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Der Kampf gegen die «fallende Sucht»

Küre Messerli aus Rüschegg besitzt ein Psychiatriewerk von 1782, in dem es um Epilepsie geht. Abenteuerliche Diagnosen und Behandlungsmethoden bringen einen zum Staunen – und zuweilen zum Schmunzeln.

Küre Messerli mit dem Buch von 1782, in dem der Westschweizer Arzt Auguste Tissot die Epilepsie, die «fallende Sucht», thematisiert.
Küre Messerli mit dem Buch von 1782, in dem der Westschweizer Arzt Auguste Tissot die Epilepsie, die «fallende Sucht», thematisiert.
Andreas Blatter
Ursachen,  Betrachtungen und Diagnosen sind fein  säuberlich  aufgelistet.
Ursachen, Betrachtungen und Diagnosen sind fein säuberlich aufgelistet.
Andreas Blatter
. . . der «fallenden Sucht» kommen zur Sprache
. . . der «fallenden Sucht» kommen zur Sprache
Andreas Blatter
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«Die Heilung einer so grossen Krankheit hängt von einem genauen Verhalten bei der Lebensart, von der Enthaltsamkeit in Rücksicht auf das Frauenzimmer, den Wein und alle hitzigen und Dünste erzeugenden Nahrungsmitteln ab.»

Im Buch «Abhandlung von den Nerven und deren Krankheiten» des im 18. Jahrhundert weitherum bekannten Westschweizer Mediziners Auguste Tissot wird die «fallende Sucht», die Epilepsie, thematisiert. «Fallende Sucht» deshalb, weil Epileptiker während eines starken Anfalls häufig stürzen.

In dem Werk von 1782 referiert Tissot beispielsweise über Ursachen der Epilepsie. Dies liest sich dann folgendermassen: «Dieje­nigen Eingeweide, in denen die Ursache der ‹fallenden Sucht› sowohl dem männlichen als dem weiblichen Geschlecht am häufigsten enthalten ist, sind die Werkzeuge der Zeugung.

Die Ähnlichkeit zwischen der ‹fallenden Sucht› und dem Beischlaf ist von jeher bemerkt worden. Bei beiden sind Zuckungen im Anfall und Kraftlosigkeit nach demselben zugegen.»

Eseltreiber und Quacksalber

Epilepsie kann laut Tissot aber auch auf falsche Erziehung zurückgeführt werden. «Ich habe viele Kinder gesehen, bei denen die ‹fallende Sucht› vom Schreck, von der üblen Behandlung, die sie in den Schulen von Lehrmeistern erlitten hatten, herrührt», schreibt der Arzt.

Und doppelt nach: «Von Lehrmeistern, die die Natur eher zu Eselstreibern als zu Schulleitern bestimmt hatte.» Ihr Fett weg bekommen bei Auguste Tissot in Zusammenhang mit der Krankheit aber auch ­«helfende Scharlatane».

Er beschreibt einen Fall, in dem die «fallende Sucht» zu Blindheit führte. Und formuliert klipp und klar: «Dies geschah nicht auf Veranlassung der Natur, sondern es war die Folge eines heftigen Heilmittels, welches ein Quacksalber dem Kranken gegeben hatte.»

Ohnehin hält Tissot von verschiedenen Präparaten nicht wirklich viel. In einem Patientenbericht heisst es beispielsweise: «Der Bibergeil und alle anderen stinkenden und geistigen Mittel waren völlig ohne Nutzen; die entsetzlichsten Anfälle erschienen allemal unter einer veränderten Gestalt.»

Ausnahmen bestätigen die Regel: Ein «gelindes, schmerzstillendes Mittel» oder auch «fünfzehn Tropfen von Sudenhams Laudanum» könnten durchaus Wirkung zeigen und gar einen Anfall verhindern. Trotzdem glaubt Tissot nicht, «dass es ein Heilmittel gibt, welches die ‹fallende Sucht› zuverlässig heilt».

«Wertvoller Einblick»

Küre Messerli aus Rüschegg-Heubach besitzt ein Original der historischen Schrift von Auguste Tissot. Und für den 62-Jährigen ist die Welt der Psychiatrie und der Medizin keine fremde: Er ist Pflegefachmann Psychiatrie, Dozent für psychiatrische Krankheitsbilder und Supervisor.

«Dieses Buch gibt mir einen wertvollen Einblick in eine völlig andere Zeitepoche – nicht zuletzt hinsichtlich meiner eigenen Tätigkeit», sagt er. Er habe es denn auch jahrelang im Unterricht und in der Supervision verwendet, um Vergleiche zur Gegenwart anzustellen.

Aufgestöbert hat Küre Messerli das Werk 1993 in einer Brockenstube und dafür fünf Franken bezahlt. Er ist heute noch «hell begeistert» von dem 400 Seiten umfassenden Band.

Und als Fachmann gibt er zu bedenken: «Hüten wir uns davon, uns über die manchmal seltsamen Methoden und Beschreibungen bloss lustig zu machen.» Denn: «Vielleicht wundern sich in hundert Jahren die dannzumal in der Psychiatrie tätigen Leute ebenfalls über unsere heutigen Lehrbücher. Darüber, wie wir heutzutage arbeiten . . .».

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