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Der Jüngste geht mit 31 Jahren, der Älteste hört mit 75 auf

Die letzten Dezembertage sind auch ihre letzten Tage im Amt: In acht Gemeinden der Region Bern treten aufs Jahresende die bisherigen Präsidentinnen und Präsidenten zurück.

Verlässt nicht nur das Gemeindehaus, sondern gleich die Gemeinde:  Mario Stegmann zieht in den Kanton Aargau.
Verlässt nicht nur das Gemeindehaus, sondern gleich die Gemeinde: Mario Stegmann zieht in den Kanton Aargau.
Stefan Anderegg
Hat Ausdauer im Sport und in der Politik: Daniel Wyrsch.
Hat Ausdauer im Sport und in der Politik: Daniel Wyrsch.
zvg
Gibt sein Amt ab: Oberhünigens Gemeindepräsident Heinz Zurflüh.
Gibt sein Amt ab: Oberhünigens Gemeindepräsident Heinz Zurflüh.
Stefan Anderegg
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Sechs Jahre waren es. Oder gar sechzehn: Nur kurz im Polit­geschäft war niemand der sechs Männer und zwei Frauen, die in diesen Tagen ihren Sessel an der Spitze einer Gemeinde in der Region Bern räumen. Beschäftigt haben sie insbesondere Fusionen. Da sehen manche auch ihre grösste Niederlage – denn etliche Fusionsprojekte scheiterten am Willen des Volkes.

Studen: Er zieht zu seiner Liebsten nach Aarau

«Partir, c’est mourir un peu», zitiert Mario Stegmann den französischen Schriftsteller Edmond Haraucourt, Abschied ist ein bisschen Sterben. Dieser Abschied steht beim Gemeindepräsidenten von Studen direkt vor der Tür – Ende Jahr ist Schluss. Nach 13 Jahren in der Gemeindepolitik, 6 davon als Gemeindepräsident, ist es Zeit für einen neuen Abschnitt im Leben des erst 31-Jährigen FDP-Politikers.

Zeit für Trauer bleibt indes wenig. Ans literarische Zitat knüpft Stegmann gleich eine weitere Lebensweisheit an: «Reisen bildet.» Stegmann zügelt von Studen nach Aarau zu seiner Freundin. Einverstanden – rein kilometermässig (76) keine sehr grosse Reise. Rechnet man aber die Gefühlswelt mit ein, führt die Route von der Heimat ins Neuland. «An Aarau fährt man normalerweise auf dem Weg nach Zürich vorbei», sagt Stegmann. Er legt dort jetzt einen langen Halt ein. «Der Zeitpunkt dafür ist genau richtig.»

Mario Stegmann wurde 2009 als wohl jüngster Gemeindepräsident im Kanton Bern ins Amt gewählt. Er betont, dass sein Rücktritt weder mit Amtsmüdigkeit noch mit Konflikten in der Behörde zu tun habe. «Es sind rein private Gründe, die mich zum Schritt bewegten.» Nebst der Freundin ist dies auch der Job. Stegmann ist Jurist und arbeitet bei der Schlichtungsbehörde in Biel. «Ich möchte mich beruflich weiterentwickeln, da kann das 20-Prozent-Pensum als Gemeindepräsident schon hinderlich sein.»Zumal jemand in diesem Amt quasi konstant verfügbar sein müsse.

Ein Punkt, den Stegmann sicherlich nicht vermissen wird. «Wenn dich Bürger am Samstagabend um 22 Uhr anrufen und dich auffordern, die hundert Fahrenden aus dem Dorf zu vertreiben, ist das nicht lustig.» Die Ansprüche der Einwohner würden konstant wachsen, stellt er fest. «Politiker sind auch keine Übermenschen. Das ist vielen nicht klar.»

Das Thema Fahrende ist eine der beiden Wunden, die der abtretende Gemeindepräsident noch am Lecken ist. «Die Fahrenden sind in diesem Jahr dreimal unangemeldet in Studen aufgekreuzt und haben uns viel Ärger und Kosten beschert.» Die andere Wunde ist noch frisch: Die Gemeindeversammlung schickte das Budget bachab. Die Steuererhöhung passte den Studenern nicht in den Kram. «Nun sollte die Gemeinde bei gleichem Steuersatz rund 800 000 Franken einsparen, objektiv ist das unmöglich.» Eine Herkulesaufgabe, die Nachfolgerin Therese Lautenschlager angehen muss. «Das ist unschön.»

Er nehme aber auch viele schöne Erinnerungen mit. Die Begegnungen auf der jährlichen Seniorenreise, zum Beispiel. «Insbesondere bei älteren Menschen geniesst die Person des Gemeindepräsidenten noch ein hohes Ansehen, und die Arbeit wird wertgeschätzt.»

Mit Ausnahme des Budgets habe er keine Leichen im Keller, sagt Stegmann schmunzelnd. Er übergibt einen reinen Tisch, eine intakte Gemeinde, die er in Zukunft als «lokales Subzentrum» im Seeland sieht. Eine S-Bahn-Haltestelle hat das Dorf bereits seit 1999 – die Gefahr, an Studen vorbeizufahren, existiert also nicht. Simone Lippuner

Jegenstorf: Der Gemeinderatspräsident mit dem langen Schnauf

Als er 1980 nach Jegenstorf zog, wohnten dort etwa 3300 Menschen. Heute sind es rund 5600. Dazu hat auch Daniel Wyrsch beigetragen: Er ist Vater von vier Kindern. Noch weit mehr ist er allerdings als SP-Politiker für diesen Zuwachs mitverantwortlich. Wyrsch hat zwei Fusionen angeschoben. 2010 stiess Ballmoos zu Jegenstorf, 2014 vergrösserten Münchringen und Scheunen das Gemeindegebiet.

Der Mathematiker war von 1994 bis 2001 Mitglied und Vizepräsident des Gemeinderats. Von 2002 bis 2005 und ab 2010 präsidierte er diesen. Der 52-Jährige war 20 Jahre lang Vorsteher-Stellvertreter und ist jetzt noch Lehrer an der Berufsmaturitätsschule der Gewerblich Industriellen Berufsschule Bern. Er tritt zurück, weil er die Stelle wechselt und Geschäftsführer des Bernischen Staatspersonalverbands wird. Wyrsch ist seit 2014 auch Grossrat. Sein Jegenstorfer Amt übernimmt Hans Mätzener (SVP). Weil die Nachfolge nicht bestritten war, wurde er in stiller Wahl ernannt.

Bevor Daniel Wyrsch 2010 zum zweiten Mal Gemeinderatspräsident wurde, musste er sich gegen drei Mitbewerber durchsetzen und sich exponieren. Aus dem Fenster gelehnt hat er sich auch seither. Einstecken musste er zum Beispiel, als er die Klein- und Kleinstgemeinden rund um Jegenstorf als «Trittbrettfahrerinnen» bezeichnete. Ein kühler Hauch umwehte ihn auch, als er öffentlich einen Entscheid seines Gemeinderates rügte. Dessen Mitglieder hatten ihn überstimmt und den Versuchsbetrieb des Ortsbusses abgebrochen. «Ich habe erst kritisiert, als ich wusste, dass ich den Rat verlassen werde», sagt er.

Nun darf man Daniel Wyrsch keinesfalls auf Situationen reduzieren, bei denen er aneckte. «Ich will Lösungen», erklärt er. Das sagen alle. Aber er hat in Jegenstorf tatsächlich vieles bewirkt. Unter anderem hat er die Ortsplanungsrevision und die Neugestaltung des Zentrums mitgeprägt. In letzter Zeit hat er sich intensiv mit der Pensionskasse des Personals beschäftigt. Er hat eine Lösung erarbeitet, bei der die Angestellten und die Gemeinde mit einem blauen Auge davonkommen – Jegenstorf tritt aus der maroden Personalvorsorgestiftung Bolligen-Ittigen-Ostermundigen aus.

18 Jahre in der Dorfregierung. Da muss man einen langen Atem haben. Hat er. Wyrsch ist nicht bloss Langstreckenläufer, sondern Ultra-Langstreckenläufer. Der Unterschied ist riesig. Es ist die Differenz zwischen dem 16 Kilometer langen Berner Grand-Prix-Läufli und dem Ultra-Trail du Montblanc. Sechsmal rannte Wyrsch diesen Parcours, je nach Kategorie mal 119, mal 170 Kilometer weit. Bisher viermal war er beim Bieler Hunderter dabei. Wir wissen nicht, ob Wyrsch der beste Gemeinde- oder Gemeinderatspräsident ist. Aber er könnte per Laktattest beweisen, dass er der Ausdauerndste ist. Peter Steiger

Noflen: Als sein Hof brannte, spürte er die Solidarität der Bevölkerung

Am Samstag, 28. März 2011, kurz nach Mittag schaute Fritz Dähler noch rasch im Stall vorbei. «So, wie das bei Bauern üblich ist, bevor sie das Haus verlassen», sagt Dähler. Die zehn Rinder standen im Stall, es war alles so, wie es sein sollte. Also fuhr er mit seiner Frau Margrit zu Besuch nach Thun. Als sie wenige Stunden später zurückkehrten, war nichts mehr so, wie es sein sollte.

Eine technische Störung hatte ein Feuer verursacht. Der Stall war abgebrannt. Das Wohnhaus stand unter Wasser. Von den Tieren keine Spur. Es blieb dann die einzige gute Nachricht des Tages: Die Tiere waren gerettet und in Ställen in Mühledorf untergebracht worden. Ansonsten standen Dählers vor dem Nichts. «Es war eine bewegende Zeit», erinnert sich Dähler. Er, der sonst immer rennen musste, wenn es ein Problem gab im Dorf, erlebte selbst eine ­Katastrophe.

Seit drei Jahren war er damals Gemeindepräsident von Noflen. Acht Jahre sind es geworden. Jetzt muss er wegen beschränkter Amtszeit aufhören. Und er will auch. «Ich bin 75-jährig», sagt er. Zudem ist er nicht das erste Mal im Gemeinderat tätig, schon ab 1962 war er zehn Jahre lang Mitglied.

So viel, sagt er, habe sich in dieser Zeit gar nicht verändert. Die grösste Differenz bestehe darin, dass sich die Gemeindeverwaltung nicht mehr im Dorf befinde. Vor rund zehn Jahren wurde sie nach Kirchdorf gezügelt. «Das war ein emotionales Ereignis», sagt Dähler, der dies befürwortete. «Auch aus meiner heutigen Sicht war es ein sehr guter Entscheid.» Die Öffnungszeiten seien länger, die Kosten gesunken, die Kompetenz in Kirchdorf gross.

Auch die Schule befindet sich längst nicht mehr in Noflen, seit Sommer ist auch der Kindergarten zu. Wenigstens konnte Dähler an der letzten Gemeindeversammlung verkünden, dass das Schulhaus verkauft worden sei. «Das ist ein schöner Abschluss.» Ein wichtiger Schritt war auch der Verkauf von Bauland im Oberdorf. «Damit gewann Noflen 50 neue Einwohner.» Aktuell sind es 292.

Weniger erfreulich war für ihn dagegen, dass vor einem Jahr die Kleeblatt-Fusion am Nein aus Gerzensee gescheitert ist. «Das war eine verpasste Chance.» Von einer einzigen Gemeinde auf dem Plateau zwischen dem Aare- und dem Gürbetal hätten alle profitiert, ist er überzeugt. Nun wird Dähler interessiert mitverfolgen, wie sich die Fusionsverhandlungen mit Kirchdorf, Gelterfingen und Mühledorf entwickeln – aus der Ferne, vom neu aufgebauten Bauernhaus aus.

Im Frühling 2011 war bald klar, dass das Haus ganz abgerissen werden musste. Dählers erlebten eine Solidarität, wie sie es sich nicht vorgestellt hatten. Die Gemeinde richtete ein Spendenkonto ein. «Leute, von denen wir das nie gedacht hätten, wollten uns helfen», sagt Fritz Dähler. Als Dähler im April seinen 70. Geburtstag feierte, besuchten ihn spontan alle vier ­anderen Gemeinderäte in Tägertschi, wo Dählers kurze Zeit wohnten. Johannes Reichen

Berner Zeitung

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