Die Mieter hoffen auf das Volk

Ostermundigen

Eigentlich war die Aufstockung des Lindendorf-Quartiers beschlossene Sache. Doch nun haben Bewohner das Referendum ergriffen und erwirken damit eine Volksabstimmung.

<b>Im Lindendorf stehen zwölf Wohnblöcke.</b> Sie sollen um bis zu drei Etagen aufgestockt werden können.

Im Lindendorf stehen zwölf Wohnblöcke. Sie sollen um bis zu drei Etagen aufgestockt werden können.

(Bild: Christian Pfander)

Markus Zahno

Politiker sprechen von einem «visionären Projekt», Raumplaner gar von einem «Musterbeispiel der inneren Verdichtung». Entsprechend deutlich sagte das Gemeindeparlament letzten Monat Ja zur Aufstockung im Lindendorf, dem Wohnquartier am nördlichen Rand von Ostermundigen.

Die heute drei- und viergeschossigen Wohnblöcke sollen um bis zu drei Etagen erhöht werden können. Auf diese Weise würden 110 zusätzliche Wohnungen möglich, ohne einen Quadratmeter Grünfläche zu verbauen.

Doch das Ja ist noch nicht in trockenen Tüchern. Ein halbes Dutzend Mieterinnen und Mieter aus dem Lindendorf haben gegen den Parlamentsbeschluss das Referendum ergriffen. Bringen sie 300 gültige Unterschriften zusammen, erwirken sie eine Volksabstimmung.

Das scheint Formsache zu sein: «Schon jetzt haben deutlich über 300 Leute unterschrieben», sagt Adelheid Rüfenacht, die mit ihrem Mann seit 37 Jahren im Lindendorf wohnt und beim Referendum mithilft. Bis zum Ende der Frist in drei Wochen werde man bestimmt 550 bis 600 Unterschriften beisammenhaben.

Lieber sanft renovieren

«Wir spüren in der Bevölkerung grosses Verständnis für unser Anliegen», sagt Adelheid Rüfenacht. Viele Leute könnten zum Beispiel nicht nachvollziehen, dass 500 Meter nebenan, im Neubaugebiet Oberfeld, in den vergangenen Jahren lauter Häuser mit maximal drei Stockwerken entstanden seien. «Warum hat man nicht dort dichter gebaut?», fragt Rüfenacht. Sie ist überzeugt, dass das Lindendorf die Zeche für das Versäumnis im Oberfeld zahlen müsse.

Adelheid und Willy Rüfenacht setzen sich zur Wehr. Foto: Iris Andermatt

Viele Lindendorf-Bewohner befürchten: Wenn die Wohnblöcke komplett saniert und aufgestockt würden, verschwänden alle Attikawohnungen, und bei den unteren Wohnungen würde der Mietzins deutlich steigen. Statt eines Gesamtumbaus sollen die Hausbesitzer deshalb eine sanfte Renovation ins Auge fassen. «Neue Küchen und neue Bäder, viel mehr braucht es nicht», sagt Rüfenacht. Sie hofft, dass dies auch die Mehrheit der Bevölkerung so sehen wird.

Abstimmung erst später

Im Lindendorf stehen 12 Wohnhäuser mit insgesamt 228 Wohnungen. Sie haben zehn verschiedene Besitzer: Pensions­kassen, Anlagestiftungen und Immobilienfirmen. Zum Teil haben sie ihre Liegenschaften vor kurzem bereits saniert; dort wird in nächster Zeit kaum aufgestockt. Die Mehrheit der Häuser hat seit dem Bau vor knapp 40 Jahren aber keine grösseren Erneuerungen erfahren.

«Es dürfte in nächster Zeit also so oder so Sanierungen geben – ob mit oder ohne Aufstockung», sagt Gemeindepräsident Thomas Iten (parteilos). Wie die Mietzinse nach den Sanierungen aussähen, könne die Gemeinde nicht beeinflussen.

Dem Argument, das Lindendorf zahle die Zeche für das zu wenig dicht bebaute Oberfeld, widerspricht Iten ebenfalls: «Im Verhältnis zur Gesamtfläche ist das Oberfeld heute dichter bebaut als das Lindendorf.» Würden die Lindendorf-Blöcke aufgestockt, wären die beiden Quartiere ungefähr gleich dicht überbaut.

Angesichts der Tragweite des Projekts wollte der Ostermundiger Gemeinderat die Lindendorf-Aufstockung am 19. Mai freiwillig vors Volk bringen. Das Parlament lehnte dies ab.

Dass die Mieter nun das Referendum ergriffen haben, überrascht Thomas Iten nicht. Nun reiche die Zeit aber nicht mehr, die Abstimmung im Mai stattfinden zu lassen. Voraussichtlich wird sich das Volk am 19. Oktober zum Lindendorf äussern können.

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