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Der Honig für die Armen hat es schwer

In Laupen hat es der traditionsreiche Birnendicksaft Birnal in einen Tankstellenshop geschafft. Doch das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Birnelgeschäft hart geworden ist.

In Laupen gibts Birnel im Tankstellenshop. Foto: skk
In Laupen gibts Birnel im Tankstellenshop. Foto: skk

Birnel? Die Verkäuferin an der Theke schaut fragend auf. Der jungen Frau scheint nicht nur völlig unklar zu sein, wo genau das verlangte Produkt steht, sie weiss ganz offensichtlich nicht, wonach genau der Kunde sucht. Flugs setzt sie sich an den Computer, um mehr zu erfahren. Da kommt per Zufall eine Kundin vorbei, zeigt auf ein Glas in ihrem Korb und weist nach vorn: Der Birnendicksaft stehe dort, gleich neben dem Mehl.

Die Szene, die sich so im Landi-Laden von Laupen zugetragen hat, ist typisch für das Produkt, das bis vor gut zwanzig Jahren sogar noch staatlich gefördert worden ist. Der Bund sah in der sogenannt brennlosen Obstverwertung ein Mittel zur Eindämmung des Alkoholismus und übernahm deshalb die Lager- und Transportkosten. Doch mittlerweile kennen die jüngeren Leute den traditionsreichen Brotaufstrich auch auf dem Land nicht mehr unbedingt.

Ungeachtet dessen, dass er schweizweit in den Landi-Läden zum Standardsortiment gehört. Und ungeachtet dessen, dass er in Laupen sogar im angegliederten Tankstellenshop erhältlich ist – in einem Umfeld also, das bei ausgedehnten Öffnungszeiten auch abends und an den Wochenenden vor allem auf eine schnelle, zeitgemässe Verpflegung setzt.

Vom Bund gefördert

Der Tankstellenshop als Verkaufsstelle für Birnel ist indes die Ausnahme. Denn der Dicksaft hat es schwer, sich im immer reichhaltigeren Lebensmittelmarkt zu behaupten. Das weiss niemand so gut wie die Winterhilfe Schweiz, die den, wie er auch genannt wurde, Honig für die Armen jahrelang im Auftrag des Bundes exklusiv vertrieben hat und nun mit sinkenden Absätzen kämpft.

Als Organisation, die seit je Lebensmittel an Bedürftige verteilte und zudem in den Regionen gut verankert war, hatte sie die Aufgabe nicht ohne Grund übernommen. In der Folge lancierte sie mit der jährlichen Herbstaktion in den Gemeinden eine Tradition, die sich bis heute hält: Immer im Oktober kündigen die Verwaltungen im Anzeiger an, dass sie nun wieder Birnelbestellungen entgegennehmen. Und immer im Dezember stehen die bestellten Mengen auf den Verwaltungen zum Abholen bereit.

Doch das Angebot ist längst nicht mehr so lückenlos wie früher. Zäziwil und Bowil machen beispielhaft klar, warum das so ist: «Aufgrund der seit Jahren rückläufigen Bestellungen» sei man auf dieses Jahr hin aus der Aktion ausgestiegen, schrieben beide Gemeinden in gleich lautenden Mitteilungen.

Die Winterhilfe spürt den Abwärtstrend mittlerweile sehr konkret. «Wir stellen fest, dass wir allgemein weniger Birnel verkaufen», hält Sprecherin Esther Güdel fest. Eine Statistik über die Birnelverkäufe führt die Organisation zwar nicht, doch allein die jüngsten Zahlen untermalen dies: Allein vom Geschäftsjahr 2016/2017 zum Geschäftsjahr 2017/2018 sank die Menge von 45 Tonnen auf 34 Tonnen.

In neuen Gerichten

Die Entwicklung spiegelt sich auch bei den Herstellern wieder, wo die Mosterei E. Brunner AG im zürcherischen Steinmaur als schweizweit einzige Birnelfabrik übrig geblieben ist. Geschäftsführer Robert Brunner macht kein Geheimnis daraus, dass sein Geschäft kein leichtes ist.

 Setzt auf die Birne: Birnelproduzent Robert Brunner. Foto: Reto Oeschger
Setzt auf die Birne: Birnelproduzent Robert Brunner. Foto: Reto Oeschger

Brunner spricht von einem Megatrend, gegen den der Dicksaft bestehen muss. Um gleich anzufügen, dass er auch eine Gegenbewegung ausmachen kann: In der modernen Küche komme Birnel vermehrt in asiatisch angehauchten, süsssauren Gerichten zum Zug. Und in Kombination mit Apfelessig lasse sich aus Birnel ein schmackhafter Balsamico herstellen.

Wenigstens hat Brunner, dessen Betrieb zu immerhin einem Drittel vom Dicksaft lebt, nicht mit Rückgängen zu kämpfen. Mit jährlich 100 bis 125 Tonnen bewege sich die Menge auf einem stabilen Niveau, sagt er. Um gleich zu ergänzen, wieso er als Produzent in einer ganz anderen Situation geschäftet als die Winterhilfe: Birnel sei mittlerweile auch über viele andere Kanäle und sogar in den Grossverteilern erhältlich.

Heute laufe der Trend halt auch dahin, dass man lieber regelmässig eine kleine Menge im Laden kaufe. Statt einmal pro Jahr einen 12,5-Kilo-Kessel über die Gemeinde zu beziehen.

Für den Brunch

In den Läden scheint sich Birnel unterschiedlich zu verkaufen. Während die Landi über alle Läden hinweg von guten Verkaufszahlen spricht und Coop sowie Volg von einem immerhin stabilen Niveau reden, verzeichnet die Migros sinkende Ver­käufe.

Wie es da der Dicksaft sogar in einen Tankstesllenshop schafft? Ganz einfach, antwortet Peter Röthlisberger, der für die Landi in Laupen zuständige Geschäftsleitungsvorsitzende: «Birnel wird verlangt. Gerade am Sonntag, wenn die Leute bei uns für den Brunch einkaufen.»

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