Die Entdeckung der Nachbarschaft

Bern

Einmal pro Woche spazieren Manuela Steiger und Hedy Wyler gemeinsam durchs Quartier. Gefunden haben sie sich über ein Projekt der Stadt Bern, das solidarische Nachbarschaften fördern will.

Bei jedem Spaziergang ein paar Schritte mehr ohne Manuela Steiger links und Gehstock rechts: Das ist Hedy Wylers Ziel.

Bei jedem Spaziergang ein paar Schritte mehr ohne Manuela Steiger links und Gehstock rechts: Das ist Hedy Wylers Ziel.

(Bild: Nicole Philipp)

Lea Stuber

Nur die Post trennt ihre Wohnhäuser, doch bis vor zwei Monaten wusste die eine nicht von der anderen. Hedy Wyler, 90 Jahre alt, ist nicht mehr oft im Quartier unterwegs, hat mal da einen Termin beim Coiffeur und dort einen bei der Zahnärztin. Seit 64 Jahren wohnt sie im Steigerhubel, seit dem Tod ihres Mannes allein. Einmal im Monat reist ihre Schwester aus dem Emmental für einen Besuch in die Stadt. Über ihre Nachbarinnen sagt die ehemalige Telefonistin: «Ich bin immer meinen Weg gegangen, habe viel gearbeitet und zurückgezogen gelebt. Von den Nachbarn kenne ich niemanden gut.»

Manuela Steiger, 30 Jahre alt, arbeitet ausserhalb des Quartiers als Sozialpädagogin und wohnt seit 5 Jahren hier. Steiger sagt über ihre Nachbarn: «Ich verlasse das Haus morgens und komme erst abends wieder zurück. Wenn wir uns aber mal auf der Treppe über den Weg laufen, tauschen wir uns kurz aus.»

Reparaturen und Nachhilfe

Jetzt sitzen die zwei Frauen in Hedy Wylers Wohnzimmer am Couchtisch und sprechen über das Autorennen vom Wochenende, die kaputte Glühbirne im Gang und die Post, die bald schliesst. «Den Honig hast du mir beim letzten Mal nicht mitgebracht, oder?» – «Ui, den habe ich vergessen einzukaufen.» Steiger und Wyler haben sich über das Projekt «Nachbarschaft Bern» kennen gelernt (siehe Kasten). Wyler suchte eine Person für Spaziergänge und Einkäufe, Steiger wollte sich freiwillig engagieren. Das Projekt verbindet Nachbarinnen jeden Alters auch für Gartenarbeiten oder Reparaturen, Nachhilfe oder Kinderbetreuung. Wyler und Steiger sind eines von aktuell 72 Tandems. Laut Projektleiterin Simone Stirnimann beenden die meisten die Treffen nach einem Jahr: «Gerade, wenn die Freiwilligen jung sind und sich ihre Leben schnell verändern.»

Seit sie vor drei Jahren stürzte und ihren Arm verletzte, ist Hedy Wyler unsicher auf den Beinen, vor allem draussen auf der Strasse. An einem der monatlichen Mittagstische machte sie die Kirchgemeinde auf das Angebot der Stadt aufmerksam.

15 Minuten entfernt

Als sich Manuela Steiger zu alt fühlte für das Leiten von Jugendlagern, sah sie sich nach einer Alternative um. «Weil wir so nahe voneinander wohnen, können wir uns häufig sehen, ohne dass es zu viel Zeit braucht. Das gefällt mir.» Normalerweise wohnt ein Tandem höchstens 15 Gehminuten voneinander entfernt, und der wöchentliche Aufwand hält sich unter drei Stunden.

Wenn sich Steiger und Wyler treffen, spazieren sie zur Post, damit Wyler die Einzahlungen machen kann, und vielleicht noch zum Denner. «Wenn ich denn so weit laufen mag», sagt Wyler. Sonst macht Steiger die Einkäufe allein. Wylers Ziel: Jedes Mal ein paar Schritte mehr allein laufen. «Das merke ich immer. Sie hat einen starken Willen», sagt Steiger. Langsam dringt die Mittagshitze durch die Balkontür ins Wohnzimmer. Steiger muss los, zur Arbeit. Sie verabreden sich für nächsten Mittwoch. «Du musst sagen, wenn ich dich zu viel beanspruche», sagt Wyler. «Und denkst du an den Honig?» – «Klar», ruft Steiger, bevor sie ins Treppenhaus verschwindet.

Berner Zeitung

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