«Der Wahlkampfmodus ist vorbei»

Köniz

Seit einem Jahr ist Annemarie Berlinger die starke Frau in Köniz. Wie sich der Alltag der Gemeindepräsidentin verändert hat, warum sie den grossen Auftritt meidet und wie sie zu einer Fusion mit Bern steht.

Annemarie Berlinger ist seit einem Jahr im Amt.

Annemarie Berlinger ist seit einem Jahr im Amt.

(Bild: Raphael Moser)

Frau Berlinger, Ihr erstes Jahr als Könizer Gemeindepräsidentin ist vorbei. Wie gefällt Ihnen der Job?
Annemarie Berlinger: Es ist die beste Arbeit, die ich je hatte.

Warum?
Das Amt ist unglaublich vielseitig. Es gibt Tage, da beschäftige ich mich am Morgen mit strategischen Fragen – und am Nachmittag habe ich eine Bürgerin am Tisch, die mit einer Strassenlampe unzufrieden ist. Das «fägt».

Was mögen Sie nicht am Amt?
Es gibt von vielen Seiten Erwartungen: in der Verwaltung, im Parlament, in meiner Partei, bei den Vereinen, den Leuten auf der Strasse. Da war es für mich anfangs nicht einfach, meine Rolle zu finden. Und: Der Druck ist ständig da, die Tage sind voll. Aber ich möchte es nicht missen. 

In den Medien hat man Sie im ersten Jahr nur selten wahrgenommen – im Vergleich zu Ihrem Vorgänger Ueli Studer, der sehr präsent war. Meiden Sie den grossen Auftritt?
In den Medien zu sein, heisst nicht nur Gutes, sondern kann auch Probleme bedeuten. Ich bin froh, dass 2018 nichts Heikles passiert ist. Abgesehen davon bin ich nicht der Typ, der die mediale Aufmerksamkeit sucht. Ich bewege mich lieber in kleinen Schritten vorwärts, die in den Medien nicht so wahrgenommen werden, als dass ich grosse Sätze mache – und im Nachhinein zurückkrebsen muss.

Im Wahlkampf hatten Ihnen Ihre Gegner vorgeworfen, Sie seien dünnhäutig. Sind Sie das?
Nein. Sonst wäre ich heute nicht da, wo ich bin. Ich bin manchmal emotional. Dünnhäutig zu sein, heisst für mich hingegen, dass man nicht die richtigen Argumente bringt und deswegen aufbraust. Das tue ich nicht.

Im Gemeinderat arbeiten Sie nun mit Personen zusammen, die im Wahlkampf zuweilen noch unzimperlich mit Ihnen umgegangen waren. Wie funktioniert die Zusammenarbeit?
Sie funktioniert gut. Wir haben viel miteinander zu tun, sehen uns jede Woche, die Stimmung ist gut. Wir haben eine gute Basis gelegt für die nächsten Jahre. Der Wahlkampfmodus ist vorbei.

Aus politischer Sicht dürfen Sie nicht zufrieden sein mit dem ersten Jahr. Ihr wichtigstes Geschäft – die geplante Steuererhöhung – scheiterte erneut. Haben Sie versagt?
Wenn man das Scheitern der Steuererhöhung als Versagen des Gemeinderats ansieht, dann vermutlich ja. Aber ich denke, das Ganze ist vielschichtiger. Wir haben das Bestmögliche gegeben, dem Parlament unsere Pläne schon früh so darzulegen versucht, dass die Massnahme nachvollziehbar ist. Leider ist uns das nicht ganz gelungen. Ein Scheitern wäre es aber gewesen, wenn wir gar nichts getan hätten. Als Gemeinderat haben wir unsere Aufgabe erfüllt. 

Den wohl grössten Erfolg verzeichnete der Gemeinderat mit dem Ja zur neuen Orts­planungsrevision. Hat der Ausgang dieser Abstimmung für die Niederlage bei der Steuererhöhung entschädigt?
Dass die Steuererhöhung abgelehnt wurde, war für mich keine Niederlage. Ich verstand es als Auftrag, den Plan zu ändern und anzupassen – und es 2019 erneut zu versuchen. Schliesslich signalisierte das Parlament, dass es für eine Steuererhöhung ist, aber nicht unter den aktuellen Bedingungen. Wäre die Ortsplanung vor dem Volk gescheitert, wäre das eine ‹strube› Niederlage gewesen. Da hätte man nicht einfach nachbessern und ein Jahr später nochmals kommen können. Umso glücklicher sind wir, dass die Vorlage so deutlich durchgekommen ist.

Auch da haben Sie den Auftritt anderen überlassen, konkret dem Ressortvorsteher Christian Burren. Warum eigentlich?
Köniz hat fünf vollamtliche Gemeinderäte. Die Direktionen sind klar aufgeteilt, jeder hat seine Dossiers. Ich finde es richtig, wenn bei einem Projekt dann auch die inhaltlich zuständige Person hinsteht – bei Schwierigkeiten wie Erfolgen. Das ist mein Verständnis von Teamarbeit. 

Was waren für Sie die Highlights im vergangenen Jahr?
Da hat mir vieles Freude bereitet. Zum Beispiel durfte ich Mujinga Kambundji zu ihrer Bronzemedaille an der Hallen-WM gratulieren. Dann wurde Floorball Köniz zum ersten Mal Unihockey-Schweizer-Meister. Solche Dinge zeigen, dass Köniz eine Ausstrahlung bis weit hinaus hat.

Nach Ihrer Wahl zur ersten Könizer Gemeindepräsidentin überhaupt sagten Sie, dass Sie als Frau die Akzente anders setzen würden als ein männ­liches Gemeindeoberhaupt. Inwiefern haben Sie das getan?
Für mich sind die persönlichen Kontakte sehr wichtig. Anfangs sind die Mitarbeiter teilweise fast erschrocken, wenn ich persönlich in ihrem Büro vorbeikam. Manchen ist das in dreissig Jahren nie passiert. Ich denke, diese Nähe wird geschätzt. Mein Ziel war es eigentlich auch, jeder Person aus meiner Direktion jeweils persönlich zum Geburtstag zu gratulieren. Leider ist mir das nicht ganz gelungen. 

Wie hat sich Ihr Alltag seitdem neuen Amt verändert?
Die klare Trennung zwischen Arbeit und Freizeit gibt es nicht mehr. Nach den ersten paar Monaten musste ich mir sagen: Wenn ich mit dieser Intensität weitermache, kommt es nicht gut. Ich musste etwas runter­fahren. Denn man könnte immer an irgendetwas arbeiten. Es hat Berge von Arbeit.

Begegnen Ihnen die Leute anders als vorher?
Manchmal gibt es eine falsche Distanz. Etwa an Anlässen, an denen ich als Privatperson bin, werde ich nun oft als Gemeindepräsidentin wahrgenommen. 

Was wünschen Sie sichfürs neue Jahr?
Ich persönlich bin sehr zufrieden. Das kann meiner Ansicht nach auch Köniz sein. Die Grösse unserer Gemeinde ermöglicht uns eine grosse Selbstständigkeit. Das Wort von Köniz hat in der Region Gewicht. Ich wünsche mir, dass wir unsere Entwicklung mit grossen Projekten wie etwa im Ried beibehalten und weiter vorwärtsgehen können.

Vorwärts geht es derzeit auch mit den Fusionsbestrebungen zwischen der Stadt Bern und Ostermundigen. Wann springt Köniz auf den Zug auf?
Der Gemeinderat hat das Thema Fusion diskutiert. Er sieht keinen Handlungsbedarf und wird sich auch nicht an der Machbarkeitsstudie beteiligen. Wir sind selber gut unterwegs, und es braucht auch Gemeinden in der Grösse von Köniz.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt