Der Fluchtstollen endet auf Gleis 14

Bern

Im September ziehen die SBB aus ihrem Hauptsitz auf der Grossen Schanze aus und die Uni Bern übernimmt das Gebäude. Keine Verwendung hat sie für das, was darunter versteckt ist: Bunker und Fluchtstollen für die hohen SBB-Beamten.

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Wer über die Grosse Schanze geht, vermutet kaum, was sich unter einer zehn Meter dicken Schicht Fels und Moränengestein verbirgt: Seit 1939 pumpt dort eine Lüftungsanlage ununterbrochen Frischluft in ein Netz von Bunkern und Gängen. Das Stollensystem ist ein Relikt aus dem Zweiten Weltkrieg.

Bei Kriegsausbruch begannen das Militär und die SBB, unter dem SBB-Hauptsitz auf der Grossen Schanze Bunker und Fluchtstollen auszuheben. Wem die Anlagen Schutz hätten bieten sollen, ist heute noch an den Ventilen, welche die Luft verteilen, abzulesen: je ein Teil für die SBB-Generaldirektion, einer für die Bahnhofsleitung und einer fürs Publikum. «Die Anlage wurde als Schutz für die damalige Bedrohung aus der Luft gebaut, wobei das Publikum wohl nicht für eine längere Zeit im Schutzraum hätte verweilen müssen», sagt der heute pensionierte Ueli Linsi, der lange Jahre das Militärbüro der SBB geleitet hat. Die Schutzräume hätten im Krisenfall den hohen SBB-Beamten und bei Bedarf auch Zugreisenden als Zwischenhalt gedient. Bei Bedarf hätte das SBB-Kader über einen Notausgang auf direktem und sicherem Weg in einen Zug evakuiert werden können, sagt SBB-Pressesprecher Christian Ginsig.

Gang vom Bahnhof zum Bundeshaus?

Ein Teil des früheren Tunnelnetzes ist dem Neubau des Berner Bahnhofs in den 1970er-Jahren zum Opfer gefallen. Noch immer gibt es aber den gut hundert Meter langen Fluchtstollen, der vom Untergeschoss der SBB-Generaldirektion in die damalige Perronunterführung mündete – und auch in der heutigen modernen Unterführung noch einen Ausgang hat. Zwei Zugänge sehen Tausende von Zugpendlern jeden Tag: Der eine befindet sich hinter der unscheinbaren Türe links von den drei Glasliften, die auf die Grosse Schanze führen. Der andere hinter jener seltsamen Türe, die scheinbar nutzlos in die Wand bei Gleis 14 eingefügt ist. Gemunkelt wird, dass einst auch das Bundeshaus an das Fluchtstollensystem angeschlossen war, dass diese Stollen heute aber zugemauert oder so geheim sind, dass sie nirgends mehr in Plänen aufgeführt sind.

Die SBB-Bunker und -Fluchttunnels lassen sich mit einer Taschenlampe hingegen immer noch begehen. Die ehemaligen Schutzbunker sind in den Sandstein gemeisselt. Das Wasser tropft seit 75 Jahren herunter. An den Gewölben haben sich lange, dünne Stalaktiten gebildet. Mit Backsteinwänden haben die Stollenerbauer mehrere Büroräume für die SBB-Chefs abgetrennt. Wer wo einquartiert worden wäre, ist heute noch an den Eingängen zu sehen. Das Kürzel «H.K» steht neben einem Raum, der einst mit einer zusätzlichen Stahltüre und zusätzlichen Sperrbolzen gesichert war: Hauptkasse bedeutete das Kürzel. Dieser Bunker war ein Tresorraum, wo im Kriegsfall die SBB ihr ganzes Bargeld in Sicherheit gebracht hätten. Allein die Grösse des Raums zeigt sofort: Beim SBB-Bargeld handelte es sich nicht nur um die Portokasse, sondern um das ganze Vermögen der Sparkasse, welche die SBB damals für ihre Mitarbeiter betrieben hatten.

Zukunft des Bunkers ist ungewiss

Was die künftige Besitzerin des SBB-Hauptsitzes, die Universität Bern, mit dem Bunkersystem in Zukunft macht, ist noch unklar. Denn es ist nicht einmal klar, wo die Grundstücksgrenze im Untergrund verläuft und wem welcher Teil des Tunnels künftig gehören wird. Das Tunnelsystem dürfte aber weder für die Universität noch für die Stadt oder die SBB ein sonderlich beliebtes Besitztum sein. Nutzen bringt der Bunker keinen mehr, dafür hohe Kosten, wenn er saniert oder geschlossen werden müsste.

Führungen durch die Anlage: Montag, 16. und 23. Juni, 7. und 12. Juli. Anmeldung Telefon 051 220'91'15. Kosten: 10 Franken.

Berner Zeitung

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