Der Fan-Flüsterer mit der grossen Klappe geht

Bern

Hier der Verein, dort die Fans, mittendrin Sandro Reinhard. Der Fanverantwortliche von YB beendet seinen Spagat diesen Monat.

Letztes Heimspiel: Am Dienstag zu seiner Dernière verlief beim Fanverantwortlichen alles in gewohnten Bahnen. Nur das Ende war brutal.

Letztes Heimspiel: Am Dienstag zu seiner Dernière verlief beim Fanverantwortlichen alles in gewohnten Bahnen. Nur das Ende war brutal.

(Bild: Christian Pfander)

Sandro Reinhard sitzt beim Sicherheitsbriefing im Stade de Suisse, als die SMS eintrifft: Die Polizei solle sich entfernen, so die Nachricht. Es ist eine Aufforderung an Reinhard, aktiv zu werden. Absender der SMS sind YB-Fans, denen die Polizei vor dem Stadion auf den Zahn fühlt. Vorne spricht der Sicherheitschef des Stadions weiter über Greenpeace-Aktivisten, Uefa-Akkreditierungen und problematische Fans.

Neben Reinhard sitzen die Oberen der Stewards und des Ordnungsdienstes. Ziel des Briefings ist ein reibungsloser Ablauf des Fussballspiels, das in zwei Stunden angepfiffen wird. Von der SMS, deren Inhalt genau ­diesen reibungslosen Ablauf torpedieren könnte, bekommen die anderen nichts mit. Reinhard tippt etwas in sein Telefon.

Es ist ein Verschleissjob

Es ist ein Zwiespalt, der zu Sandro Reinhards Job gehört. Er ist Fanverantwortlicher beim BSC Young Boys und vertritt die Interessen des Fussballclubs bei den Fans. YB bezahlt seinen Lohn, er ist der verlängerte Arm des Sicherheitschefs. Aber gleichzeitig ist er auch eine Vertrauensperson für die YB-Supporter. Ein Spagat, den er nicht mehr lange machen wird. Es ist an diesem Abend sein letzter Arbeitstag im Stade de Suisse. Nach zwei Jahren in dem Job und fünf Jahren in dem Bereich hat er genug. Er fühle sich leer, und es fehle ihm an Energie, sagt er. Und ohne diese Power seien die Aufgaben als Fanverantwortlicher nicht zu bewältigen.

Es ist ein Verschleissjob, wer einen Abend mit ihm unterwegs ist, glaubt ihm aufs Wort. In Zukunft will er sich auf sein Geschäft konzentrieren, mit dem er Dienstleistungen für Vereine anbietet. Dann wird er einfach ein gewöhnlicher Fan sein.

Mit Uefa-Badge in der Kurve

Eine Stunde vor Spielbeginn lässt bei Reinhard allerdings wenig auf schwindende Kräfte schliessen. Die im SMS geschilderte Situation hat sich ohne sein Zutun geklärt. Die ersten Fans werden ins Stadion reingelassen, Zeit für eine Runde im YB-Sektor. Man könnte auch von Abschiedstour sprechen, so rockstarmässig fühlt sich das an. Der Mann kann keine fünf Meter gehen, ohne jemanden zu kennen.

Hier ein Spruch, da einmal Abklatschen, dort ein Witz. Er kennt alle, und die rich­tigen Leute kennen ihn. Der «Capo», Vorsänger und Autoritätsperson der Kurve, grüsst ihn. Reinhard bewegt sich ganz selbstverständlich auch dort, wo sich sonst keiner mit Knopf im Ohr und Uefa-Badge um den Hals hingetraut. Weder die Stadion­security noch die Kantonspolizei gehen in die Fankurve rein.

Hier habe er sich das Vertrauen aufgebaut, dass er dann in der zweiten Hälfte unten stehen dürfe, sagt er. Mit unten meint er unten auf dem Feld, direkt vor der YB-Wand. Auch so ein Platz, wo sich nur wenige hingetrauen. Bei der Arbeit an der Basis geholfen hat ihm sicher auch seine grosse Klappe. Reinhard ist ein Vielredner. Das bestätigt jeder, der einmal das Vergnügen hatte.

Ein getrübtes Verhältnis

Manchmal hilft aber alles Reden nichts. Es gibt Themen, da haben die Fans komplett andere Ansichten als die Vereine. Dann müsse der Fanverantwortliche gegenüber den Fans für Positionen einstehen, die nicht seine eigenen seien, so Reinhard. Ein Umstand, der den Fans meistens durchaus bewusst ist. Viele Konflikte drehen sich um die Sicherheit und um Auflagen.

Die Einlasskontrolle etwa ist ein diffiziler Punkt. Möglichst speditiv sollte diese sein, fordern die Fans. Möglichst akribisch möchte es dagegen der Verband. Und wann ist eine ­Kontrolle noch kontrollieren, wann bereits schikanieren? Und schliesslich gibt es Auflagen in jenen Bereichen, die die Anhänger als ihre Fankultur anschauen, auf die sie nicht verzichten wollen. Das betrifft etwa die Pyrofackeln oder die Choreos.

Ein Fanverantwortlicher ist kein Fanarbeiter. Letztere verstehen sich als Anwälte der Fans und nicht als Vertreter der Clubs. Sie stehen auch nicht auf der Lohnliste der Vereine. Die beiden Jobs sind sich aber in weiten Teilen ähnlich. In Bern war das Verhältnis zwischen Fanverantwortlichen und Fanarbeitern allerdings schon besser, wie an dem Abend klar wird. Es geht um Kompetenzen, Nähe, Präsenz und Enga­gement. Richtig klären konnten die Parteien die Rollen offenbar nicht abschliessend. Was schlecht für die Stimmung ist.

Ein brutales Ende

Es läuft die zweite Hälfte, Reinhard steht nun unten. Er tigert herum, verwirft die Hände, geht in die Hocke, mag gar nicht mehr hinschauen. Er ist nun vor allem Fan. In seinem Knopf im Ohr knattert ab und zu ein Funkspruch. Hinter ihm dröhnt die Kurve. Bis es abrupt still wird. Eigentor. Schlusspfiff. Vorbei. Es ist ein brutales Ende. Für Reinhard, aber auch für YB.

Gegen Mitternacht. In der Stadionbeiz trinken Reinhards Kumpels ein letztes Bier. Er will später dazustossen, nach dem ­abschliessenden Debriefing mit dem Sicherheitschef. «Ein Eigentor. Sänä, du hast einen ganz schlechten Abgang», sagt einer beim Debriefing. Reinhard gibt demonstrativ sein Funkgerät ab: «Das Funken werde ich nicht vermissen.» Die Runde lacht. Reinhard legt noch einen Spruch nach. Sein Nachfolger sitzt ihm schräg gegenüber. Er ist mehr der ruhige Typ.

Berner Zeitung

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