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Der Überlebensversicherer der Young Boys

Seine Millionen retteten Bern den Spitzenfussball, als YB auf der Intensivstation lag: Der Meistertitel ist für den Berner Bauunternehmer Bruno Marazzi eine besondere Genugtuung.

Investierte in YB, als es finster war: Bruno Marazzi.
Investierte in YB, als es finster war: Bruno Marazzi.
Andreas Blatter

Eine Vorbemerkung ist im Fall von Bruno Marazzi (71) obligatorisch: Gelb-schwarz im klassischen Sinn tickt der Berner Bauunternehmer nicht. Das Fanherz des Emmentalers schlägt für Eishockey und die Tigers aus Langnau, wo es einen Marazzi Family Corner gibt. Besonders gefalle ihm, hält er im Gespräch fest, die bodenständige, eskalationsfreie Art, wie in Langnau Erfolge gefeiert werden. Die oft alkoholgetränkten, mitunter von Gewalt begleiteten Eskapaden hartgesottener Fussballultras missfallen Marazzi. «Sehr schade», findet er, aber was man dagegen machen könne, wisse er auch nicht.

Dass Marazzi, dessen Grossvater aus Norditalien eingewandert war, in den fussballerisch finsteren 90er-Jahren trotzdem bei den Hauptstädtern von YB einstieg, hat mit zwei Dingen zu tun: mit seinem Geschäftssinn. Und seinem sozialen Gewissen.

Bruno Marazzi ist der Erfinder des multifunktionellen Sportstadions, einer Art Perpetuum mobile, das in etwa so funktioniert: Eine erfolgreiche Fussballmannschaft macht das Stadion zum Kultort, der Unternehmen anzieht, die sich in den grosszügigen Kommerzflächen im Stadionbauch einmieten und mit ihrem Business dazu beitragen, den chronisch defizitären Profisportbetrieb querzufinanzieren.

Wie im Krimi

Losinger Marazzi hatte als Ge­neralunternehmerin bereits das St.-Jakob-Stadion in Basel in diesem Geist gebaut und machte sich nun daran, das bröckelnde Wankdorfstadion durch das topmoderne Stade de Suisse zu ersetzen. Bedingung: Aus der Stadt und dem Kanton Bern sollte kein ­öffentliches Geld in den Stadionbau fliessen. Adolf Ogi, Berner SVP-Bundesrat, trieb das nationale Sportanlagenkonzept voran, aus dem 10 Millionen Franken an den Stade-de-Suisse-Bau flossen. Die restlichen 340 Millionen Franken trommelte Marazzi selber zusammen.

Ausgerechnet in diesem Moment stürzten die Young Boys in ihre schwerste Krise. Sportlich drohte der Fall aus der damaligen Nationalliga B in die bedeutungslose 1. Liga, wirtschaftlich torkelte YB am Rand des Ruins.

«Berner sind nur dann risikobereit, wenn der Erfolg sicher ist.»

Bruno Marazzi

Marazzi griff ein, um seine Stadionidee zu retten. «Ich bewahrte die Young Boys vor dem Konkurs», erinnert er sich an die krimiähnliche Dramatik im Fussballbern von 1997. Er habe das nicht nur aus wirtschaftlichen Überlegungen getan, sagt Marazzi, sondern auch, weil er ein Zeichen setzen wollte für die Jugend, für die Zuversicht.

Insgesamt 17 Millionen Franken steckte er in den düsteren Jahren, als in Bern nur noch ­Romantiker an YB glaubten, nach eigenen Angaben selber in den Stadtberner Spitzenfussball. Später stellte er den Kontakt her zum Zürcher Sportmäzen Andy Rihs, der vorletzte Woche starb, und dessen Bruder Hansueli. Und er gleiste so den dauerhaften «Fussball-Finanzausgleich» auf, über den Zürcher Millionen das Berner Fussballmeistermärchen 2018 alimentieren.

Stiller Genuss

Schon vor zwanzig Jahren hatte sich Marazzi, der seine Unternehmung 2006 an den Bouygues-Konzern verkaufte, bemüht, Berner Investoren für YB zu finden. Erfolglos. Es fehle in Bern nicht unbedingt am Geld, sondern bis heute auch am Willen und am Optimismus, findet Marazzi. Und er fügt einen Satz an, der auch in diesem triumphalen Moment Berns Seele auf den Punkt bringt: «Berner sind nur dann risikobereit, wenn der Erfolg sicher ist.»

Als der Erfolg da war, vorgestern Samstagabend, sass Bruno Marazzi, stylisch wie immer, die YB-Schärpe um den Hals, im Stade de Suisse. Nach Spielschluss sah man durch den Pyronebel kurz seine stets luftige Frisur oben auf der Tribüne, und man konnte sicher sein: dass er diesen Augenblick der Genugtuung still, aber sehr genoss.

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