Das Örtchen des Loslassens

Das Klo ist der Ort, an dem der Mensch mutmasslich zum ersten Mal alleine ist. Und der Ort, an dem er es auch während des hektischen Arbeitsalltags sein kann.

Neuerdings findet das «stille Örtchen» immer wieder in Lifestyle-Magazinen Erwähnung.

Neuerdings findet das «stille Örtchen» immer wieder in Lifestyle-Magazinen Erwähnung.

(Bild: iStock)

Martin Burkhalter@M_R_Bu

Man darf ja so etwas eigentlich gar nicht schreiben. Bei diesem Thema sind die Leute noch peinlicher berührt, als wenn man über Sex redet. Nur schon die Erwähnung einer Toilette löst bei vielen Verlegenheit aus. Auch ich bin ein Mensch, der findet, gewisse Dinge müssten weder an- noch ausgesprochen werden. Der Gang auf die Toilette ist so etwas. Ein notwendiges Übel, bitte nicht der Rede wert.

Doch neuerdings findet das «stille Örtchen» immer wieder in Lifestyle-Magazinen Erwähnung. Heute, da gesundheitsbewusstes Leben gerade wieder chic ist und das Stresslevel hoch, schlagen diese Publikationen vor, kurze Momente der Meditation in unseren Arbeitsalltag einzubauen. Und ja, da sei die Toilette der ideale Ort dafür – oder wie es auf einschlägigen Websites auch heisst: der Ort des Loslassens.

So abwegig ist das nicht: Die Minuten auf dem WC sind tatsächlich die Pause schlechthin. Sie sind der Powernap des 21. Jahrhunderts. Nirgendwo lässt es sich so runterfahren und entspannen wie auf der Toilette. Gerade während der Arbeit, wo man den ganzen Tag von Menschen umgeben ist, sind die Toilettenräume der einzige Ort, wo man allein ist.

Sobald die Türe zu ist und der Riegel geschoben, scheint die Zeit stillzustehen. Ein ursprüngliches Gefühl macht sich breit. Womöglich weil die Toilette der Ort ist, an dem man zum ersten Mal im Leben allein ist. Sobald ein Kind selbstständig aufs WC kann, die Türe zumacht und verschliesst, verlässt es den Schutzraum der elterlichen Fürsorge, ist vielleicht erstmals ganz auf sich gestellt. Vielleicht fühlen sich Toilettenräume deshalb wie sichere Rückzugsorte an, in die nichts eindringen kann – weder Erwartungen oder Termine noch Stress, nichts.

Für einen kurzen Moment kann man sich aus dem Welttheater zurückziehen, die Masken und Kostüme ablegen und sich ein bisschen seiner eigenen Lächerlichkeit preisgeben. Das Klo ist einer der wenigen Orte, an denen der Rückzug gesellschaftlich toleriert ist – ohne dass sich jemand rechtfertigen müsste. Niemand fragt nach den Gründen, niemand schaut auf die Uhr.

Kurz: In der Toilette wird uns Privatsphäre bedingungslos zugestanden. Kein Wunder, verbringen wir – statistisch gesehen – während eines Lebens bis zu zwei Jahre an diesem «Ort des Loslassens».

Aare, Wasser, Tränen: In dieser Rubrik schreiben wir, wie Kultur und Kleinigkeiten uns nachhaltig zu bewegen vermögen.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt