«Das Quartier braucht ein Wohnzimmer»

Liebefeld

Dass die Gemeinde das Areal der alten Kaffeerösterei Graber gekauft hat, sehen viele im Quartier als Chance. Eine IG möchte in den altehrwürdigen Räumen ein Quartier- und Kulturzentrum einrichten.

Auf dem Weg in ihr Wohnzimmer: Die Verfechter des Quartierzentrums treffen sich vor Ort zum Gedankenaustausch.

Auf dem Weg in ihr Wohnzimmer: Die Verfechter des Quartierzentrums treffen sich vor Ort zum Gedankenaustausch.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Stephan Künzi

«G. Graber + Cie. AG» steht in Grossbuchstaben an der angejahrten Fassade, drinnen verströmen ein roter Samtvorhang, das warme Licht einer Ständerlampe sowie allerhand Krimskrams eine Art Wohnzimmeratmosphäre.

Die stattliche Fabrik auf dem Graber-Areal im Liebefeld erinnert unweigerlich an die alten Zeiten, in denen sich entlang der Bahnlinie durchs Könizer Vorortsquartier Gewerbe um Gewerbe niederliess. Und wirkt dank ihrer historischen Bausubstanz «sehr inspirierend».

Zumindest Stefanie Peter, als Musikerin bekannt unter dem Namen Steffe la Cheffe, erlebt es so. Auf Einladung der IG Graber diskutiert sie mit einem Kreis Gleichgesinnter darüber, wie die Altliegenschaft zu einem Quartier- und Kulturzentrum für das Liebefeld werden könnte.

Der Zeitpunkt scheint den Verfechtern dieser Idee günstig zu sein: Seit Anfang Woche ist die Gemeinde Köniz Besitzerin des Areals, zu dem neben der alten Fabrik auch ein paar Nebengebäude, ein Innenhof sowie leicht abgesetzt auch die ehemalige Fabrikantenvilla gehören.

Gekauft hat Köniz die Liegenschaft vom Apothekerverband Pharmasuisse. Dieser hatte für das Areal, auf dem bis Ende der 1980er-Jahre die Graber AG eine Kaffeerösterei betrieb und mit Kolonialwaren handelte, keine Verwendung mehr.

Als die Gemeinde Mitte August über das Geschäft informierte, nannte sie die strategisch gute Lage als Grund für den Kauf. Ob sie dafür tatsächlich 5 Millionen Franken ausgegeben hat, wie im Quartier herumgeboten wird, wollen die Verantwortlichen auf Nachfrage nicht weiter kommentieren.

Geeignet für den Jugendtreff

Vom guten Standort mitten im Liebefeld ist auch in der Gesprächsrunde immer wieder die Rede. Immerhin entsteht auf dem nahen Areal am Thomasweg in den nächsten Jahren eine neue, verdichtete Siedlung, Ähnliches ist mittelfristig auch jenseits des Bahngleises auf den Parzellen von BLS und Gemeinde geplant.

In dieser Situation, hält auf dem Podium Reto Käser fest, sei ein Platz, an dem man sich zwanglos treffen könne, umso dringender. In seinen Worten: «Das Quartier braucht ein Wohnzimmer, einen Seelenerholungsraum.»

Käser argumentiert nicht zuletzt auch als Kinder- und Jugendarbeiter, der nicht weit entfernt im knallroten Pavillon des Köli-Treffs arbeitet. Dieser platzt nicht nur aus allen Nähten, er wird auch weichen müssen, wenn Gemeinde und BLS dereinst bauen. Das grosszügige Graber-Areal eigne sich als Alternative bestens, sagt er.

Wer dank solcher Orte Nachbarschaften aufbauen und pflegen könne, doppelt GLP-Parlamentarierin Sandra Röthlisberger nach, schlage viel schneller Wurzeln. Ihr persönlich sei es jedenfalls so ergangen. Heute gebe sie als Wohnort nicht mehr «bei Bern» an. Vielmehr sage sie «im Liebefeld», denn: «Wir können unsere Identität nicht einfach so nach Bern oder auch nach Köniz delegieren.»

Gemeinde will neu bebauen

Dass nun die Gemeinde – «das Gemeinwesen und damit wir alle» – das Sagen hat, stimmt Röth­lisberger zuversichtlich. Aus den Zuhörerrängen warnt derweil Gemeinderat Hansueli Pestalozzi (Grüne) vor allzu hohen Erwartungen. Er sei zwar auch «sehr glücklich» mit dem Kauf, aber: «Wir haben die Liegenschaft nicht übernommen, um ein subventioniertes Quartierzentrum einzurichten.»

Pestalozzi führt weiter aus, dass die Gemeinde eine Neubebauung anstrebe, kurz- und mittelfristig aber andere Prioritäten habe. Wobei er lieber davon spricht, das Areal «in Wert zu setzen»: Wie das geschehen werde, sei überhaupt noch nicht entschieden. Das Parlament und vielleicht auch das Volk könnten dabei mitreden, «das ist eine grosse Chance».

Von einer Chance reden auch Tabea Michaelis und Eva Gerber, externe Fachfrauen aus Basel und Zürich. Sie loben die Promotoren der IG Graber für ihre Initiative und ermuntern sie dazu, mit dem gleichen Elan weiterzumachen. Dass sich Probleme wie insbesondere jene der wirtschaftlichen Tragbarkeit auf dem Weg zum gewünschten Zentrum plötzlich lähmend auswirken können, verschweigen sie nicht. Deshalb sei es vielleicht ratsam, Hilfe von aussen zu holen.

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