Zum Hauptinhalt springen

«Die Gasse wäre wieder da – und das ginge sehr schnell»

Die Bernerin Evelyn G. hat vor 14 Jahren die Gasse gegen die kontrollierte Heroinabgabe getauscht. Nur deshalb, sagt sie, habe sie überlebt. Und deshalb wäre ein Nein zur Revision des Betäubungsmittelgesetzes verheerend.

Das Leben hätte der heute 50-jährige Bernerin Evelyn G. eine ganz andere Geschichte schreiben können. Doch statt das Studium in Germanistik, Linguistik und Musikwissenschaften abzuschliessen und mit diesem Rucksack ihren Weg zu gehen, wurde der damals 26-Jährigen gerade die Zeit an der Uni zum Verhängnis. Die Eigenverantwortung, die Selbständigkeit, die von ihr verlangt wurden, hätten sie schlicht überfordert, erinnert sie sich. «Ich war tief unzufrieden, weil ich mich nicht motivieren konnte, weil ich ohne Druck von aussen nicht fähig war etwas zu leisten.» Genau zu jener Zeit habe ein Kollege sie wieder einmal gefragt, ob sie Heroin probieren möchte. War sie bis dahin standhaft, gab sie dieses Mal nach. «Ich war betrunken und probierte es. Und es war genau das Gefühl, welches ich schon lange gesucht hatte.» Sie habe sich auf Drogen sicher gefühlt, geborgen, aufgehoben. Ganz anders halt als im nüchternen Leben. Wobei sie wirklich nüchtern schon seit Jahren nicht mehr war. Vor dem Heroin hatte der Alkohol ihr Leben mitbestimmt. Vom wirklich nüchternen Leben habe sie als Teenager Abschied genommen, sagt sie.

200 Franken am Tag

Das Heroin machte mit ihr, was es mit den meisten macht, die es probieren: G. wurde sehr schnell abhängig. Als kurze Zeit später ihre Mutter erkrankte und starb, blieb sie definitiv hängen. Am 2. Februar 1992, an dem Tag, als der Platzspitz geräumt wurde, fing G. in Zürich in einem Buchladen eine neue Arbeit an. Tagsüber leitete sie den Laden. Am Abend und nachts dröhnte sie sich immer häufiger auf dem Letten zu.

Hatte Sie das Heroin und immer mehr auch Kokain bisher gesnieft, begann sie sich den Stoff jetzt in die Venen zu drücken. Immer mehr Stoff. Mit der Zeit so viel, dass sie am Arbeitsort Geld veruntreute, entlassen wurde und auf der Gasse landete. Ihre Sucht habe sie damals 200 Franken gekostet. Jeden Tag.

Zufall und Glück

Der Zufall holte sie von Zürich und von der Gasse weg. «Es war um meinen Geburtstag herum. Meine Schwester suchte mich, warum auch immer, fand mich, wie auch immer, holte mich erst zu sich und brachte mich dann zurück nach Bern.» Dort machte sie weitere Entzugsversuche. Hatte einen Therapieplatz. Alles vergeblich. «Ich war noch nicht soweit.»

Das Heroin zog sie zurück auf die Gasse. Nach Solothurn. Sie war Dealerin. Prostituierte sich. Bot anderen Süchtigen gegen etwas Reststoff saubere Spritzen und Spritzbesteck an. Fast zwei Jahre lang.

Dann wurde sie verhaftet. Mit Glück und guten Ausreden entkam sie einer Gefängnisstrafe. Zwei Monate bedingt auf zwei Jahre. «Ich hatte panische Angst vor dem Knast.» Damals sei in Solothurn und anderswo der kalte Entzug gang und gäbe gewesen. «Sie wollten uns den Teufel austreiben.»

Koda war die Wende

Am Tag der Gerichtsverhandlung rief sie bei Koda an, dem Berner Programm zur kontrollierten Drogenabgabe. Sommer 1994. Sie wurde aufgenommen. «45 Kilo wog ich damals.» Sie habe unter chronischer Gelbsucht gelitten. Leide immer noch darunter. «Viel länger hätte ich es nicht mehr gemacht. Für mich war das die Wende.» Evelyn G. kam von der Gasse weg. Nahm nach und nach weniger Heroin. Irgendwann nur noch die zwei täglichen Spritzen bei Koda. Reines, weisses Heroin. Bis heute. G. arbeitet als Köchin in einer Genossenschaftsbeiz in Bern. Lebt alleine in einer Berner Agglo-Gemeinde. Die Beiz ist ihr soziales Leben. Ihr Leben ist heute geregelt. Stabil. Aushaltbar. Ohne Abstürze. Aber immer noch nicht ganz ohne Drogen.

Wäre es nicht erstrebenswert, vom Heroin wegzukommen?

Natürlich. Das Aufhören alleine ist für mich aber kein Lebensinhalt. Warum nicht?

Dazu müsste ich zu viel ändern. Meinen Alltag. Meine Gewohnheiten.

Und das geht nicht?

Ich müsste einen direkten Ersatz finden für das Gefühl, welches mir das Heroin gibt. Das gibt es derzeit aber nicht.

Die Probleme sind noch da

Heute, 14 Jahre, nachdem sie die Gasse gegen die kontrollierte Herionabgabe getauscht hat; jetzt, wo sie ihr Leben wieder im Griff hat;?jetzt, wo sie Tritt gefasst hat in der Gesellschaft und nicht mehr am Rand steht – jetzt wird ihr noch einmal der Spiegel vorgehalten. Beim Gedanken daran, dass Herr und Frau Schweizer am 30. November die Teilrevision des Betäubungsmittelgesetzes und damit die gesetzliche Verankerung der kontrollierten Heroinabgabe ablehnen könnten, kommt in Evelyn G. die Angst hoch.

Warum ist die kontrollierte Heroinabgabe aus Ihrer Sicht nötig?

Ich sage nicht, dass Koda das alleine Seligmachende ist. Für mich ist das eher eine letzte Station. Früher folgte auf eine lange Drogenabhängigkeit begleitet von unzähligen gescheiterten Entzugsversuchen und Therapien zwangsläufig früher oder später der Tod.

Und heute?

Heute muss nicht jeder diesen Weg bis zu Ende gehen. Die Drogenabgabe setzt dort ein, wo alles andere versagt hat, wo auch wir selber versagt haben. Wenn man jetzt sagt, das brauche es nicht, nur weil man nicht mehr täglich die Bilder vom Letten sieht, dann finde ich das hirnrissig. Das Problem ist damit nicht verschwunden. Was passierte Ihrer Meinung nach?

Es würde sich wieder eine offene und sichtbare Szene bilden. Das ginge sehr schnell. Und was hiesse es für Sie: Gingen Sie zurück auf die Gasse?

Das kann ich zumindest nicht ausschliessen. Ich hätte extreme Existenzangst. Die Aussicht, dass das Koda geschlossen werden könnte, zöge mir den Boden unter den Füssen weg. Für mich wäre dann alles in Frage gestellt. Und das ist mit 50 schlimmer als vielleicht mit 20.

Der ganze Film noch einmal

Evelyn G. wirkte bisher ruhig beim Gespräch. Überlegt. Sicher. Jetzt zeigt sie Gefühle. Zieht heftiger an der Zigarette. Kaut ihre Lippen. Die richtigen Worte zu finden fällt ihr schwerer. Sie wirkt beunruhigt. Geldstress. Beschaffungsstress. Prostitution. Es ist fast so. als ob der ganze schlechte Film bei G. noch einmal innerlich ablaufen würde.

Die Gegner der Betäubungsmittelgesetzrevision sagen, mit der kontrollierten Heroinabgabe erschwere man den Süchtigen den Ausstieg.

Das ist Unsinn. Es gibt klare Auflagen, um in die kontrollierten Heroinabgabe zu kommen. Wer kurz auf Drogen ist, hat keine Chance. Man muss zudem mehrere Entzüge gemacht haben, also schwerstsüchtig sein. Das sei menschenverachtend, sagen die Gegner auch.

Ich bin heute 50. Mir geht es das erste Mal im Leben wirklich gut. Das ist doch nicht menschenverachtend. Die Frage ist vielmehr, ob nicht das, was danach käme, menschenverachtend wäre. Aber hat man, wenn man ohne Beschaffungs- und Finanzierungsstress Heroin bekommt, überhaupt noch das Ziel, von der Droge wegzukommen?

Das kann man nicht verallgemeinern. Die Jungen reden immer wieder vom Ausstieg. Und sie sollten das auch machen, unter tatkräftiger Unterstützung des Teams. Bei Leuten in meinem Alter aber spielt die Perspektive vom Leben an sich mit hinein. Natürlich wäre es mein grösster Wunsch, aufzuhören. Für mich sind aber viele Züge halt einfach schon abgefahren.

Ein Leben lang Drogen?

Kinder, sagt Evelyn G., hätte sie Kinder gehabt, dann wäre sie heute vielleicht drogenfrei. Aber eben, das sei einer dieser Züge, die abgefahren sind. Was sie hingegen von den Drogen wegtreiben könnte, wäre eine stabiles und auch intimes soziales Umfeld. Sie denke viel über ihre Zukunft nach. Möchte von der Quartierbeiz weg, in der sie seit 12 Jahren arbeitet. Etwas anderes machen. «Sonst komme ich hier nie weg.»

An was denkt sie? «Es gibt verschiedene Projekte», sagt Evelyn G. Nichts spruchreifes aber. Doch. Etwas eigenes möchte sie machen. «Einen Buchladen aufmachen zum Beispiel.»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch