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Der Feind ist unter uns

Was ist wahr? Das Tojo zeigt Daniel Di Falcos Theater «Alles wahr» über Verschwörungstheorien.

Barbara Heynen hat die Erleuchtung und Diego Valsecchi zieht sich in den Kriegsbunker zurück.
Barbara Heynen hat die Erleuchtung und Diego Valsecchi zieht sich in den Kriegsbunker zurück.
PD

Hat 9/11 wirklich so stattgefunden, wie es über die Bildschirme lief? Ist die Erde nicht doch flach? Ist der Klimawandel das Hirngespinst gleichgeschalteter Wissenschaftler, hinter dem der Geheimplan steht, uns alle zu enteignen?

Verschwörungstheorien waren einmal eine Randerscheinung. Heute sind sie täglich sichtbar, besonders in den sozialen Medien. Der Ex-«Bund»-Journalist Daniel Di Falco hat sich des Themas angenommen und darüber ein Theaterstück geschrieben, «Alles wahr».

Das Vorhaben könnte schiefgehen, gerade weil die Verschwörungstheorien so omnipräsent sind und man schon alles darüber zu wissen glaubt. Und weil ein guter Journalist nicht immer auch ein tauglicher Theaterautor ist.

Doch «Alles wahr», gespielt vom Aargauer Theater Marie, ist raffiniert und durchaus erhellend. Obwohl da ganz schön viel auf einen einprasselt.

Die Auserwählten

Di Falco verknüpft allerlei Dinge, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun zu haben: Den Spielfilm «The Invasion of the Body Snatchers» von 1956 über eine Invasion von Ausserirdischen, die von menschlichen Körpern Besitz ergreifen. Das «Zivilverteidigungsbuch», das der Bundesrat 1969 an alle Haushalte verteilen liess. Eine «Arena»-Sendung von 2017 mit Publizist Daniele Ganser. Dazu mischt er Verschwörungsphantasien.

Sie alle haben gemeinsam, dass von einer geheimen Macht phantasiert wird, die schon unter uns ist und im Hintergrund die Fäden zieht. Die Verschwörungstheoretiker sehen sich dabei als Auserwählte, die den grösseren Zusammenhang sehen und die grosse Schafherde aufwecken müssen. Denn die nimmt die vorgesetzte Scheinrealität unreflektiert hin.

Das Beispiel des «Zivilverteidigungsbuchs» aus dem Kalten Krieg zeigt: Selbst eine Staatsregierung ist vor Verschwörungsfantasien nicht gefeit. Die offizielle Schweiz trichterte den Bürgerinnen und Bürgern Wachsamkeit vor dem unsichtbaren Feind ein. Und heute ist es US-PräsidentDonald Trump, der «Alternative Facts» als neue Wahrheiten verkündet.

Aus all dem ergibt sich nicht etwa eine stringente Geschichte, sondern ein veritabler Verschwörungsteppich, ein lauter und eindringlicher werdendes Rauschen der Verschwörungen, das mit kundig aneinandergereihten Wörtern – vielen Wörtern – einwirkt, ohne zu überfordern.

Dass das gelingt, liegt am vierköpfigen Schauspielteam mit Judith Cuénod, Barbara Heynen, Diego Valsecchi und Michael Wolf, das sich die bisweilen überladene Textmasse aufteilt. Gespielt wird wenig, und dennoch bleiben die Zuschauerinnen und Zuschauer dran. Da ist ein Sog, der entsteht, wenn man glaubt, dem grossen Ganzen auf der Spur zu sein. Wie bei einer Verschwörung.

«Alles wahr»: Bis Sonntag im Tojo-Theater der Reitschule, Bern.

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