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«Der Bart ist mein Markenzeichen»

Egal wo Alexander Tschäppät hingeht, sprechen ihn Leute an. Sie machen ihn für allerlei Probleme verantwortlich. Manchmal kann er deswegen nicht mehr schlafen. Ein kurzer Coiffeurbesuch mit dem Stadtpräsidenten.

Wenn Alexander Tschäppät im Hairstylinggeschäft Headlines im Kirchenfeldquartier auftaucht, hat Coiffeur Silvan Schwager einen Kurzeinsatz. Tschäppät kommt rein. Er sitzt ab. Ein paar Sätze über Fussball, die Young Boys. Ein paar Minuten schneiden, ein paar Haare fallen zu Boden. Und weg ist er, der Stadtpräsident. «Wir haben einen Deal», sagt Tschäppät. «Er darf höchstens 15 Minuten an meiner Frisur rumschneiden.»

80-Stunden-Woche

Dafür bleibt Zeit für einen Kaffee. Das Tearoom Royal im Kirchenfeld ist Tschäppäts Lieblingscafé. Er schwingt sich in einen roten Ledersessel, gut gelaunt, weil der Coiffeur die Zeit eingehalten hat. Fast noch weniger als einen Coiffeurbesuch möge er ausgedehnte Shoppingtouren, sagt Tschäppät während die Kellnerin die Bestellung aufnimmt. «Kleiderkaufen ist mühsam», sagt er. «Doch als Stadtpräsident gehören Anzug und Krawatte einfach dazu.»

Sein Arbeitspensum beträgt ungefähr 80 Stunden pro Woche. 90 Prozent davon sei Knochenarbeit, sagt Tschäppät «Ich muss Akten lesen, Sitzungen leiten, Reden schreiben und zu jedem möglichen Thema meine Meinung äussern.» Manchmal sei das ein Chrampf. Die öffentlichen Auftritte betrügen etwa 10 Prozent, sagt Tschäppät. Er schlage immer wieder Einladungen aus. «Die Leute reagieren darauf meistens verärgert. Doch wenn ich zusage, heisst es sofort, der Tschäppät nehme an jeder Hundsverlochete teil.» Dort trinkt er Cüplis oder Weisswein? «Ach, das musste ja kommen», sagt Tschäppät. «Wenn man mal ein Image hat, dann hat man es. Das bringt man einfach nicht mehr weg.» Es schmerze ihn, von gewissen Leuten als Cüpliminister bezeichnet zu werden. «Doch was soll ich dagegen tun?»

Sein Rezept, um den Cüplis aus dem Weg zu gehen, sind alkoholfreie Wochen und Monate. «Das mache ich schon seit zwanzig Jahren. Doch der Ruf ist geblieben.»

Ärger und Euphorie

Trotzdem geniesst Tschäppät den Kontakt zu den Menschen. «Ich habe diese Stadt und die Menschen hier gern», sagt er. Obwohl es anstrengend sei, immer und überall für alle da zu sein. «Manche Leute haben das Gefühl, ich sei ihr Ansprechpartner für jedes Problem», sagt Tschäppät. «Ich muss für alles den Grind hinhalten.» Es gibt Nächte, da finde er deswegen kaum Schlaf.

In solchen Zeiten merkt man dem Stadtpräsidenten seine Gereiztheit an. Sei es an einer Medienkonferenz, an der er für seine Verhältnisse erstaunlich wortkarg auftritt. Oder nach kritischen Interviewfragen, auf die er genervt reagiert. In solchen Momenten versteckt Alexander Tschäppät seinen Unmut nicht.

Mindestens ebenso oft ist das Gegenteil der Fall. Nicht selten steckt Tschäppät Politiker, Weggefährten und selbst Kritiker mit seiner Heiterkeit an. Wenns darum geht, für die Stadt Bern zu werben, übertrifft sich der Stadtpräsident regelmässig selber. Als Beispiel dient eine Reise in der Vor-Euro-08-Zeit nach Salzburg, der offiziellen Partnerstadt von Bern. In lediglich 5 Minuten hatte Alexander Tschäppät die versammelte Salzburger Polit- und Kulturprominenz um den Finger gewickelt und für seine Anliegen gewonnen – dank Witz, Charme und brillanter Rhetorik.

«Falsch – und wieder falsch»

Doch messen lassen muss sich auch Tschäppät an Fakten und Taten. Wohin hat seine Regentschaft die Bundesstadt geführt?

Bern sei unter ihm dreckig und unsicher geworden, kritisieren seine Gegner. «Falsch», sagt Tschäppät. «Bern ist weder schmutziger noch unsicherer als andere Schweizer Städte.» Das könne er statistisch beweisen. Ein weiterer oft gehörter Vorwurf an die von Tschäppät und der Rot-Grün-Mitte-Mehrheit (RGM) dominierte Politik: Bern sei gewerbefeindlich, und Autofahrer würden ausgegrenzt. «Wieder falsch», sagt Tschäppät. Das Gegenteil sei der Fall. «Bern hat 129'000 Einwohner und 147'000 Arbeitsplätze – und ist damit die einzige grosse Schweizer Stadt, die mehr Arbeitsplätze als Einwohner hat.»

Aber die Poller und die fehlenden Parkplätze in der Innenstadt – gehen dem Gewerbe so nicht die Kunden aus? «Die Innenstadt kann als Einkaufsmeile mit den grossen Shoppingcentern nur mithalten, wenn sie den Kunden ein spezielles Erlebnis bietet», sagt Tschäppät. Weniger Verkehr sei da von Vorteil.

Der Dreitagebart bleibt

Mit starker Stimme und sichtlich emotional berührt verteidigt der Stadtpräsident seine Politik. Dann zählt Alexander Tschäppät auf, was er und RGM alles erreicht haben. «Bern ist im Aufbruch», sagt er. «Die Bauunternehmer haben volle Auftragsbücher. Die Stadtfinanzen sind am Gesunden. Die Schulden werden in Rekordtempo zurückbezahlt.»

Welche Probleme packt er als Nächstes an, sofern er als Stadtpräsident bestätigt wird?

«Mit einer Wiederwahl wird man belohnt für das, was man geleistet hat», antwortet Tschäppät. An diesem Kurs wolle er festhalten. Sein Programm: «Investieren in Wohnungsbau und Lebensqualität. Krippenplätze ausbauen. Die stadteigene Energieversorgung sicherstellen. Und die Steuern erst senken, wenn auch die restlichen Schulden weg sind.»

Würde er für eine Wiederwahl sogar seinen Bart wegschneiden? «Nein, nein», sagt Tschäppät. «Ich pflege ihn sorgfältig mit einem Bartschneider.» Doch seit zwanzig Jahren erhalte er Briefe aus der Bevölkerung, «ich soll mich endlich rasieren, steht da». Das passiere nicht mehr. Der Bart ist längst zum Markenzeichen geworden.

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