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Der IV-Rentner hat seine Krankheit inszeniert

Ein IV-Rentner hat beim Inszenieren seiner Gebrechen zu dick aufgetragen. Das Gericht hat ihn wegen Betrugs verurteilt. Auch Frau und Sohn machten sich schuldig.

Das Regionalgericht Bern-Mittelland hat entschieden: Der Angeklagte wird wegen Betrug verurteilt.
Das Regionalgericht Bern-Mittelland hat entschieden: Der Angeklagte wird wegen Betrug verurteilt.
Keystone

Für die Richterin bestanden nach drei Prozesstagen kaum mehr Zweifel: Der angeklagte 57-jährige Familienvater aus Bern hat sich über mehrere Jahre eine Invalidenrente erschlichen. Das Regionalgericht Bern-Mittelland verurteilte den Mann wegen Betrugs zu einer bedingten Geldstrafe von 360 Tagessätzen à 20 Franken. Die Probezeit beträgt zwei Jahre.

Rund 32000 Franken hat der gebürtige Kosovare mit seinem diffusen Krankheitsbild bei der IV-Stelle des Kantons Bern unrechtmässig bezogen. Wäre er nicht aufgeflogen, wäre bis heute ein «tiefer sechsstelliger Deliktbetrag» zusammengekommen, wie die Richterin am Mittwoch bei der Urteilsverkündung festhielt.

Neben der Hälfte der Verfahrenskosten muss der verurteilte Mann zudem eine Busse von 400 Franken zahlen wegen des unrechtmässigen Bezugs von Sozialhilfe. Zahlt er nicht, muss er vier Tage im Gefängnis absitzen.

Per Video überführt

Der Beschuldigte bezog eine IV-Rente von monatlich 1800 Franken. Er werde von seiner Frau betreut, könne nicht selber seine Hosen, Socken und Schuhe anziehen. Ausser Haus müsse er immer begleitet und unterstützt werden, machte er der Invalidenversicherung deutlich. Die IV wurde nach einiger Zeit jedoch stutzig und liess ihn an 17 Tagen über einen Zeitraum von zehn Monaten observieren.

Und siehe da: Die Überwachungsvideos zeigten freilich ein anderes Bild des Patienten: Der Angeklagte bückte sich ohne Probleme beim Rauchen auf dem Balkon, obwohl er dies angeblich gar nicht kann. Er brauchte bei seinen Erledigungen in der Stadt keinerlei Betreuung, geschweige denn Begleitung. Auch aufs Tram rennen und einen schweren Staubsauger vom Einkauf heimtragen konnte er.

Frau und Sohn halfen mit

Die Richterin sieht es als erwiesen an, dass der Beschuldigte bei seinem Krankheitsbild viel schauspielerisches Talent an den Tag legte, etwa wenn er auf eine Krücke gestützt und in Begleitung seines Sohnes beim Arzt auftauchte. «Er hat allen etwas vorgespielt», sagte die Richterin. Der Regionale Ärztliche Dienst der IV spricht gar von einem «grotesk anmutenden Gangbild», das der Mann an den Tag legte.

Der Familienvater, der derzeit in einer psychiatrischen Klinik weilt und nur bei der Einvernahme am Dienstag im Gericht sass, ist am Betrug jedoch nicht allein schuld. Für die Richterin besteht kein Zweifel daran, dass auch die Frau und der Sohn des Mannes bei dem falschen Spiel munter mitmachten. Etwa indem der bereits erwachsene Sohn den Zustand seines Vaters bei Ärzten und Versicherungen «immer wieder schlechtredete». Da der Sprössling damals noch bei den Eltern wohnte, müsse ihm die wahre Verfassung seines Vaters bewusst gewesen sein.

Als plötzlich die Möglichkeit im Raum stand, zusätzlich noch eine Hilflosenentschädigung zu erhalten, wurden die Gebrechen des Mannes nochmals schwerwiegender dargestellt. Ausgefüllt hatten das Formular die Ehefrau und der Sohn. «Ihr habt bewusst mitgeholfen, zusätzlich zur IV-Rente, noch eine Hilflosenentschädigung herauszuholen», hielt die Richterin am Mittwoch gegenüber den beiden fest.

Die beiden wurden deshalb wegen Gehilfenschaft zu Betrug zu einer bedingten Geldstrafe verurteilt. Der Sohn zu 120 Tagessätzen à 80 Franken, die arbeitslose Frau zu 60 Tagessätzen à 30 Franken. Fürs Urteil nicht gerade förderlich war dabei deren hartnäckiges Verweigern jeglicher Stellungnahme während der Einvernahme.

Mögliche Halluzinationen?

Die Verteidigung hatte während des Prozesses versucht, eine schwere psychische Störung des IV-Rentners hervorzustreichen. Dieser habe auch gegenüber Ärzten vorgebracht, er traue sich wegen Halluzinationen kaum noch nach draussen. «Auch davon ist auf den Videos nichts zu sehen», meinte die Richterin zu diesem Vorwand. «Ich bezweifle nicht, dass es dem Mann psychisch nicht gut geht», sagte sie abschliessend, «aber sicher nicht so schlecht, wie er dies wiederholt dargestellt hat.»

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