Der Schiffsbauer

Mein Hobby

Früher fuhr Hans Peter Wüthrich zur See, bereiste das Mittelmeer und den Atlantik – heute baut der Berner leidenschaftlich gerne Modellschiffe.

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Franziska Zaugg

Am Pier ist einiges los: Die Cap San Marcohat angelegt. Das mächtige, weisse Frachtschiff muss beladen werden. Ein Bagger und Container stehen bereits auf Deck. Männer karren Fässer und Kisten zur Laderampe. Von der Reling winken Matrosen. Doch – diese Szenerie ist nachgestellt.

In Wirklichkeit ist die Cap San Marco ein Modellschiff und der Hafen das Schaufenster der Buchhandlung Sinwel im Berner Lorrainequartier. Schiffsbauer ist Hans Peter Wüthrich. Der gelernte Maschinenschlosser verbringt viel Zeit mit dem Fertigen solcher Modelle. Das ausgestellte 164 Zentimeter lange und 16 Kilo schwere Schiff hat er von Grund auf selber gebaut. Den Bauplan selber gezeichnet.

Details sind wichtig

Es sind nicht nur die nachgestellten Szenen vom Treiben im Hafen, die beeindrucken. Es sind auch die vielen Einzelheiten an der Cap San Marco, wieRettungsring, Feuerkasten, Schiffsglockeoder Seile und Taue, auf dem Deck aufgerollt und aufgehängt, sowie LED-Lämpchen, die aussen am Schiff oder durch Fensterscheiben leuchten.

Der neunundsechzigjährige Modellbauer kennt sich mit der Seefahrt bestens aus. Als junger Maschinenschlosser arbeitete er auf einem Transportschiff. Bereiste das Mittelmeer und den Atlantik, bis er während eines Aufenthalts zu Hause seine Frau Doris kennen lernte.

Sie gründeten eine Familie und leben seither in Bern. Für seine Frau hat er sein erstes Modellschiff gefertigt, ein Baukasten. Das war vor 40 Jahren. Ein weiterer Baukasten folgte, der niederländische Hochseeschlepper Zwarte Zee. Dann wagte sich Wüthrich an sein erstes von Grund auf selber gefertigtes Schiff, den finnischen Eisbrecher Voima.

Er wollte frei sein in der Gestaltung seiner Modelle. «Für mich sind Details sehr wichtig, damit hauche ich meinen Modellschiffen Leben ein», sagt Wüthrich. Beim Werken schippert er in Gedanken zurück in seine Zeit als Seemann. Viele Bilder sind noch in seinem Kopf.

Fällt ihm etwas nicht mehr ein, dann blättert er in einem Schiffsbuch. Das kann auchmitten in der Nacht sein, wenn er im Bett liegt und in Gedanken bei seinem Hobby ist.Dann steht er auf,plant und baut an einem Schiff.

Viel Kopfarbeit

Wüthrich ist fast einen Meter neunzig gross, sein Händedruck fest. Dass er mit filigraner Bastelarbeit seine Zeit verbringt, glaubt man auf den ersten Blick kaum. Er führt ins ehemalige Kinderzimmer seiner Töchter, hier hat er seinen Werkplatz eingerichtet. Am Fenster steht ein Tisch. Die Wände sind mit Tablaren versehen, gefüllt mit Kisten und Kästchen – alle sind beschriftet, alles hat seinen Platz.

Das Werkzeug lagert in Griffnähe. Wüthrich führt vor, wie er mit Pinzette und Skalpell Holz und Kunststoff bearbeitet. Zeigt, wie er Messing lötet und geduldig mit der Hand feinste Pinselstriche ziehen kann. Ein echter Modellbauer. «Mir gefällt diese exakte und ruhige Arbeit. Sie liegt mir.»Modellbau sei aber auch Kopfarbeit. «Pläne sind zwar hilfreich, aber Vorstellungsvermögen ist zwingend», sagt Wühtrich, «denn es gibt nichts Schlimmeres, als wenn Proportionen nicht stimmen.»

Er selber mag zudem nicht, «wenn Modelle so gestaltet sind, dass sie alt oder abgenutzt aussehen». Möwendreck auf dem Deck oder rostige Geländer und Schrauben finden sich auf seinen Schiffen nicht. Und Wüthrich ist ein Perfektionist. Um genaue Angaben zu den Farbtönen der Cap San Marco zu erhalten, kontaktierte er die deutsche Reederei, für welche der Frachter von 1961 bis zu seiner Verschrottung 1985 Waren von Europa nach Südamerika transportierte.

Glücklich und stolz

Vor acht Jahren hat Wüthrich mit dem Bau der Cap San Marco begonnen. Vor wenigen Wochenwurde er mit dem Modell fertig. «Das ist eine lange Zeit, aber ich habe mich auch nicht täglich damit beschäftigt.» Ein kleines Unglück ist ihm passiert, als er die letzten Arbeiten am Schiff beendet hatte.

«Eine Deckenlampe fiel im Werkzimmer auf das Schiff, ein Mast aus Plexiglas brach, und ich musste ihn ersetzen.» Das war ärgerlich, doch nun überwiegen andere Gefühle, «ich bin stolz und glücklich, dass mir dieses Schiff, das ich ohne Vorgaben selber konstruiert habe, so gut gelungen ist». Bis Ende Juni ankert die Cap San Marco im Schaufenster an der Lorrainestrasse und kann dort besichtigt werden.

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Berner Zeitung

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