Der wilde Westen ist besser als sein Ruf

Ausländer-Ghetto. Arbeitslosen-Hochburg. Ab vom Schuss. Seit jeher geniesst der Westen im restlichen Bern einen zweifelhaften Ruf. Was ist an den Vorurteilen dran? Der Versuch einer Relativierung.

Bümpliz hat mit vielen Vorurteilen zu kämpfen.

Bümpliz hat mit vielen Vorurteilen zu kämpfen.

Christoph Albrecht

Es ist eine Beziehung, die von Anfang an belastet war. Vor knapp 100 Jahren schloss sich das eigenständige Dorf Bümpliz mit der Stadt Bern zusammen. Die Heirat erfolgte jedoch nicht aus Liebe, sondern aus Not.

Nur eine Fusion konnte die verarmte Gemeinde aus dem Westen seinerzeit noch retten. In der Stadt Bern hielt sich die Begeisterung über den neu gewonnenen Stadtteil zunächst in Grenzen. Schliesslich ging man die Partnerschaft mit dem Sorgenkind dann aber doch noch ein.

Heute sind die Umstände der damaligen Zwangsheirat weitgehend vergessen. Ein gewisser Graben klafft zwischen dem Westen und dem Rest der Stadt Bern aber noch immer – zumindest in den Köpfen.

Vorurteil 1: Der Westen ist das Ghetto von Bern.

Isolierter Stadtteil. Ausgegrenzte Bewohner. Ethnische und religiöse Minderheiten. Arbeitslose und Arme. Diese Schlagworte fallen mitunter, wenn von einem Ghetto im modernen Sinne die Rede ist. So etwa in gewissen Quartieren in Grossstädten, wo sich eine Art Parallelgesellschaft gebildet hat. Ob das alles aber auch auf Bern West zutrifft?

Die Statistik stützt das Vorurteil in einzelnen Punkten. Nach wie vor ist Bümpliz-Oberbottigen beispielsweise der Stadtteil mit dem höchsten Ausländeranteil. Insgesamt 11'000 Ausländer wohnen hier, jeder dritte der Stadt. Auch die Arbeitslosenquote ist im Stadtteil 6 überdurchschnittlich hoch. Von knapp 2500 arbeitslosen Stadtbernern leben rund 1000 in Berns Westen (Stand Ende 2013). Und: Mit knapp 17 Prozent weist der Westen mit Abstand die höchste Armutsquote auf.

Ein sozialer Brennpunkt sei Bern-West deshalb aber noch lange nicht, sagt Bernardo Albisetti, Präsident der Quartierkommission Bümpliz-Bethlehem. «Bümpliz hat sehr gut funktionierende Strukturen und ist sicher kein vernachlässigtes Quartier.»

Auch städtebaulich sei der Stadtteil gut gestaltet, habe ein Gesicht und eine Identität – im Gegensatz zu vielen anderen Orten im Mittelland. «Bümpliz ist alles andere als trostlos.» Die Statistik könne man zwar nicht wegdiskutieren, sie tue der Qualität des Quartiers aber keinen Abbruch.

Vorurteil 2: Der Stadtteil im Westen ist ab vom Schuss und zum Leben uninteressant.

Es ist so: Geografisch tanzt Bern-West aus der Reihe. Im Vergleich zu den anderen Vierteln wirkt der Stadtteil 6 entlegen. Wer etwa in Bümpliz wohnt und in die Innenstadt in den Ausgang will, braucht dafür mindestens so lange wie jemand, der in Ostermundigen wohnt.

Deutlich wird diese Abgeschiedenheit aus der Perspektive von Riedbach als westlichsten Zipfel des Stadtteils: Von hier aus liegt der Berner Bahnhof etwa gleich weit entfernt wie der Kanton Freiburg.

Bümpliz, ein unattraktives, abgelegenes Kaff auf Stadtboden? Mitnichten, findet Bernardo Albisetti. «Den geometrischen Mittelpunkt der Stadt bildet das Weyerli», entgegnet er. Weshalb sich das Vorurteil dennoch hartnäckig hält, ist für ihn klar: «Die Leute kennen Bümpliz nicht.»

Erstens würden viele die Autobahn als eine Art Riegel zwischen dem Westen und dem Rest der Stadt Bern wahrnehmen. Zweitens führe keine Hauptverkehrsachse durch das Dorf, womit es für die Restberner schlicht nicht auf dem Weg liege.

Dabei sei gerade Letzteres ein grosses Plus, findet Albisetti. «Wir kennen keine Verkehrsprobleme.» Und dennoch sei Bern-West mit fünf S-Bahnstationen und drei Autobahnausfahrten bestens erschlossen.

In der Tat gibt es durchaus Faktoren, die den Stadtteil 6 zum Leben attraktiv machen. Ein bestechendes Argument dürften die tiefen Mietpreise sein. Gemäss Statistik Stadt Bern kostet eine Dreizimmerwohnung in Bümpliz durchschnittlich gerade einmal 924 Franken pro Monat.

Das sind rund 225 Franken weniger als im Stadtberner Durchschnitt. Laut Albisetti würden diese Vorzüge sowohl von gebürtigen als auch von zugezogenen Quartierbewohnern geschätzt. Und nicht nur das: «Wer einmal in Bümpliz landet, geht nicht mehr von hier weg.»

Vorurteil 3: Was Probleme machen könnte, wird in den Westen abgeschoben.

Der Standplatz für Fahrende und die Recyclingfirma Resag in Buech sind schon Realität, die Hüttendorfzone für experimentelles Wohnen und die neue BLS-Werkstätte in Riedbach sollen noch folgen: In der Vergangenheit wurde Bern-West von heiklen Projekten nicht gerade verschont. Im Stadtteil wurde deshalb Kritik laut: Man fühle sich gegenüber der restlichen Stadt benachteiligt, so der Tenor.

Auf den Vorwurf ist einzugehen, findet auch Bernardo Albisetti. «Ein grosser Teil der Stadtverwaltung kennt unseren Stadtteil zu wenig gut.» Bei ihren Ideen übersehe sie deshalb oftmals die Argumente, die gegen Projekte in Bern-West sprächen.

Den neuen Standort der Recyclingfirma Resag in Buech bezeichnet er als «raumplanerischen Sündenfall». Albisetti zeigt aber auch Verständnis: «Bümpliz ist nun mal der grösste Stadtteil und hat mit seinem freien Raum noch am meisten Entwicklungspotenzial.»

Und er anerkennt, dass Institutionen wie das Haus der Religionen, das Erlebniscenter Westside oder die Hochschule der Künste dem Quartier auch einen Mehrwert gebracht hätten.

Vorurteil 4: Der wilde Westen ist ein heisses Pflaster.

Unter den Amateurfussballern in der Region sind sie gefürchtet – die Auswärtsspiele gegen den FC Bethlehem. Von den heissblütigen Spielern und Zuschauern lasse sich sogar manch ein Schiedsrichter einschüchtern, heisst es.

Das Klischee gilt indes nicht nur für die Fussballplätze westlich des Europaplatzes. Auch Parks, S-Bahnhöfe oder Schulhöfe seien vor allem nachts gefährlich, so das Vorurteil.

«Alles Chutzenmist», sagt Albisetti. Dass auf den Fussballplätzen eine «mediterrane Kultur in zuweilen testosterongeladener Atmosphäre» herrsche, könne gut sein. Bern-West sei deswegen aber nicht gefährlicher als andere Stadtteile.

Er werde jedoch tatsächlich immer wieder mit dem Klischee konfrontiert. «Das finde ich das schlimmste Vorurteil von allen.» Zumal an Orten wie der Aarbergergasse in der Innenstadt deutlich mehr passiere.

Dass Bern-West weniger kriminell ist als sein Ruf, bestätigt nicht zuletzt auch die Polizei: «Aktuell können wir keine Häufung von speziellen Einsätzen im Vergleich zu weiteren Stadtteilen von Bern feststellen», heisst es dort auf Anfrage.

Vorurteil 5: Der Westen stellt sich immer nur quer.

Ob beim Tram Bern-West oder beim Zonenplan Riedbach: Wo Restbern Ja sagt, stimmt der Stadtteil 6 dagegen. Die Tendenz hat sich bei städtischen Abstimmungen in der Vergangenheit bereits mehrmals bestätigt – nicht nur bei Vorlagen, von denen der Westen direkt betroffen war.

So legten die Bümplizer etwa auch beim 5-Millionen-Kredit für die Euro 2008 in Bern ein Nein in die Urne und stellten sich damit gegen Restbern quer.

Aus dem abweichenden Wahl- und Abstimmungsverhalten der Bern-Westler macht Bernardo Albisetti kein Geheimnis. «Rot-Grün dominiert hier nicht», sagt er. Soziologisch sei man im Westen anders strukturiert als etwa in der Länggasse oder im Breitenrain. Die Bevölkerung ticke anders. «Das ist aber kein Unglück.»

Viele würden sich immer wieder bemühen, die Gleichheit zwischen Bern-West und Restbern zu betonen. Die Andersartigkeit von Bümpliz werde zu Unrecht heruntergespielt. «Sie ist eine Tatsache, mit der wir gut leben.»

Berner Zeitung

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