Mediendebatte

«Der Markt entscheidet, wie lange es in Bern noch zwei Zeitungen gibt»

MediendebatteAngesichts rückläufiger Erträge sei Tamedia zu Umstrukturierungen gezwungen, sagt der Verleger dieser Zeitung. «BZ» und «Bund» würden ihren eigenen Charakter aber auch in Zukunft wahren, versicherte er.

Zürcher Verleger zu Besuch in Bern: Pietro Supino (mit Mikrofon) gestern auf dem «Bund»-Podium mit 
Nationalrat Matthias Aebischer, Unternehmer Peter Stämpfli und Redaktor Bernhard Ott (von links).

Zürcher Verleger zu Besuch in Bern: Pietro Supino (mit Mikrofon) gestern auf dem «Bund»-Podium mit Nationalrat Matthias Aebischer, Unternehmer Peter Stämpfli und Redaktor Bernhard Ott (von links). Bild: Beat Mathys

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Es gibt angenehmere Aufgaben für einen Journalisten, als den eigenen Verleger zu Umstrukturierungen zu befragen, von denen man selber betroffen ist – im konkreten Fall Pietro Supino, Verwaltungsratspräsident der Tamedia AG, die unter anderem die «Berner Zeitung» und den «Bund» herausgibt. Ab 2018 beliefert das Zürcher Unternehmen zwölf Deutschschweizer Tageszeitungen neu von einer zentralen Redaktion aus.

Für die lokalen Tageszeitungen bedeutet dies, dass ihre Ausland- und Inland­geschichten künftig gänzlich, jene aus Wirtschaft, Kultur und Sport zu grossen Teilen von den gleichen Autorinnen und Autoren geschrieben werden. Unterscheiden werden sie sich noch in den Lokalthemen sowie je nach Bedarf bei Kommentaren, über die der jeweilige Chefredaktor die Hoheit behält.

Als dies bekannt wurde, protestierten die Angestellten von «Bund» und «BZ» mit einem Risottoessen gegen den «Einheitsbrei», den sie befürchten. Auch die lokale Politik sorgt sich um die Medienvielfalt.

«Raspeln an der Demokratie»

«Bund»-Lokalredaktor Bernhard Ott entschied sich am Montagabend für eine «möglichst neutrale» Moderatorenrolle, als er Supino im Kornhausforum in der Diskussionsreihe «Der Bund im Gespräch» zur Zukunft des Berner Medienplatzes befragte. Bei einigen Fragen, die sich ihm stellten, wäre es ihm lieber, wenn sie einer der beiden anderen Gesprächsteilnehmer formulieren würde, sagte Ott schalkhaft.

Gemeint waren SP-Nationalrat Matthias Aebischer und Unternehmer Peter Stämpfli. Tatsächlich war es Aebischer, der Supino als geld­getriebenen Unternehmer darstellte, der jedes Jahr dreistellige Millionengewinne erwirtschafte und «ohne Not» die bestehende Medienvielfalt – ein Pfeiler der Demokratie – reduziere. «Sie raspeln an der Demokratie», so Aebischer zu Supino. Unternehmer Stämpfli relativierte, er kritisiere keinen Unternehmer, der zu seinem Betrieb schaue – es sei denn, es würden dabei ethische Werte verletzt. Er fürchte aber um Bern als Hauptstadt­region Schweiz, wenn diese aus Zürich beliefert werde.

«Investieren in Qualität»

Wortreich skizzierte Supino den Rahmen, in dem sich der laufende Prozess abspiele: Die Einnahmen aus Zeitungs-, viel mehr noch aber aus Anzeigenverkäufen seien seit Jahren «strukturell erheblich rückläufig». Anzunehmen, dass in den nächsten fünf bis zehn Jahren ein weiterer Drittel wegbreche, sei «noch optimistisch geschätzt». Deshalb müssten Ressourcen genutzt werden, «um mit weniger Einnahmen mindestens die gleiche Qualität zu bieten». In diesem Dilemma gelte für ihn, so Supino mit Blick auf Aebischer: «Im Zweifel geht Qualität vor Vielfalt.» Ohnehin glaube er, dass angesichts der vielen medialen Angebote im Internet die Medienvielfalt nicht gefährdet sei.

Weil «Bund» und «BZ» weiterhin unterschiedlich viele Seiten den einzelnen Ressorts widmen werden, bewahren sie sich laut Supino ihre eigenständigen Charakter. Mehr noch: Weil die lokalen Redaktionen künftig «alle Energie auf die lokale Differenz» legen würden, dürfe man auf bessere Lokalgeschichten hoffen. Am Ende werde aber der Markt entscheiden, ob sich in Bern zwei Zeitungen halten lassen.

Kaum Gehör hatte Supino für Fragen nach der verlegerischen Verantwortung aus demokratiepolitischer Sicht. Er glaube an den Journalismus, sagte er bloss, deshalb investiere sein Konzern in diesen wie kein zweiter in der Schweiz. Den Journalismus mit anderen Geschäften zu subventionieren, gefährde aber dessen Unabhängigkeit, glaubt Supino. (Berner Zeitung)

Erstellt: 21.11.2017, 06:36 Uhr

Debatte im Parlament

Zum Start der Novembersession beschäftigte sich der bernische Grosse Rat am Montag mit der Medienvielfalt im Kanton. In zwei separaten Vorstössen war die Regierung dazu aufgefordert worden, Massnahmen für den Erhalt von Vielfalt und Qualität zu ergreifen. In der unverbind­lichen Form eines Postulats überwies das Parlament einige Aufträge an den Regierungsrat. So soll dieser etwa aufzeigen, welche Mittel zur direkten oder zur indirekten Förderung der Medien denkbar wären.

Allgemein begrüsst wurde im Grossen Rat, dass die Regierung mit der Spitze des Medienhauses Tamedia, das in Bern Sparmassnahmen umsetzt, das Gespräch gesucht hat. phm

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