Der Friedhofsvirtuose

Bern

Walter Glauser machte die Stadtberner Friedhöfe zu Innovationsoasen. Seine Spezialität: Den Spielraum der Reglemente so sehr ausnutzen, dass sogar Ursula Wyss mitunter leer schluckte.

Tatkräftiger Erneuerer: Walter Glauser am Eingang des Schosshaldenfriedhofs.

Tatkräftiger Erneuerer: Walter Glauser am Eingang des Schosshaldenfriedhofs.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Jürg Steiner@Guegi

Walter Glauser (61) steht im riesigen Schosshaldenfriedhof an der Grenze zu Ostermundigen, in dessen Boden die Gebeine von 90000 Menschen liegen. Man blickt vom Rand eines Wäldchens auf den kleinen Schnägg-Hügel, Glausers rechte Hand geht kurz hoch zur Brille: «Reben würden super gedeihen an diesem sonnigen, kleinen Abhang», sagt er dann, «und es gibt viele Leute, die sich die ewige Ruhe in einem Weinberg vorstellen können.»

Über sein Gesicht zieht ein Lächeln. Ein typischer Walter-Glauser-Moment. Wein vom Friedhof, zwischen den Reben versenkte Urnen mit der Asche von Verstorbenen, die zu Lebzeiten am Abend gerne vor einem Glas Roten sassen: Das kommt Glausers Idealvorstellung vom ewigen Kreislauf ziemlich nahe. Glauser lässt keinen Zweifel offen, dass er einen Weg gesucht (und wohl auch gefunden) hätte, um diese Vision umzusetzen.

Aber der selbstbewusste Bereichsleiter Friedhöfe und Familiengärten in der Abteilung Stadtgrün, die zur Direktion von Ursula Wyss (SP) gehört, ist eben in Frühpension gegangen. Gestern Freitag war sein letzter Arbeitstag. «Dieser Schritt löst viele Emotionen in mir aus», gibt er auf einem Spaziergang über den Schosshaldenfriedhof zu. Es ist, als hätte die professionelle Beschäftigung mit der Vergänglichkeit sein Bewusstsein dafür gestärkt, dass niemand ums Loslassen herumkommt. Besser, man tut es rechtzeitig.

Ruheloser Innovationsturbo

Wie viel Enthusiasmus kann man in einen Friedhof stecken? Christoph Schärer, Leiter von Stadtgrün Bern, stellte Glauser vor gut zehn Jahren ein. Auch er konnte sich nicht vorstellen, wie hoch ein Innovationsturbo drehen kann, bestätigte er indirekt an Glausers Abschiedsapéro.

Vier bis fünf Beerdigungen finden auf den drei Stadtberner Friedhöfen täglich statt. Für Glausers rund fünfzig Angestellte eine logistische und emotionale Herausforderung. «Für uns ist es Alltag, für die Betroffenen ist ein Begräbnis einmalig. Alles muss klappen», sagt er. Besonders bei schwierigen Bestattungen, von Kindern etwa, war Glauser meist selber dabei, als Stütze für seine Mitarbeiter – obschon es auch vorkam, dass ihn selber die Gefühle übermannten.

«Ein Friedhof muss leben», sagt er ein paar Schritte später, und dazu gehöre unternehmerisches Denken. Schliesslich seien Trauernde auch Kunden. «Fast alle Menschen haben am unwiderruflichen Wendepunkt des Lebens ein starkes Bedürfnis nach Ritualen, egal, ob sie zuvor ein religiöses Leben geführt haben oder nicht», so Glauser. Und: Er respektiere, dass Menschen sich nach dem Tod an ihrem Lieblingsort mit der Erde vermischen möchten. Aber er stelle immer wieder fest, wie schwierig es für Hinterbliebene sei, wenn es keinen mit dem Namen beschrifteten Ort gebe, an dem sie trauern könnten.

Mit dem Tier im Grab

Den Friedhof zu individualisieren und gleichzeitig als kollektiven Erinnerungsort zu bewahren – das ist sein Credo. Weil heute im Unterschied zu früher 90 Prozent der Verstorbenen kremiert werden, gibt es auf den drei Stadtberner Friedhöfen reichlich Platz. Wie gemacht für Glausers Kreativität.

Unter seiner Führung wurden Urnenthemengräber geschaffen. Man kann sich heute in Kräutern, unter Rosen oder von Schmetterlingen umflogenen Blumen und sogar in einem Wäldchen begraben lassen. Die nächste Innovation kündigt sich bereits an: Stadtrat Peter Ammann (GLP) reichte vor zwei Wochen ein Postulat ein, in dem er den Gemeinderat auffordert, die Schaffung eines Grabfelds «Mensch mit Tier» zu prüfen. Dort sollte man sich gemeinsam mit seinem (kremierten) Lieblingstier bestatten lassen können. Walter Glauser hält dieses Bedürfnis für ausgewiesen.

In die nationalen Schlagzeilen geriet Glauser, als er begann, auf dem Bremgartenfriedhof Schafe weiden zu lassen. Nicht nur das: Gräber werden mit einer speziellen Bodenabdeckung bepflanzt, in denen Glühwürmchen gedeihen, ein Frühsommerspektakel auf den nachts geöffneten, aber unbeleuchteten Friedhöfen. Und sogar das: Auf dem Schosshaldenfriedhof finden gelegentlich Laienkurse für das Hand­mähen mit der Sense statt. Dass man an den Sensemann denkt, quittiert Glauser mit entspanntem Lachen.

Unter Glausers Management entstand vor gut einem Jahr das erste buddhistische Grabfeld der Schweiz. Bei Muslimen stellt sich das Problem der ewigen Grabesruhe. Glausers Crew löst es pragmatisch, indem muslimische Gräber in verschiedenen Tiefen mehrfach belegt werden und sie deshalb nicht wie vorgeschrieben nach zwanzig Jahren aufgehoben werden müssen. Hindus zünden an Begräbnisfeiern Weihrauch an, was in der Friedhofskapelle eigentlich nicht vorgesehen ist. Glausers Angestellte schalten für hinduistische Trauerfeiern kurz die Brandmelder aus.

Kreativ mit Reglementen

«Was mich nervt», sagt er, «ist, wenn man Dinge trotz Nachfrage nicht verändern will, bloss weil man es schon immer so gemacht hat oder ein Reglementspassus es untersagt.» Bremser befeuern Glausers Ehrgeiz: «Mir ist schon klar, ich habe mir nicht nur Freunde geschaffen.» Ursula Wyss habe ihn stets unterstützt, sagt Glauser. Als sie kürzlich sagte, seine kreative Reglementsauslegung habe sie doch das eine oder andere Mal ins Schwitzen gebracht, empfand er das als Kompliment. Seinen Handlungsspielraum hat Glauser ausgenutzt – und dieses Know-how in den letzten Wochen an Nachfolger Philippe Marti weitergegeben.

Glausers Frau Carmela führt in Schwarzenburg, wo die Familie lebt, ein Catering. Sie werde nun häufiger auf ihn als Mitarbeiter zurückgreifen können, verspricht Glauser. Bereits nächste Woche ist er allerdings in eigener Mission unterwegs, eine Gemeinde im Mittelland zieht seinen Rat bei für die Friedhofsplanung. «Mir wird nicht langweilig», sagt er.

Als wäre das eine Frage.

Tatkräftiger Erneuerer: Walter Glauser am Eingang des Schosshaldenfriedhofs. Foto: Franziska Rothenbühler

«Ein Friedhof muss leben.»

Walter Glauser Bereichsleiter Friedhöfe Stadt Bern

Berner Zeitung

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