Der aufgetaute Apfel und die tote Biene

Bern

Vergänglich, aber zeitgemäss: Die Ausstellung «Conditions of the Past Present» in der Galerie Béatrice Brunner zeigt Stillleben von sieben Berner Kunstschaffenden.

Nadin Maria Rüfenacht: «La Curée de Lilith IV», 2010, C-Print.

Nadin Maria Rüfenacht: «La Curée de Lilith IV», 2010, C-Print.

(Bild: zvg)

Rechtschreibung kann ganz schön knifflig sein. Heisst es Stil-leben oder Stillleben? Immerhin verändert sich durch die Schreibweise auch die Bedeutung des Worts. Die alte Schreibweise betont den Stil, die neue die Stille. Im Grunde sind solche Bilder beides. Sie halten unbewegte Gegenstände fest. Und sie waren ein populärer Teil des Barockzeit­alters. Die Kunst bestand darin, Gegenstände möglichst schön zu drapieren und täuschend echt aussehen zu lassen. Für Maler galt dies als kleines Einmaleins, später auch für Fotografen.

Heute, wo das Retuschieren von Bildern selbst am Handy gelingt, gibt es Stillleben immer noch. Ohne jegliche Form der Bildbearbeitung dokumentiert die Fotografin Nadin Maria Rüfenacht sie umgebende Dinge. Den knallig roten Apfel. Die leblosen Falter und andere Insekten, die am Fensterbrett verendeten. Rüfenachts Komposition könnte man als Vanitas-Stillleben bezeichnen – als Sinnbild der Vergänglichkeit. Ausgeweitet auf die Fotografie, bedeutet dies: Sobald der Auslöser gedrückt ist, liegt das eben noch lebendige Sujet in der Vergangenheit. Es wird hinter der Linse eingefroren, um später auf dem Abzug wieder aufgetaut zu werden. Dort leuchtet der Apfel wieder appetitlich.

Vergangenheit, gegenwärtig

In der Galerie Béatrice Brunner sind Werke von sieben Berner Kunstschaffenden vereint, die sich der Vergangenheit in der Gegenwart annähern. «Condi­tions of the Past Present» heisst die Ausstellung, zu der Rüfenachts Aufnahme den Auftakt macht. Die vom Kunsthistoriker Marc Munter und von Galeristin Béa­trice Brunner getroffene Auswahl ist ein Glücksfall.

Sorgfältig arbeitet die Präsentation wich­tige Aspekte der Werke hervor: Herstellungsverfahren, Format, räumliche Nähe. So stehen Rüfenachts grossformatigem Vanitas-Stillleben die erzählerischen Interieurmotive von Doris Staub Muster gegenüber. Darin hält Muster ihre vergänglichen und über den Globus verstreuten ortsspezifischen Werke fest.

«Auszeit» heisst die 2013 entstandene Serie von Patricia Schneider. Die Künstlerin arbeitet an der Grenze zwischen fotomechanischer Reproduktion und Druckgrafik und verleiht aus dem Verwertungszyklus ausgeschiedenen Wohnräumen und Möbeln eine neue Materialität. Humorvoll und assoziativ korrespondieren auch die Werke von Adela Picòn und Sibylla Walpen über die Vergangenheit in der Gegenwart.

Monumental, tiefenscharf

Was Stillleben in französischer Sprache bezeichnen – «natures mortes» –, erschliesst sich im zweiten Teil der Ausstellung. Dort geben Tom Blaess’ Fotografien einen Einblick ins bankrotte Detroit. In den öffentlichen und industriellen Gebäuden dieser Stadt, einst Hauptsitz der ame­rikanischen Motorenindustrie, spriessen heute Pflanzen. Aurelia Müllers monumentale und tiefenscharfe Aufnahmen wieder­um verleihen leblosen Bienen eine greifbare Körperhaftigkeit. Hier befolgen wir die neue deutsche Rechtschreibung gerne: Es sind Stillleben.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt