raphael Moser

Videoclips, Fotomontagen, Wortspiele: Im Internet liess die Häme nicht lange auf sich warten, als es die italienische Fussballnationalmannschaft letzten November gegen Schweden sensationell vergeigte – und klar wurde, dass die Azzurri erstmals seit 1958 nicht an einer WM dabei sein würden. Die fiesen Bildmontagen zeigten die Italos vor dem Fernseher, neben einem wegfliegenden Flugzeug. Oder mit einer «Pizza Endstazione».

Auch Stefano Zeni sah die spöttischen Botschaften, erhielt unzählige Nachrichten. «Damals habe ich aus Trotz tagelang niemandem zurückgeschrieben», erinnert sich der 29-jährige Norditaliener, der in Bern lebt und als selbstständiger Dolmetscher und Übersetzer arbeitet. Als Juventus-Fan sei er zwar leiderprobt, habe fünfmal miterlebt, wie seine Mannschaft im Champions-League-Final scheiterte. Die Nicht-Qualifikation Italiens für die WM sei aber «bitterer als all diese Niederlagen zusammen» gewesen.

Wunde tut sich wieder auf

Als ganz Italien im Tal der Tränen lag, da hatten sich die Holländer von ihrem Schock schon fast wieder erholt. Für sie war bereits Wochen vorher festgestanden, dass die Oranje die WM verpassen würde. Zu verdauen hatte dies auch Han van der Kleij aus Herrenschwanden. Das letzte Spiel der Qualifikation habe er sich gar nicht mehr angeschaut, sagt der 59-jährige Holländer. «So musste ich mich weniger aufregen.»

Eines wird rasch klar, als die beiden Fussballfans über die verpasste WM diskutieren: Vergessen haben sie die dunklen Stunden ihrer Fussballnationalmannschaften von letztem Herbst nicht. Mittlerweile ist aber etwas Gras darüber gewachsen. Sogar über die Fotomontagen von damals könnten sie heute schmunzeln, sagen sie.

Und dennoch: Jetzt, wo die WM in vollem Gang ist, tut sich die Wunde wieder etwas auf. Kein Wunder, denn nun wird es in Russland langsam, aber sicher spannend, die entscheidenden Spiele stehen an – und ­damit eben auch jene grossen ­Affichen, bei denen die Fussballdinos Italien und Holland normalerweise mitmischen.

«Es schmerzt ­immer noch.»

Stefano Zeni, Italiener

«Es schmerzt immer noch», gesteht Stefano Zeni. Besonders bei diesen Gänsehautmomenten, wenn die Mannschaften unter Applaus aufs Spielfeld treten oder die Hymnen ertönen würden. «Da ist es hart, dass das eigene Team nicht dabei ist.» Er ist deshalb nicht ganz «unzufällig» gleich zu WM-Beginn ein paar Tage verreist, um einen Freund zu besuchen. «Ehrlich gesagt gehe ich dem Ganzen schon ein bisschen aus dem Weg.»

Ähnlich sieht das bei seinem niederländischen Leidensgenossen aus. «Normalerweise streiche ich mir alle Spiele schon im Vor­aus orange im Kalender an», sagt der Feyenoord-Rotterdam-Anhänger. Heuer hat er logischerweise darauf verzichtet. Mangels Vorfreude sei er fast schon überrascht gewesen, als die WM auf einmal begann. «Ich habe das komplett verdrängt.»

WM ist in Heimat inexistent

Die Verdrängungsstrategie scheinen auch ihre Landsleute anzuwenden. Fast inexistent sei die Fussballweltmeisterschaft in ihren Heimatländern. «In Holland gibt es sonst Leute, die während der WM ihre Häuser orange einpacken», erzählt van der Kleij. Aktuell würden die Medien fast mehr über die bevorstehende Tour de France berichten. Ebenso in Italien. «Dort merkt man nicht, dass gerade eine Fussball-WM stattfindet.»

Ganz ignorieren können Zeni und van der Kleij das Geschehen in Russland dann aber doch nicht. «Natürlich», sagt van der Kleij, «die meisten Spiele verfolge ich trotzdem.» Dass viele Favoriten bisher nicht überzeugten und schon früh ausgeschieden sind, ist für den Informatiker indes kaum ein Trost. Eher im Gegenteil. «Da hadert man umso mehr und denkt sich, dass für uns an diesem Turnier etwas möglich gewesen wäre.»

Der Italiener seinerseits versucht sich derweil an kleinen Dingen zu freuen – zum Beispiel am Ausscheiden der Deutschen. «Da war ich schon etwas schadenfreudig», sagt Zeni. Schliesslich seien die meisten Provokationen über die verpasste WM-Teilnahme Italiens seinerzeit aus dem Land des grossen Rivalen gekommen. Und: Dass auch andere ­Nationen derart am damaligen Italien-Bezwinger Schweden zu beissen hatten, helfe dabei, das eigene Trauma etwas zu überwinden.

Ungewohnte Gelassenheit

Am Ende scheint es sogar, als würde die verpasste WM bei den grossen Abwesenden – bei aller Nostalgie – auch eine gewisse Erleichterung mit sich bringen. «Ich bin im Moment viel freier», sagt van der Kleij. Eine Velotour könne er beispielsweise geniessen, ohne das Gefühl zu haben, gerade ein wichtiges Spiel zu verpassen. Und wenn, dann reiche es ihm, einen Match auch mal nur beiläufig zu verfolgen. Die ungewohnte Gelassenheit hat auch Zeni schätzen gelernt. «Wenn Italien mitspielen würde, wäre ich ständig nervös und müsste alle möglichen Szenarien ausrechnen.» Diesem Stress sei er nun nicht ausgesetzt.

Und trotzdem: Wenn es nach den beiden Fussballfans geht, soll es in Zukunft natürlich wieder anders kommen. In vier Jahren wird sich für ihre Landesauswahlen die Möglichkeit für die ­Wiedergutmachung bieten. Und sonst, bemerkt van der Kleij, seien an der übernächsten WM im Jahr 2026 ja dann nicht mehr nur 32 Nationen mit dabei, sondern neu 48. «Spätestens dann schaffen es vielleicht auch die Holländer wieder einmal.»

WM-Serie: Während der WM in Russland stellen wir regelmässig Fussballfans aus den Teilnahme­ländern vor, die in der Region leben und mit ihren Farben mitfiebern.

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