«Die Kirche will es allen recht machen»

Der wortgewaltige Pfarrer und langjährige Gefängnisdirektor Hans Zoss fragt sich, ob die reformierte Kirche noch in unsere Zeit passt. Er würde sich wünschen, dass sie, wie einst Reformator Luther, die Leute auch mal vor den Kopf stosse.

Nahm und nimmt kein Blatt vor den Mund: Der frühere Pfarrer und Gefängnisdirektor Hans Zoss spricht Klartext über die reformierte Kirche.

Nahm und nimmt kein Blatt vor den Mund: Der frühere Pfarrer und Gefängnisdirektor Hans Zoss spricht Klartext über die reformierte Kirche. Bild: Andreas Blatter

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Herr Zoss, spüren Sie die Energie noch, die die Reformation vor 500 Jahren freisetzte?
Hans Zoss: Ich spüre ihre Konsequenzen. Mit dem Reformator Martin Luther begannen die Individualisierung und ein Demokratisierungsprozess. Im Organigramm der Kirche wurde die Kaderstufe des Priesters entfernt. In der katholischen Kirche ist er Mittler zu Gott. Luther aber fragte: Wie kann ich als Individuum direkt mit Gott in Verbindung treten? Seither ist die Individualisierung enorm vorangeschritten. Einen Kulminationspunkt sah ich kürzlich auf dem T-Shirt eines jungen Mannes. Da stand: «Me, Myself And I».

Im individualisierten Westen scheint man heute ohne Kirche auszukommen.
Im Bekanntenkreis habe ich schon gesagt, dass die Kirche ein Auslaufmodell sei. Sie passt nicht mehr in die heutige Zeit. Es könnte ihre Aufgabe sein, Leute zusammenzubringen und zu motivieren, sich für das Allgemeinwohl einzusetzen. Viele dieser ­zivilgesellschaftlichen Aufgaben hat aber der Staat übernommen.

Müsste die Kirche mehr wagen, pointierter werden?
Wissen Sie, was dann passiert? Die einen sagen, die Kirche sei zu wenig fromm. Die andern sagen, die Kirche sei zu politisch. Deshalb versucht die Kirche, es allen recht zu machen, viele Glaubensrichtungen unter ihrem Dach zu vereinigen und ja niemanden zu brüskieren. Ich habe als Pfarrer erlebt, dass die reformierte Kirche nicht den Mut hat, sich von evangeli­kalen oder fundamentalistischen Strömungen klar abzugrenzen.

Was haben Sie denn erlebt?
Ich wurde an einer Bezirkssynode von frommen Kreisen als liberal und ungläubig bezeichnet. Ich erwiderte, es sei überheblich, über Andersdenkende herzuziehen. Erst in der Pause dankten mir Kollegen dann. Ich fragte sie, warum sie mich nicht unterstützt hätten. Da sagten sie, sie wollten halt niemanden vor den Kopf stossen. Luther und Zwingli haben die Leute aber massiv vor den Kopf gestossen. Dieses radikale Element vermisse ich.

Braucht die Kirche radikale Pfarrer und Prediger?
Ich bin kein Revoluzzer. Aber ich finde, dass Pfarrer ehrlicher und intellektuell redlicher sein müssten. Wer Theologie studiert hat, weiss, wie die biblischen Schriften zustande kamen, wie sie einander widersprechen und dass man sie nicht wörtlich nehmen darf und kann, sondern ernst. Aber in vielen Predigten spürt man nichts davon.

Woran glauben Sie?
Ich bin ein Oben-ohne-Theologe. Ich glaube nicht, dass es einen über allem thronenden Gott als Wesen gibt, das meinen Alltag steuert. Warum traut man sich nicht offen zu sagen, dass Gott vielleicht eine Chiffre für Hoffnung, für Mut ist? Albert Schweitzer hat von einem universalen Willen zum Leben gesprochen. Dem kann ich als Theologe am ehesten «Gott» sagen.

Hat Ihnen als langjähriger Direktor der Strafanstalt Thorberg eigentlich geholfen, dass Sie reformierter Pfarrer sind?
Da wir viele muslimische Inhaftierte hatten, half mir, dass ich Theologe bin. Als ich neu im Amt war, kam der Sprecher der Muslime zu mir und sagte, jetzt sei dann Ramadan, da würden die Muslime nicht essen und nicht arbeiten. Ich sagte ihm, als Theologe mit dem Spezialgebiet Islam wüsste ich, dass man während des Ramadan zwar nicht esse, aber durchaus arbeite. Da grinste er ertappt.

Kann man von Ihnen einen Beitrag zum Jubiläumsjahr der Reformation erwarten?
Eigentlich nicht. Ich bin zu weit weg von der Kirche. Aber ich habe schon lange im Kopf, dass die Kirche den Mut haben könnte, eine «allgemeine Dienstpflicht» zu fordern. Von 18 bis 30 Jahren würde man je nach Fähigkeit und Verfügbarkeit eine gewisse Anzahl Stunden Dienst an der Gemeinschaft und Allgemeinheit leisten. Das wäre für mich Ausdruck einer neuen Reformation.

Hans Zoss(66) war reformierter Pfarrer in Wattenwil und ab 1984 an der Heiliggeistkirche in Bern, von 1994 bis 2011 leitete er als Direktor die Berner Strafanstalt Thorberg. Seine Äusserungen beenden die Serie von Interviews zum Reformationsjubiläum mit Theologen unterschiedlichster Herkunft. (Berner Zeitung)

Erstellt: 07.01.2017, 09:29 Uhr

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