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Die Hanfpflanze, das Messer und die Narbe

Am Dienstag stand ein junger Mann vor dem Regionalgericht. Er soll im Oktober 2016 an einer Bushaltestelle in Gümligen einen anderen Mann wegen einer Hanfpflanze niedergestochen haben.

Das Opfer pflückte im Garten der Eltern der Freundin des Beschuldigten eine Hanfpflanze. Das war der Auslöser für die Messerstecherei in Gümgligen vor über zwei Jahren.
Das Opfer pflückte im Garten der Eltern der Freundin des Beschuldigten eine Hanfpflanze. Das war der Auslöser für die Messerstecherei in Gümgligen vor über zwei Jahren.
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Er ist gross und sportlich, und als er aufsteht, sieht es aus, als ob nichts ihn umwerfen könnte. Er zieht den Kragen des Pullovers herunter, entblösst den oberen Teil der Brust. Eine Narbe, oben links, er zeigt sie den fünf Richtern, die hatten das gewünscht. Hin und wieder verspüre er Schmerzen in der Brust, sagt er, und jetzt komme alles wieder hoch. Ein Messerstich.

Er ist eher klein und dünn, und manchmal wirkt es, als versinke er fast in seinem Stuhl. Er spricht mit dünner Stimme und in wenigen Worten. Er kann dem Gericht nichts zeigen, er kann nur betonen, dass er Rechtshänder ist. Das Messer aber lag in der linken Hand. Mit der kann er wenig anfangen. Ein Messerstich?

Die Männer, beide über 20, sagten am Dienstag vor dem Regionalgericht Bern-Mittelland aus. Der eine als Privatkläger und Verletzter. Der andere als der versuchten vorsätzlichen Tötung Angeklagter. Sie schildern, was geschah am 4. Oktober 2016, nachts um 2 an der Haltestelle Melchenbühl in Gümligen.

Hanfpflanze im Plastiksack

Der Fall beginnt zuvor, als der Grosse eine Hanfpflanze pflückt – im Garten der Eltern der Freundin des Beschuldigten. Diesem gefällt das gar nicht, «beherrscht von Emotionen» steckt er ein Sackmesser ein und will den Täter zur Rede stellen. Er trifft auf ihn bei der Haltestelle, läuft hinter ihm her, sieht in einem Sack die Pflanze. Die Lage eskaliert.

Das Opfer kann sich nicht mehr an alles erinnern. Aber an Asphalt vor dem Gesicht, einen heftigen Schmerz, einen Fusstritt gegen den Kopf. Klar ist: Es wird mit dem Messer in die Brust gestochen, in der Nähe des Herzens. Später wird ihm im Spital fast ein halber Liter Blut aus der Brust gepumpt.

Der Beschuldigte sagt, der andere habe zuerst zugeschlagen. Das Messer habe er nur zur Verteidigung bei sich gehabt. Er habe nicht zugestochen, wie die Verletzung zustande gekommen sei, wisse er nicht. Auch mit dem Fuss habe er nicht getreten.

Verhandlung wurde abgebrochen

Was wirklich geschah, das bleibt vorerst offen. Am Mittag bricht der Gerichtspräsident die Verhandlung ab. «Es gibt Hinweise, dass beim Beschuldigten eine Entwicklungsstörung vorliegt.» Das Gericht verlangt nun ein psychiatrisches Gutachten.

Es ist nicht vorbei. Auch für den Mann mit der Narbe nicht.

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