Das Publikum zweifelt mit

Im Stück «Zweifel» suchen in Fraubrunnen vier Laienschauspieler verzweifelt nach der Wahrheit. Es geht um Missbrauch.

Das Stück «Zweifel» ist ein Spiel um Macht, Misstrauen und Kontrolle.

Das Stück «Zweifel» ist ein Spiel um Macht, Misstrauen und Kontrolle.

(Bild: zvg/Jürg Otter)

Der Autor J.P. Shanley hat mit dem Theaterstück «Doubt» 2004 ein lang verschwiegenes Thema auf die Bühne gebracht: Ein Schüler soll vom Internatspfarrer missbraucht worden sein. Die Internatsatmosphäre kennt der Autor aus eigener Erfahrung, und er paart sie in «Doubt» gekonnt mit einem Missbrauchsvorwurf. Es geht ihm um Macht, Männerdominanz und die Folge von Verdächtigungen.

Ein Verdacht wird zum Fakt

Schweizerischer geworden ist «Doubt» durch die Mundartfassung von Simon Burkhalter. Mit seiner Inszenierung verpflanzt der 24-jährige Regisseur das Stück in ein Schulleiterzimmer irgendwo um Bern. Auch «Zweifel» ist ein Spiel um Macht, Misstrauen und Kontrolle.

Auf die Fragen nach Eigenverantwortung, Kompetenzverteilung und Grundvertrauen hat die Schulleiterin eine klare Antwort: Eine Schule braucht eine strenge Führung und Kontrolle. Immer wieder späht sie durch die Jalousien auf den Pausenhof. Und doch: offenbar ist ihr etwas Schreckliches entgangen.

Eine Lehrerin äussert vage einen Missbrauchsverdacht, verpackt in beschönigende Worte und vorgetragen mit einer gehörigen Portion Naivität. Die Schulleiterin stürzt sich auf den Verdacht, baut ihn aus, und aus dem Unbehagen wird schnell ein Fakt. Der verdächtigte Lehrer mag noch so gekonnt argumentieren, das Misstrauen ist gesät, und ein Machtkampf beginnt.

Zuspitzung hat ihren Preis

«Zweifel» ist die 39. Inszenierung des Theatervereins Schlosskeller Fraubrunnen. Während die Vereinsmitglieder in erster Linie organisatorische Aufgaben übernehmen, hat der Regisseur eigene Laiendarsteller mitgebracht. «Die Regionalisierung finde auch im Theater statt», meint er dazu. Mit der Wahl der vier Darsteller konnte Burkhalter seine Vorstellungen einbringen.

Die Inszenierung beginnt mit einem langsamen Intro, um dann an Schwung zu gewinnen. Bald werden die Figuren zugespitzt dargestellt. Diese Zuspitzung hat ihren Preis. Die Schulleiterin gibt dem Zuschauer nicht mehr das Gefühl, sich in einem Lehrerzimmer zu befinden, zu kunstvoll aufgebauscht wirkt das Ganze. Was die Laiendarsteller zu sagen haben, kommt dennoch an, lässt das Publikum mit offenen Fragen und zweifelnden Gedanken zurück. Wem soll man glauben?

Florian Käsermann hat sich dazu entschieden, dem beschuldigten Lehrer zu glauben. Nicht nur, weil er diesen auf der Bühne spielt. Die Verdachtsmomente seien zu vage, um jemanden so in die Enge zu treiben, meint er. Im Alltag hat sich der 35-Jährige aus Köniz bis jetzt nicht gross mit dem Thema Missbrauch auseinandergesetzt. Als ihn der Regisseur für die Besetzung dieser Rolle angefragt hat, sagte Käsermann nach einer Bedenkzeit zu. «Es ist ein spannendes und lehrreiches Stück.»

Gespielt wird noch bis zum 23. März im Schlosskeller.

Berner Zeitung

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